Sie tragen die Verantwortung für zwei Leben: das der Mutter und das des Kindes. Etwa 18 000 meist freiberufliche Hebammen gibt es in Deutschland. Ulrike Aulbach Jankowsky ist eine von ihnen. Die 53-Jährige betreut jährlich 40 bis 60 Schwangere und damit etwa vier bis sechs Hausgeburten im Monat. Die Hebamme ist nicht nur während der Geburt zugegen. »Ich stehe vier Wochen vor der Geburt und zwei Wochen nach der Geburt in Rufbereitschaft. Das ist das Anstrengende an dem Job«, sagt Aulbach. Weil nur etwa vier Prozent der Kinder sich an den errechneten Geburtstermin halten, »weiß man nie, wann die kleinen Würmer zur Welt kommen«. Die von den Krankenkassen entrichtete Pauschale liege derzeit bei 537 Euro pro Geburt.
Aulbach Jankowsky ist seit 16 Jahren staatlich geprüfte Hebamme und zugleich Landessprecherin des Bundes Freiberuflicher Hebammen Deutschlands (BFHD). Die Hamburgerin hat wie viele andere ihres Berufsstandes an den bundesweiten Kundgebungen gegen die geplante drastische Anhebung der Berufshaftpflichtversicherung von bisher 2370 Euro auf 3689 Euro ab Juli teilgenommen. 2007 lag der Betrag sogar noch bei 1218 Euro pro Jahr. »Noch mehr arbeiten geht nicht«, sagt Aulbach Jankowsky. »Ich müsste dann zehn Geburten pro Monat betreuen.« Das ginge nur auf Kosten ihrer Gesundheit und zu Lasten der Betreuungsqualität. Von ihren Bruttoeinnahmen muss die Hebamme den Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil an den Sozialabgaben sowie die Praxismiete zahlen. Zudem versorgt die Alleinerziehende noch einen 15-jährigen Sohn.
In zahlreichen Städten und Gemeinden der Bundesrepublik demonstrierten in den vergangenen Tagen die Hebammen gegen die geplante Erhöhung der Haftpflichtprämien. Diese steigen, weil sich auch die Schadensersatzforderungen bei Kunstfehlern inzwischen amerikanischen Verhältnissen angeglichen haben und im Millionenbereich liegen. Mittlerweile reagieren auch die Parteien auf die Proteste. »Es gibt meines Wissens zwei Anfragen der Grünen und der LINKEN im Bundestag«, sagt Edith Wolber, Sprecherin des Deutschen Hebammenverbandes. »Auch die CDU in Nordrhein-Westfalen hat uns Unterstützung versprochen, und in Thüringen gibt es positive Reaktionen von Grünen und der LINKEN.« In Hamburg hat sich Kersten Artus, die frauen- und gesundheitspolitische Sprecherin der Linksfraktion in der Bürgerschaft, an der Kundgebung im Stadtteil Altona beteiligt. »Die verantwortungsvollen Leistungen von Hebammen müssen endlich durch eine angemessene Bezahlung entlohnt werden«, erklärt Artus. Die Gewerkschaft ver.di warnt in einer Mitteilung vor der »Existenzgefährdung freiberuflich arbeitender Hebammen« und kündigt die Unterstützung der 30 000 in ver.di organisierten Selbstständigen an. Sie rufen zur Unterzeichnung einer Petition der Hebammen auf.
Denn während die Haftpflichtprämien ins Unermessliche steigen, stagniert die Bezahlung der freien Hebammen. »Wir haben am 15. Juni einen Gesprächstermin mit Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP), um auf die Dringlichkeit unseres Anliegens hinzuweisen«, sagt Hebammen-Sprecherin Wolber. Viele der Hebammen im Bundesgebiet praktizieren als Selbstständige und sind auf die Honorarsätze der Krankenkassen angewiesen. »Viele kommen damit auf einen Stundenlohn von 7,50 Euro«, sagt Wolber. Zuwenig, um über die Runden zu kommen. »Wir kämpfen schon lange dafür, dass die Geburtspauschale erhöht wird«, sagt Aulbach Jankowsky. Aufgeben würde ihr schwer fallen: »Für mich bedeutet der Beruf Leidenschaft und Berufung.«
Die Petition ist zu finden unter: www.hebammen-protest.de
Rund 18 000 Hebammen sind in Deutschland in der Geburtshilfe tätig. Sie betreuen die werdenden Mütter bereits Wochen vor und noch einige Wochen nach der Geburt. Die meisten Hebammen arbeiten im Krankenhaus, die wenigsten betreuen Geburten im Hause der Mutter oder im Geburtstag. l Derzeit kommen in Deutschland jährlich rund 660 000 Kinder zur Welt, etwa 10 000 davon sind Hausgeburten. Aktuell kämpfen die freiberuflichen Hebammen aufgrund drastisch steigender Haftpflichtprämien um höhere Pauschalzahlungen für Geburten.
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