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Louise Bourgeois: »Nature Study«, 1984/2001
Foto: ©VG-Bildkunst, Bonn 2010
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Als ich durch die Straßen rannte, wiederholte ich mir wieder und wieder den Satz: »Was ist das wahre Ich?«
Henry Miller, »Sexus«, 1987
Die Frühlingssonne steigt. Die Körpersäfte tun's ebenso und eine Kunstschau kocht sie hoch und setzt noch eins drauf: »Double Sexus«. Doch halt, der Ausstellungstitel spielt nicht auf intime Zweisamkeit an, das wäre die falsche Assoziation. Wer Schwüles erwartet, der dürfte unbefriedigt nach Hause gehen. Richtig ist: »Double«, doppelt, bedeutet zum einen, dass es zwei Künstler sind, die im Blickfeld stehen, und zum anderen ist das Thema gemeint, das in beider Werkgestalten eine Rolle spielt: die doppelte Geschlechtlichkeit. Hans Bellmer (1902-1975), dessen Kunst sich daraus speist, dass er sich gegen den tyrannischen Vater, Gesellschaft und herrschende Moral auflehnte, und Louise Bourgeois, (geb. 1911), die ebenfalls Kindheitserlebnisse, ein durch den fremdgehenden Vater angerichtetes Lebenstrauma, verarbeitet und ein ähnlich gesellschaftskritisches Spiel um menschliche Identität betreibt. Überdies gab Henry Millers Roman »Sexus« das Motto vor: Der Sexus als Form innerer Befreiung und Quell und Symbol künstlerischer Schöpfungskraft. Dem aber zugleich auch Zerstörerisches anhaftet.
Die Doppelausstellung hat einen beziehungsreichen Platz gefunden: im Marstall und im Vier-Schäfte-Saal des einstigen Ägyptischen Museums gegenüber dem Berliner Schloss Charlottenburg. In zwei der Räume also, in denen die Staatlichen Museen zu Berlin die »Surrealen Welten« der Sammlung Scharf-Gerstenberg ausbreiten. Diese und das Kupferstichkabinett besitzen einen bedeutenden Teil des Oeuvres des Surrealisten Bellmer. So stammen etwa 20 der 60 ausgestellten Werke aus eigenem Hause. Sie haben Ähnlichkeit mit Arbeiten der (beinahe) Zeitgenossin Bellmers, Louise Bourgeois, die in New York lebt und arbeitet und es sich nicht nehmen ließ, sich an der Ausstellungsorganisation zu beteiligen. Das führte zur Idee, beider Werke in Beziehung zu setzen. Und das geschieht hier erstmals, eine Weltpremiere. Die Unterschiedlichkeit beider Sicht aufs Thema ergibt einen zusätzlichen – »double« – Reiz.
Der Auftakt: ein wandgroßes Foto von Louise Bourgeois. Das Halbporträt des berühmten Fotografen Robert Mapplethorpe von 1982 zeigt die freundlich, selbstbewusst und verschmitzt in die Kamera blickende Grande Dame der bildenden Kunst mit einem riesigen Phallus unterm Arm. Dieses schrumpelhäutige Latexobjekt (»La fillette«, 1968/1999) hängt leibhaftig als (zweiter) Abguss in der Berliner Schau an einem Haken von der Decke herab. Bei näherem Augenschein entpuppt sich das durch freche Unterm-Arm-Trägerschaft Männerstolz und -ehre und Frauenscham provozierende rötlich-bräunliche Fleischimitat als Vulva zwischen Hoden. Wie sagt doch die Künstlerin dazu? Nichts ist, wie es scheint. Und männliche sexuelle Kraft ist in Wahrheit Teil weiblicher Stärke.
Nicht nur weise-weiblichen Schalk besitzt die Sprache dieser erst seit den 1980er Jahren international in Erscheinung getretenen und inzwischen weltweit als eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart gefeierten Frau. Die Mutig-Übermütige mit der großen, ungewöhnlichen bildnerischen Fantasie ist auch sachlich, ernst, nämlich wenn sie Demütigung und Erniedrigung, Entblößung und Beleidigung Ausdruck gibt. Sie geht dabei weit über eine Orientierung aufs Weibliche hinaus, lässt Wunden, Deformierungen, Fragmentierungen als Verletzung menschlicher Würde und Existenz begreifen. Das zeigt auch die wie mit schmerzdünnen Seelenfäden zusammengenähte Kugel, erdballrund – die kaputte Welt. Die Oberfläche dieses Planeten aus blauem Gestrick ergibt mit den wulstigen Narbennähten das Bild einer zuvor in ungleiche Teile zerschlagenen, nun mühselig wieder zusammengefügten Ganzheit. Dem Kugelkörper obenaufgesetzt ist eine armlose Büste mit Brüsten, die nicht mehr nähren. Flach und schlaff liegen sie da in Hoffnungslosigkeit: »Endloses Streben« (2000). Das mundoffene Gesicht mit kräftiger Nase und doppelgnubbeligem Kinn ist wiederum Phallus und Vagina in einem.
