Von Martin Koch
11.05.2010

Schwul sein ohne Angst

Vor 75 Jahren starb der Arzt und Sexualreformer Magnus Hirschfeld

Dass heute in Deutschland eine breite Schwulenbewegung existiert, geht auch auf das Wirken von Magnus Hirschfeld zurück. Denn der studierte Mediziner, der vor 75 Jahren starb, kämpfte früh schon gegen die strafrechtliche Verfolgung von Homosexuellen.

Genau 140 Jahre ist es jetzt her, dass der Berliner Nervenarzt Carl Westphal die gleichgeschlechtliche Liebe als psychiatrische Erkrankung klassifizierte und empfahl, sie zum Wohle der Betroffenen zu behandeln. Deutschen Juristen ging das nicht weit genug. Als sie 1871 den § 175 des Reichsstrafgesetzbuches formulierten, bestimmten sie darin, dass homosexueller Verkehr zwischen Männern als »widernatürliche Unzucht« mit Gefängnis zu bestrafen sei. Einer der Ersten, der sich öffentlich gegen diesen Paragrafen wandte, war der Arzt Magnus Hirschfeld, in dessen Berliner Wohnung im Mai 1897 das »Wissenschaftlich-humanitäre Komitee« (WhK) gegründet wurde. Es bestand vorrangig aus Intellektuellen und hatte wesentlichen Anteil daran, dass Politiker der Linken sowohl im Kaiserreich als auch während der Weimarer Republik im Reichstag für die Streichung des § 175 eintraten.

Nach 1933 endeten solche Reformbestrebungen. Die Nazis verschärften nicht nur den § 175, sondern plünderten auch das Institut für Sexualwissenschaft, das Hirschfeld 1919 gegründet hatte. Dieser weilte seit 1931 im Ausland und kehrte nicht mehr nach Deutschland zurück. Er ging ins französische Exil, wo er am 14. Mai 1935 starb.

In seinem Werk, das vorübergehend in Vergessenheit geriet, blieb Hirschfeld vielfach in den Vorurteilen seiner Zeit befangen. Zwar sah er Homosexualität nicht als Krankheit an, hielt sie aber dennoch für eine angeborene Degeneration und war aus diesem Grund dagegen, dass die Betroffenen sich fortpflanzten. Auch seine große Hoffnung, Schwule und Lesben könnten »durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit« gelangen, erwies sich als trügerisch. Es ist daher durchaus legitim, Hirschfeld für seine biologistischen Auffassungen nachträglich zu kritisieren. Ihn deswegen aber zu stigmatisieren, wie es gelegentlich geschieht, wäre verfehlt. Denn es gibt wohl keinen Vorreiter einer emanzipatorischen Bewegung, der diese in höchster Vollendung gleichsam selbst verkörpert hätte. Darin bildet auch Hirschfeld, der manchmal als »Einstein des Sex« bezeichnet wird, keine Ausnahme. Andererseits hat der von ihm initiierte Kampf gegen die Ausgrenzung von Homosexuellen mit dazu beigetragen, dass der § 175 nach 1945 mehrmals reformiert und 1994 in der Bundesrepublik abgeschafft wurde. In der DDR war dies bereits 1988 geschehen.

Für besondere Verdienste um die Sexualforschung und Sexualreform wird seit 1990 die Magnus-Hirschfeld-Medaille verliehen. Außerdem hat auf Initiative des deutschen Lesben- und Schwulenverbandes die Promenade zwischen Moltkebrücke und Kanzlergarten in Berlin 2008 den Namen »Magnus-Hirschfeld-Ufer« erhalten.

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