Die Ermittlungsabläufe scheinen gestört – keine verwertbaren Fingerabdrücke, keine DNA, keine glaubwürdigen Zeugen, nur unbrauchbare Phantombilder. Und das Tatmotiv? Es liegt auf der Hand. Oder auch nicht. Der Mordanschlag auf den Passauer Polizeichef Alois Mannichl am 13. Dezember 2008 gibt serienweise Rätsel auf: Seit 500 Tagen ermittelt die bayerische Kripo. Alle Spuren bleiben vage, bis sie irgendwo im Nichts verschwinden. Dabei gab es um die 3000 Hinweise. Weit mehr als 2000 Bürger sollen befragt worden sein.
An jenem Dezembertag hatte es bei Mannichls in Fürstenzell nahe Passau geklingelt. Als der Polizeidirektor öffnete, wurde er nach kurzem Gerangel niedergestochen – mit einem Messer, das er selbst draußen liegen gelassen hatte. Der Täter soll »Schöne Grüße vom nationalen Widerstand, Du linkes Bullenschwein trampelst nicht mehr auf den Gräbern unserer Kameraden herum« gerufen haben, dann war er verschwunden – 1,90 Meter groß, 25 bis 35 Jahre alt, Glatze, Tätowierung am Hals.
Die regierende Politik plädiert für ein neues Verbotsverfahren gegen die NPD. Bundeskanzlerin Angela Merkel nennt die Tat einen Anschlag »auf uns alle«. Bayerns Ministerpräsident und sein Innenminister philosophieren an Mannichls Krankenbett neuerlich über das Verbot. Später ist von alldem nichts mehr zu hören. Eine Nachbarin Mannichls will Täter an der nahen Tankstelle gesehen haben – tätowiert mit einer Schlange und einem religiösen Kreuz, das von einem senkrechten Pfeil durchstoßen wird. Die Ermittler misstrauen der Zeugin. Zumal weder sie noch Täter auf Filmen der Videokameras zu sehen sind, die die Tanke überwachen. Die Signaturen sagen Fachleuten nichts.
Den Passauer Kriminalisten wird der Fall entzogen. In Sachen Chef zu ermitteln, birgt Risiken der Befangenheit. Das LKA München übernimmt. Die Soko wird auf 50 Ermittler hochgefahren, heute befassen sich nur noch zehn Beamten mit den kalten Spuren. Auch die ungewöhnlich hohe Summe von 20 000 Euro, die für zielführende Hinweise ausgelobt werden, bringt die Ermittler nicht weiter. Verdächtige werden festgenommen, um sie wieder zu entlassen. Alle verfügen über wasserdichte Alibis. Die Pannenserie treibt die Ermittler dazu, von vorn anzufangen. Dabei gerät Mannichls Familie ins Visier – ohne Ergebnis. Ein Gutachten schließt aus, dass sich der Polizeidirektor die Stichwunde selbst beigebracht haben könnte.
Dass die Naziszene verdächtigt wird, kommt nicht von ungefähr. Passau hatte seit langem Probleme mit ihr, wie im Rathaus zu erfahren ist. In der hiesigen Nibelungenhalle versammelte sich in den 80er Jahren häufig die DVU. Der Nazibau war für sie Mythos und Symbol. Man sah Kennzeichen aus der gesamten Bundesrepublik und dem nahen Ausland, kaum eines aus Passau. Die Stadt verweigerte der DVU die Halle und unterlag ständig vor Gericht. Die DVU sei eine zugelassene Partei, müsse deshalb behandelt werden wie die CSU zum Aschermittwoch. Bürger signalisierten Protest – auf Kundgebungen, mit Ausstellungen und Diskussionen in Schulen.
Rathaus und Wirt der Nibelungenhalle inszenierten einen Bewirtungsboykott. Das war das Ende der DVU-Treffen. Wenig später wurde die Halle abgerissen. Die Szene suchte hernach in Passau ein Vereinslokal – vergeblich. Nur im nahen Fürstenzell wurde man fündig. Von hier gingen dann auch Gewaltstraftaten aus. Mannichl, heute Kripochef von Niederbayern, war immer wieder rigoros gegen die Szene vorgegangen, stellte sich ihr mit seinen Leuten in den Weg, ob auf dem Friedhof oder bei Demos in der Stadt. Weshalb er sich den Zorn der NPD bis in deren Berliner Zentrale zugezogen hatte. Man beschimpfte den Polizeichef, nannte ihn einen »prügelnden Demokraten«.
Bis heute scheint die Soko noch immer nur dürftige bis gar keine Ergebnisse vorweisen zu können. Deshalb herrscht offenbar eine gewisse Informationssperre. Auf eine ND-Anfrage zum Stand der Ermittlungen verwies das bayerische LKA auf fehlende Zuständigkeit und deshalb auf die Staatsanwaltschaft Passau. Eine Mail-Anfrage an diese Behörde blieb auch am sechsten Tag ohne Antwort.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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