Die Analysen von Cornelius Castoriadis über den Pariser Mai 1968 liegen nun auch in deutsch vor.
»Die Bedeutung der Ereignisse der letzten vier Wochen übertrifft, in ihrer Tiefe und ihren sicheren Auswirkungen, die aller vorangegangenen Kämpfe, in Frankreich und andernorts.« Dies ist das nur wenige Wochen nach den Ereignissen des Pariser Mai 1968 verfasste Fazit von Cornelius Castoriadis, einem der wichtigsten revolutionären Intellektuellen der französischen Nachkriegszeit.
Was Castoriadis zu der emphatischen Würdigung veranlasste, waren die Kritiken der Bewegung, insbesondere der Enragés, ihres radikalsten Teils an den Universitäten. Deren Stellungnahmen wiesen über die von der traditionellen Arbeiterbewegung hervorgebrachten Forderungen hinaus. Dass zehn Millionen Streikende für einige Tage das Land an den Rande einer sozialen Revolution brachten, war für Castoriadis dagegen weniger inspirierend; ebenso die Tatsache, dass die dem Generalstreik vorangegangene tiefe Krise an Schulen und Universitäten zur Abwendung breiter Teile der Jugend von der Regierung de Gaulle und dem französischen Klassenkompromiss führte.
Über die traditionellen Pfade hinaus
Castoriadis hatte die marxistische Zeitschrift »Socialisme ou Barbarie« bis zu ihrer Einstellung 1965 herausgegeben. Sie prägte viele Protagonisten dieser Zeit. Laut Castoriadis stellte die Protestbewegung nun erstmals »nicht einzelne Erscheinungsbewegungen, sondern die Substanz der heutigen ›Zivilisation‹ selbst in Frage«. Sie erhob soziale und ökonomische Forderungen und strebte nach »demokratischer Selbstbestimmung«. Es war vor allem die Kritik an der Konsumgesellschaft, an der zunehmenden Trennung der gesellschaftlichen Funktionen und der gesamten »kapitalistisch-bürokratischen Kultur«, die für den früheren Trotzkisten die neue Qualität des Mai '68 ausmachte. Dies schien die Kritik von Castoriadis an der Entfremdung als grundlegender Bestandteil einer revolutionären Bewegung zu bestätigen. Zudem sah der Begründer der Neuen Linken in Frankreich in den Bewegungen des Mai Verwirklichungstendenzen einer Autonomie der Gesellschaft gegenüber den Apparaten des zunehmend »bürokratischen Kapitalismus«. Diese sollten den Begriff der Emanzipation mit neuem Leben füllen. In den Worten eines seiner engsten Weggefährten, Claude Lefort, sei es gerade das größte Verdienst der Bewegung gewesen, »jene ausgetretenen Pfade« institutionalisierter Politik verlassen zu haben, wie sie die Gewerkschaften und die damals noch mächtige Kommunistische Partei repräsentierten.
Sollte Castoriadis' Einschätzung stimmen, dann wäre die Beschäftigung mit den französischen Ereignissen innerhalb des »Weltrevolutionsjahres 1968« von so zentraler Bedeutung für die modernen sozialen Bewegungen, wie es die Analysen der Revolutionen von 1871, 1917 und 1918 für den revolutionären Strang der Arbeiterbewegung waren. Da ist es von hohem Wert, dass Castoriadis' eigene zentrale Auswertung der Ereignisse, ein Aufsatz mit dem programmatischen Titel »Die vorweggenommene Revolution«, nun in deutscher Sprache vorliegt. In jedem Falle stellen die Analysen insbesondere für die radikale Linke Materialien zur Entschlüsselung des nach wie vor großen Rätsels 1968 dar.
Cornelius Castoriadis: Mai 68. Die vorweggenommene Revolution. Verlag Syndikat A, 81 S., 7,90 €.
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