Reflexion der Rolle der Frau in privaten und gesellschaftlichen Verhältnissen auch in »Nature Study«, 1984/2001. Wie eine Sphinx oder ein sitzender Hund, mehr als lebensgroß und in der Ausstellung sinnreich am einstigen Standort der Nofretete platziert, hockt ein kopfloses Wesen aus glattem rosa Gummi in aggressiver Sprungbereitschaft. Ebenso Kraft demonstrierend seine sechs großen, an der Vorderseite herabhängenden runden, warzenlosen Brüste. Das oberste Paar ergibt zusammen mit der betonten Kehle und dem angedeuteten Hals wiederum einen Phallus. Der eigentliche, ein längliches, schmales Würstchen zwischen den Schenkeln der Hinterbeine, schlängelt sich zum Rücken. Hinterrücks überrascht Bourgeois mit der Erklärung der Skulptur: Sie ist ein Selbstporträt. Welch Nabelschau!
Mit »La filette« hatte Bourgeois Mapplethorpe Modell gestanden, als ihr als erster Frau im New Yorker MoMA 1982 eine Retrospektive gewidmet wurde. Seither steht der Titel der Plastik synonym für ihren Namen und für ihre Kunst. In der Ausstellung ist sie Bellmers »Puppe (Rumpf)« (1935/1965) zum Vergleich beigesellt. Der torsoartige Körper aus hochglänzendem Aluminiumguss verdeutlicht ebenso Doppelgeschlechtliches. Aber der Blickwinkel ist ein anderer.
Dem Bauch im Mittelgrund sind oben und unten jeweils Schoß und paarweise Schenkelstümpfe angewachsen. Die Kugelform der Schenkel lässt sie mal wie Brüste, mal wie Hoden, mal wie Gesäßbacken erscheinen. Amorphe Zwitterung, die als Verunglückungen eines Sexobjekts erscheinen. Brutal in seiner Reduzierung, die die Doppelung noch verstärkt, und zart, wenn man die verführerische Glanzhaut befühlt. Anders als bei Bourgeois besitzt es nicht die Härtung durch Ironie. Aber hier zeigt sich am deutlichsten Bellmers unverwechselbarer figurativer Stil. Das Fehlen von Gliedmaßen oder deren Verformung ins Monströse oder der Einsatz von Prothesen – sowohl in plastischen Arbeiten, aber auch und vor allem in Zeichnung und Fotografie –, ist bei dem aus Berlin stammenden Exilanten (Paris ab 1938) ebenso charakteristisch wie bei Bourgeois.
Erotisch aufgeladen die Posen der mädchenhaften Puppen, dieser auf Lust am Skurrilen hin abgezirkelten Körperfragmente. Unterm männlichen Blick sind die Nymphen zu Invaliden geworden. Als Fotoserien hat Bellmer die Szenerien 1934 im Selbstverlag veröffentlicht, dann in der französischen Surrealisten-Zeitschrift »Le Minotaure«. Der zunächst auf Betreiben des Vaters ein Ingenieursstudium absolvierende Bellmer, dessen Wegweisungen in die Kunst wohl der Bekanntschaft mit John Heartfield, Rudolf Schlichter und George Grosz zu danken sind, wurde neben dem ebenfalls aus Deutschland stammenden Max Ernst einer der bedeutendsten Pariser Surrealisten.
Die Sonderausstellung in der im Juli 2008 eröffneten Sammlung Scharf-Gerstenberg ist die erste innerhalb der Dauerausstellung: Von jetzt an soll die etwas abgelegene Dependance der Nationalgalerie stärker als lohnende Adresse wahrgenommen werden. »Double Sexus« ist eine relativ kleine Ausstellung, der Anzahl der Werke nach, aber groß müssen Unvoreingenommenheit wie auch gedankliche Anstrengung des Betrachters sein. Der mindestens 16 Jahre alt sein sollte, so die Empfehlung des Museums. Der zweisprachige Katalog enthält Auszüge aus Henry Millers »Sexus« und einen literarischen Text von Elfriede Jelinek.
Nationalgalerie, Sammlung Scharf-Gerstenberg, Schlossstr. 70, Berlin: Double Sexus. Hans Bellmer – Louise Bourgeois. Bis 15. August, Di-So 10-18 Uhr. Rahmenprogramm. Katalog
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