Über den toten Spatzen berichten die Zeitungen der Welt. Der Soldat, der am selben Tag starb, war das Opfer eines Krieges, der völkerrechtlich keiner ist und folglich auch nicht so genannt werden darf. Der Spatz starb in den Niederlanden, er wurde mit einer Schrotflinte erschossen, weil er die Austragung einer Domino-Meisterschaft gefährdete, die vom Fernsehen übertragen werden sollte. Der Soldat war Deutscher, er starb in Afghanistan durch einen Selbstmordattentäter. Bei einem Einsatz, der Deutschlands Sicherheit am Hindukusch und so weiter, und den man selbst heute noch, fast fünf Jahre später, auf offizieller Seite nicht wirklich Krieg nennen möchte.
Zwischen dem toten Spatzen in Leeuwarden und dem toten Soldaten in Kabul besteht ein einziger Zusammenhang: über beide wurde in den Zeitungen berichtet. Über den toten Spatzen weltweit. Über den toten Soldaten nicht. Filmemacher Philip Scheffner ist jemand, dem von Haus aus beide Nachrichten auffallen mussten. Die über den toten Vogel, weil Scheffner schon als Kind mit seinen Eltern Vögel beobachtete. Und die über den toten Soldaten, weil Scheffner kein Freund einer schleichenden Militarisierung der Gesellschaft ist, gegen die die Mehrheit nicht mal protestiert. Und auch kein Freund, wie sich im Laufe seines Films herausstellt, eines inneren Sicherheitsapparates, der jeden wie einen Staatsfeind und Terroristen behandelt, der sich aus Protest zu Attacken auf Bundeswehrmaterial hinreißen lässt.
Das dokumentarische Drehen und das Vogelbeobachten, sagt Scheffner, erfordern die selbe Methode: ein geducktes Ansitzen mit dem Fernglas, mit der Kamera, ein laut- und bewegungsloses Verschwinden in Buschwerk oder Tapetenmuster, damit das Sujet der Beobachtung nicht merkt, dass man überhaupt anwesend ist. Und sich deshalb so natürlich verhält wie möglich. »Der Tag des Spatzen« heißt Scheffners Film, und mit ein paar Spatzen beim fröhlichen Bad beginnt er auch – eine intendierte Provokation. Denn während der Tod des Spatzen so viel Aufsehen erregte, dass er ausgestopft im Naturkundemuseum landen sollte – was aber nicht ging, weil er mittlerweile vom niederländischen Justizministerium »aus dem Umlauf entfernt« worden war –, führte der Tod des Soldaten zu keinem internationalen Aufschrei, keinem politischen Richtungswechsel, kaum öffentlichem Nachdenken.
Die Spur des Spatzen also verliert sich in einer Asservatenkammer, die des Soldaten auf dem Friedhof. Was aber ist mit denen, die erst noch von deutschen Kasernen aus in den Hindukusch geflogen werden? Über die entschieden wird von militärischen Dienststellen, deren Namen und Standort der Normalbürger im Zweifelsfall nie auch nur gehört hat? Scheffner machte sich auf die Suche. Nach dem Schicksal von Vögeln, die für Flugzeuge eine Gefahr darstellen und deshalb im Umkreis (nicht nur) von Militärflughäfen nicht gern gesehen werden. Und nach einem Ansprechpartner innerhalb der Bundeswehr, der sich mit ihm vor laufender Kamera darüber unterhalten mochte, was genau das denn am Hindukusch ist, wenn dabei Leute sterben.
Die Vögel fand er, die Dienststellen auch. Nur reden mochte keiner, jedenfalls nicht vor der Kamera. Scheffner fand einen Ausweg – und ein paar Soldaten, die heute keine mehr sind, dafür noch am Leben, und deshalb reden können.
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