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Von Stefan Otto 14.05.2010 / Berlin / Brandenburg

Als die Bierbrauer gingen

Vor fast 90 Jahren war Schluss für die Königstadt-Brauerei / Stattdessen kamen viele Unternehmer

Vor 15 Jahren schlossen sich Unternehmen in der alten Königstadtbrauerei zu einer Genossenschaft zusammen. Bier wird dort seit fast neun Jahrzehnten nicht mehr gebraut. Seitdem mieten sich kleine und mittlere Firmen in den Hallen ein und spiegeln die Epochen der Geschichte wider. Eine Spurensuche.
An der Schönhauser um 1905 Zeitgenössische Postkarte:
An der Schönhauser um 1905 Zeitgenössische Postkarte: Sammlung Klinkenberg

Manchmal sind es Randbemerkungen in der Geschichte, die Martin Albrecht stutzig machen: Dem Historiker fiel der Kugelschreiber fast aus der Hand, als er bei seinen Recherchen darauf stieß, dass auf dem Gelände der alten Königstadtbrauerei in Prenzlauer Berg zwischen 1926 und 1940 bald 20 Bauanträge für Tankstellen gestellt wurden. Es gab mehr als ein Dutzend Zapfsäulen auf dem Gewerbehof. Wenn nun das ganze Gelände kontaminiert wäre? Das hätte die Kosten für die Renovierung des Areals in die Höhe schießen lassen, und die Genossenschaft von kleinen und mittleren Betrieben, die den Gewerbehof in der Saarbrücker Straße vor sieben Jahren gekauft hat, vor ernste Probleme gestellt.

»Die meisten Tankstellen hatten jedoch nur eine Zapfsäule, in der zwischen Benzin und Diesel unterschieden werden konnte. Man musste den Sprit noch selbst pumpen«, erklärt Albrecht. Der Boden war nicht übermäßig verschmutzt, und die Genossenschaft konnte sich in den letzten Jahren peu á peu ein Gebäude nach dem anderen umbauen. Den Historiker beauftragte sie, um die wechselhafte Vergangenheit des Gewerbehofes zu erkunden. Aus dem Engagement entsteht nun ein Buch über die Geschichte der Brauerei, das Martin Albrecht zusammen mit Stefan Klinkenberg schreibt. Im Herbst erscheint es im Christoph Links Verlag.

Auf dem Gelände spiegeln sich bis heute detailreich die Epochen der deutschen Geschichte wider. Mit der Bierproduktion hat das nichts zu tun, denn die Königstadt AG braute nach der Schließung 1921 keins mehr. Nur die repräsentativen Gebäude an der Schönhauser Allee blieben noch in ihrem Besitz und der Gastronomie vorbehalten; das dahinter liegende Backsteinensemble verkaufte Königstadt an die Firma Gomann, und die Brauerei verwandelte sich, wie auch Berlin sich in den 20er Jahren veränderte: Der Krieg war verloren, eine Revolution niedergeschlagen, und der Kaiser ging zum Holzhacken ins holländische Exil. Fortan prägte das Automobil die Stadt. Aus dem Lagerhaus wurde eine Hochgarage, Mechaniker siedelten sich an – und mit ihnen die Tankstellen. Die Zukunft jedoch war mit dem Wandel keinesfalls rosig.

Denn nur wenige Jahre später geriet Berlin in den Sog der Weltwirtschaftskrise. Im Februar 1929 hatte die Reichshauptstadt 450 000 Erwerbslose, im Dezember 1932 waren es 600 000. In dieser schweren Zeit siedelte sich die Druckerei Kühnbaum in der alten Mälzerei an und schien der Depression zu trotzen – in der ersten Etage des Backsteinbaus liefen die Maschinen auf Hochtouren. »Die Produktion war so laut, dass die Mitarbeiter einer Fußbodenpflegefirma im Erdgeschoss kaum mehr ihr Wort verstehen konnten und sich beschwerten«, erzählt Albrecht. Die herbeigerufene Gewerbeaufsicht griff allerdings nicht ein. Die Bohnerwachs-Händler sollten zum Telefonieren zur Schönhauser Allee gehen, wo es einen öffentlichen Fernsprecher gab – heute unvorstellbar.

Wenngleich auch die Genossenschaft versucht, auf dem verwinkelten Gewerbehof Nutzungskonflikten aus dem Weg zu gehen. »Wir überlegten, ein Hostel aufzunehmen«, berichtet Klaus Lemmnitz, Geschäftsführer der Genossenschaft. Zwar wäre die Lage mitten in Prenzlauer Berg ideal gewesen, doch in enger Nachbarschaft mit Auto-Werkstätten oder einer Tischlerei wäre der Lärm auch für anspruchslose Rucksacktouristen zur Belastung geworden. Das Hostel kam nicht, und auf dem Gewerbehof finden sich heute keine Reisenden.

Der Ort hat nichts von seiner Ursprünglichkeit eingebüßt. Seine riesigen Kelleranlagen gleichen einem Labyrinth. Stalaktiten sind in den Jahrzehnten an den kathedralenartigen Gewölben gewachsen. In den Gärkellern versetzten die Brauer den Sud mit Hefe, damit er zu Bier reifte. Daran grenzen turnhallengroße Keller, in denen einst die hölzernen Fässer lagerten. Jeweils vier solcher immerkühlen Backsteinhallen sind aneinander gegliedert, drei solcher Bündel hat das Ensemble.

2
Einfahrt zum Hof wie einst.

Von einigen Gewölbedecken hängen tote Drähte lose an den Porzellanknöpfen wie Relikte aus längst vergangenen Zeiten. Möglicherweise stammen sie noch aus dem dunkelsten Kapitel ihrer Geschichte, als Telefunken unter dem Deckmantel Lore III in den Kellern Radaranlagen für Flugzeuge herstellte und von der Firma Askania die Fertigung von Steuerungselementen für Hitlers V1- und V2-Raketen übernahm. Das Rüstungsministerium verlegte im Krieg die Produktion unter die Erde, um vor den Bombenangriffen der Alliierten geschützt zu sein. Die Arbeit verrichteten Zwangsarbeiterinnen, vor allem Jüdinnen aus der Ukraine und aus Ungarn, die im benachbarten jüdischen Altersheim in der Schönhauser Allee untergebracht waren.

Während der Luftangriffe suchte in den Kellern auch die umliegende Bevölkerung Schutz. Bei einem Angriff im Februar 1945 zerstörte eine Bombe den prächtigen Saalbau an der Schönhauser Allee. Auch die Mälzerei wurde getroffen. »Das Feuer konnte jedoch rechtzeitig gelöscht werden«, weiß Albrecht und zeigt auf das niedrige Dachgeschoss, in dem die Ausbesserungen noch zu erkennen sind. Nach dem Krieg kaufte die sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) das Gelände von Gomann und vermachte es Anfang der 50er Jahre dem Magistrat.

Die Druckerei gab es noch immer. Hier ließ das ND Broschüren und Beilagen herstellen, und bis zum Mauerbau 1961 arbeiteten in der Werkstatt auch Fälscher: »Wenn die CDU in der Hasenheide eine Veranstaltung plante, stellten sie Eintrittskarten für die Störer aus dem Osten her«, erzählt Albrecht. Ende 1958 zog die ND-Druckerei in die Seydelstraße am Spittelmarkt um.

Klaus Lemmnitz fand den Gewerbehof kurz nach der Wende verwaist vor. Auf dem Hof standen ein Omnibus und zwei LKW herum, Überbleibsel aus der Vergangenheit. Seit den 50er Jahren war auf dem Gelände der Fuhrpark des Magistrats, und mit dem Mauerfall kam die Verwahrlosung. »Der Bezirk hatte Angst vor Vandalismus«, erinnert sich der Lemmnitz, der eine Firma für Automaten betrieb sich um das Gelände kümmerte. Erst nach und nach zogen kleine Unternehmen in die alte Brauerei, das Leben kehrte zurück.

Es begannen Kaufverhandlungen. »Der Bezirk machte uns anfangs Mut, dass wir als Mieter die ersten Ansprechpartner seien«, sagt Lemmnitz. Doch als das Gelände an den Berliner Liegenschaftsfonds ging, bekam die Mietergemeinschaft Konkurrenz. Ausgerechnet die Königstadt Immobiliengesellschaft, die einst aus der Brauerei hervorging, bemühte sich um ihr ehemaliges Gelände. Schließlich erhielt die Genossenschaft aber den Zuschlag und kaufte den Gewerbehof für rund eine Million Euro. Vierzig Firmen sind heute auf dem Areal, vom Geigenbauer bis zum Filmproduzenten. Über die Belange der Gebäude entscheiden sie gemeinsam, »das verbindet«, meint Lemmnitz.

Eine schmale Treppe führt über einen Seiteneingang in der Straßburger Straße zur »Galerie unter Berlin«. In der Kellerausstellung hängen Ölschinken: Wald mit Fluss, Hütte am Hang, Alpen im Hintergrund. Auf den Gemälden tanzen Figuren einer Videoprojektion zwischen den Bäumen und hauchen der Landschaft neues Leben ein. Die Werke sind nicht übermalt und zerstört, sondern das Filmlicht überlagert nur die Farbe. Auch die alte Brauerei wurde nicht kahlschlagsaniert. In die Gegenwart ragen immer noch Relikte der Vergangenheit. Martin Albrecht, der Historiker, schafft ein Bewusstsein dafür.

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