Von Gunnar Decker
21.05.2010

Menschen hinter Glas

Theatertreffen Berlin: »Die Schmutzigen, Hässlichen und die Gemeinen«, Schauspiel Köln, Regie: Karin Beier

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Immerhin, man putzt sich die Zähne in dieser Elendsbaracke. Wohncontainer statt Wohnung, Transitstation auf dem unaufhaltsamen Abstieg. Man putzt lange, minutenlang, das scheint vorbildlich – aber es deutet auch darauf hin, dass hier einiges nicht stimmt im Detail. Karin Beier hat für das Schauspiel Köln Ettore Scolas »Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen« adaptiert. Der großartige Nino Manfredi spielt darin den Patriarchen einer Großfamilie in einer ghettoähnlichen Vorstadt von Rom. Lauter kleine Gangster, aber irgendwie auch liebenswert. Wer den Film gesehen hat, vergisst ihn nicht.

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Gleiches lässt sich von Karin Beiers bemühter Inszenierung leider nicht behaupteten. Sie liefert uns einen routinierten Bühnenreigen der Gewalt – ganz ohne jene Zärtlichkeit, die man der Glaubwürdigkeit halber auch der sogenannten Unterschicht nicht absprechen sollte. Und da steckt das Problem: Natürlich will sich Karin Beier nicht ständig mit Scola vergleichen lassen. Aber wo dieser voll heimlicher Sympathie in den Abgrund blickt – auch ganz unten blinkt noch ein einsames Segel der Menschlichkeit –, da konstatiert Beier kühl den Verfall. Die Prolls gehen sie im Grunde gar nichts an – und dieser Big-Brother-Gestus verhindert, dass die Inszenierung eine eigene Atmosphäre entwickelt, um nicht gar von Seele zu sprechen.

Wir blicken also zwei Stunden lang in einen Container, der die ganze Bühnenbreite einnimmt, eine Tür (blickdicht) und große Fenster (schalldicht) sind die Hauptakteure dieses kurzen Abends, der dann doch unerwartete Längen besitzt. Was im Container gesprochen wird, hören wir nicht. Aber man ahnt es anhand der Gestik und Mimik. Nur Obszönitäten, einander in Gesicht geschrien, bevor oder nachdem man sich zur Bekräftigung schlägt, bis es blutet. Beier dreht der Unterschicht den Ton ab.

So entsteht eine Hermetik, die nicht uninteressant ist: Das ist eine Welt, zu der wir keinen Zugang haben. Eine Welt hinter Glas. Aquarium mit lauter stummen Hartz-IV-Fischen oder eher ein Terrarium für die hässlichsten Reptilien dieser Gesellschaft. Stimmt das denn?

Dieser Inszenierungsansatz einer stummen Schicht Ertrinkender in dieser Gesellschaft, von der man nur dann kurz hört, wenn sich die Tür für Momente einen Spalt breit öffnet – »Mach die Tür zu!«, »Zigaretten!« – scheint durchaus originell. Schärft er den Blick für das, was sich da, hinter Glas abgeschottet, abspielt? Im ersten Augenblick ja, dann aber verstellt dieser Ansatz doch mehr an Einsicht als er eröffnet. Das Schlimmste: er reproduziert Klischees. Was hier in Breitwandformat vorgeführt wird, das führt uns eine Sonderexistenz der Unterschicht in einer Weise vor, wie sie vielleicht noch die FDP vermutet, aber nur sie.

Bei Scola war Manfredi ein hinreißend gerissener Patriarch des Elends, der seine fünfzehnköpfige in einen Raum gepresste Großfamilie souverän an der Nase herum führt. Bei Beier ist Markus John einfach ein verkommener, saufender und prügelnder Sack. Er steckt wie alle hier in einem der sogenannten Freizeitanzüge, die zur Uniform der Ausgemusterten geworden ist.

In der Abwehr jeden Verdachts der Romantisierung von Armut (oder gar Solidarisierung mit den Außenseitern!) verfällt Beier ins Gegenteil: Sie übt den zoologischen Blick ein, auf diese scheinbar besondere Spezies Mensch, aber reproduziert dabei im Grunde nur jenes Bild, das bereits das Privatfernsehen vorgibt. Bei Scola waren die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen auch wir selber, bei Beier ist es eine ferne Welt mit Menschen, die wie Abziehbilder von was auch immer wirken.

Die Übersetzung der 70er-Jahre-Vorstadtgroßfamilie aus Rom in unsere Hartz-IV-Wirklichkeit funktioniert dabei in entscheidenden Momenten nicht, denn heute sitzt jeder für sich vor seinem Fernseher, ist jeder allein in seinem Glaskasten (auch bereits in der sogenannten Mittelschicht!), aus dem er nicht heraus kann. So enttäuscht Karin Beiers am einzelnen Menschen aufreizend desinteressierte Inszenierung.

Wer sich einer legendären Filmvorlage bedient, muss sich auch an ihr messen lassen. Scola zeigt uns nicht nur den täglich neu sein Geld vor dem Rest der Meute erfolgreich versteckenden Paten, er zeigt uns auch die miesen Wichte von Söhnen, die Töchter, Schwiegertöchter und Enkel, von denen einer weniger taugt als der andere. Aber: jeder träumt seinen Traum, zu dem das versteckte Geld der Schlüssel sein soll. Der eine Sohn will einen Friseursalon, der andere eine Showkarriere als Transvestit. Nie werden sie das bekommen, was sie erwarten, alles bleibt, wie es ist. Doch die Poesie wächst in der nie nachlassenden Erwartung immer wieder nach.

Als der Übervater der Ghettofamilie schließlich eine Prostituierte mitbringt, die ihm besser als seine eigene alt und fett gewordene Frau gefällt, als er mehr Geld für sie auszugeben beginnt als seine eigene Familie je gesehen hat, beschließt man gemeinsam den Vatermord – mit Rattengift. Aber manch einer ist nun mal nicht totzukriegen – und so lebt die neue Frau dann eben auch noch bei ihnen, und da man einen kurzen, jedoch vergeblichen Versuch gemacht hatte, die Elendshütte an eine andere Großfamilie zu verkaufen, zieht diese nun auch noch mit ein. Ein Utopie? Wohl eher der bei Scola tief prosaische Hinweis: der Mensch hält viel aus. Zudem wird es nie langweilig, wenn er darum kämpft, Mensch zu bleiben – oder es erst noch zu werden.

Dieser eher versöhnliche als fatalistische Schluss fehlt bei Beier. Da sitzt dann am Ende ein anderer Mann am Küchentisch und zählt Geld, der Fernseher mit der Dauerwerbesendung läuft stumm immer weiter, und alle ziehen sich aus und posieren nackt. Wir Voyeure? Verstehe das, wer kann.

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