Von Manuela Lintl
03.05.2010

Liebe und Schmerz, Wut und Trauer

Frida Kahlos Gesamtwerk mit 150 Gemälden und Zeichnungen im Martin-Gropius-Bau

Die gebrochene Säule, 1944
Die gebrochene Säule, 1944

Keine andere Künstlerin des 20. Jahrhunderts hat sich vergleichbar zur Ikone stilisiert und ist dabei so überzeugend authentisch geblieben wie die berühmte mexikanische Malerin Frida Kahlo (1907 Coyoacán – 1954 Mexiko-Stadt). Ihr Leben ist voller Geschichten und Legenden, geprägt von Liebe, Leidenschaft, Wut, Trauer, Einsamkeit und Schmerz und bot Stoff für Filme, Theaterstücke und Bücher. Die Faszination der Frida Kahlo, einer schillernden und tragischen Figur, ist ungebrochen. Das beweisen Besucherströme, wann immer ihr Name im Titel einer Veranstaltung auftaucht. Dabei wurde Kahlos Werk zu Lebzeiten nur selten ausgestellt und künstlerisch stand sie im Schatten ihres Mannes, des mexikanischen Wandmalers und Kommunisten Diego Rivera.

Dies änderte sich erst, nachdem der französische »Obersurrealist« André Breton sie 1938 »entdeckte« und fortan protegierte. Er schrieb im gleichen Jahr den Katalogtext zu Kahlos erster Einzelausstellung in der Galerie Julien Levy in New York. Breton sah in Frida Kahlo keine naive, volkstümliche Malerin, sondern fand in ihren Bildern eine eigenständige Ausprägung des Surrealismus und Ansätze zu einem Beitrag zur Lösung von zugleich politisch-philosophischen und künstlerischen Fragen.

Die extreme Vermischung von Privatleben, Politik und Profession ist besonders für die wissenschaftliche Aufarbeitung des überschaubaren Oeuvres der früh verstorbenen Künstlerin eine Herausforderung, nicht nur im Hinblick auf die Entschlüsselung ihrer symbolreichen Bilderwelt. Hierzu bemerkt Ingried Brugger im Katalog: »Frida Kahlo und ihr künstlerisches Werk verkörpern gewissermaßen eine universale Dialektik, in der sich das Persönliche mit dem Politischen, das Private mit dem Öffentlichen, die Suche nach der eigenen Identität mit gesellschaftlichen und kulturellen Bewusstseinskrisen zu verbinden vermag. Jahrzehnte bevor die Frauenbewegung »the personal is political« zu ihrem Slogan erhob, lange bevor »identity politics« und postkoloniale Hybriditäten Bestandteile eines globalen Diskurses über Machtstrukturen und Interdependenzen wurden, rührte Frida Kahlo mit ihrem Werk an diese Themen.«

In der Retrospektive ist nun erstmalig mit 150 Gemälden und Zeichnungen nahezu das Gesamtwerk zu sehen, darunter einige verschollen geglaubte Arbeiten und bisher noch niemals ausgestellte Zeichnungen der Künstlerin sowie das Tagebuch ihrer letzten Lebensjahre. Der Kuratorin der Retrospektive, Helga Prignitz-Poda, ist mit der Zusammenführung des sich zumeist vereinzelt in Privatbesitz befindlichen und weit verstreuten Werkes, das nationales Kulturgut Mexikos ist, ein logistisches Meisterstück gelungen. Ergänzt wird die Schau durch Fotos aus Familienbesitz und von engen Freunden, darunter Aufnahmen von Fotografen wie Imogen Cunningham, Gisèle Freund, Nickolas Muray und Edward Weston. Der Personenkult um die Künstlerin und ihre charismatische Ausstrahlung werden in dem von Kahlos Großnichte Cristina kuratierten Ausstellungsteil deutlich.

Spannend zu entdecken ist das stilistisch sehr abwechslungsreiche Frühwerk. Ein Mädchenporträt von 1929 erinnert an die derben Kinderbildnisse Gabriele Münters. In einer bizarr-humorvollen kleinformatigen Zeichnung »Salón de belleza« von 1932 zeigt Frida Kahlo ihre Vorstellung vom Nikolaus, der sich beim Friseur für seinen Auftritt verschönern lässt. Eine »Stadtlandschaft« in Öl von etwa 1925 gilt als Kahlos erstes Werk. Vermutlich ist es ein Blick aus dem Krankenhauszimmer. In diesem Jahr erlitt die Künstlerin den Busunfall, bei dem sie von einer Eisenstange durchbohrt wurde. In der langen Genesungszeit begann sie mit dem Malen.

Auch Kahlos erstes »Selbstbildnis im Samtkleid« von 1926 (im Laufe ihres Lebens malte sie sechzig weitere) ist zu sehen. Im Stil naiver Malerei hat sich die junge Frau anmutig für ihren damaligen Geliebten und politisch aktiven Schulfreund Alejandro Gomez Arias verewigt.

Heute wird der Präsident Mexikos, Filipe Calderón Hinojosa, die Ausstellung besuchen. Deshalb ist sie ab 15 Uhr geschlossen.
Bis 9. 8., Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, tägl. 10-20 Uhr, Katalog 25 Euro.

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken