Der Autor moderiert am 19. Juni, 11.15 Uhr, auf dem ND-Pressefest in der Berliner Kulturbrauerei eine Podiumsdiskussion zum Thema Tierschutz/Tierrechte.
Foto: ND/Camay Sungu
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Es ist zweifellos eine der erschütterndsten Tragödien dieses Jahres. Doch für sie ist kein Platz auf den Titelseiten der großen europäischen Zeitungen und in den Aufmachern der renommierten Nachrichtensendungen. Obwohl es immerhin um Opfer der internationalen Finanzkrise geht. Allerdings nicht um menschliche.
Es geht um Pferde. Pferde, die mittlerweile zu Zigtausenden in der Republik Irland umherirren, weil sie von ihren bisherigen Besitzern sich selbst überlassen wurden. Die Tiere, einst angeschafft zu Zeiten des Wohlstands in der Hoffnung auf schnelles Geld mit – vor allem – schnellen Rennpferden, sind zu teuer geworden in Zeiten der Rezession. Also weg mit ihnen – aussetzen. Viele verhungern oder verdursten bei ihrer Odyssee über die Grüne Insel. Etliche sterben bei Verkehrsunfällen. Tierschützer können, schon allein aus finanziellen Gründen, nur wenige der »überflüssig« gewordenen Kreaturen aufnehmen.
Mitleid? Nächstenliebe? Diese Worte gelten, wenn es sich um Tiere handelt, im katholischen Irland so wenig wie in anderen mehr oder weniger religiös geprägten Ländern. Und das erst recht, wenn die Kassen klamm sind. Ist dies möglicherweise ein Grund dafür, dass es auch in den sogenannten zwischenmenschlichen Beziehungen so schwer vorangeht, dass zwischen ethnisch, kulturell, politisch unterschiedlich geprägten Gruppen Spannungen und gewaltsame Konflikte einfach nicht zu beseitigen sind? Der berühmte französische Völkerkundler Claude Lévi-Strauss (1908-2009) verwies einmal darauf, »dass das Problem des Kampfes gegen Rassenvorurteile auf menschlicher Ebene ein viel umfassenderes Problem widerspiegelt, das noch dringender einer Lösung bedarf. Ich spreche von dem Verhältnis zwischen dem Menschen und anderen lebenden Arten. Es ist zwecklos, das eine Problem ohne das andere lösen zu wollen. Denn die Achtung gegenüber den eigenen Artgenossen, die wir vom Menschen erwarten, ist lediglich ein Einzelaspekt der allgemeinen Achtung vor allen Formen des Lebens.«
Lévi-Strauss präzisiert in seiner Aussage von 1971 eigentlich nur, was 150 Jahre zuvor die Vision von Arthur Schopenhauer war. Schopenhauer, bekannt als Philosoph des Pessimismus, malte nicht nur ein schonungsloses Bild der Welt mit all ihrem unermesslichen Leid, er wies auch einen Weg, dieses Leid zumindest zu lindern: über das Mit-Leid. Und zwar mit aller Kreatur, mit Mensch und Tier.
»Mitleid« ist im Deutschen ein relativ junges Wort. Es kam erst vor gut 200 Jahren auf, als Verkürzung des älteren Wortes »Mitleiden«, das die deutschen Mystiker gebrauchten, um das seelische Mitdurchleben eines fremden Leidens zu verdeutlichen, wie der Passion Christi. Dieses Mitdurchleben fremden Leidens bezog Schopenhauer auch auf die vom Menschen geschundenen Tiere.
Es war kein Geringerer als Karl Marx, der dieses sittliche Fundament des Philosophen ausdrücklich hervorhob, als er einmal gegenüber dem ihm befreundeten Ehepaar Kugelmann Schopenhauer gegen den Vorwurf in Schutz nahm, dieser sei ein Menschenhasser. Marx betonte: »Keinem lebendigen Wesen Unrecht zu tun, bezeichnet er bei der Hilfsbedürftigkeit alles Bestehenden als einfaches Gebot der Gerechtigkeit, die zum Mitleid führt, zu dem Satz: ›Hilf allen, so viel du kannst.‹ Tiefer ethisch sozial hätte keine sentimentale Regung das Gebot der Nächstenliebe verkündet.«
»Hilf allen, so viel du kannst.« Wenn, wie in Irland, sogar die dem Menschen doch als besonders nahestehend betrachteten Pferde letztlich sogenannten höheren Interessen geopfert werden, die in Wirklichkeit niedere Interessen sind – was soll dann im Fall von Schweinen und Hühnern in Tierfabriken, gar im Fall von Ratten und Mäusen in Versuchslabors eigentlich zu erwarten sein?
Marx' "Gerechtigkeit" ist wohl eine Variante von Spinozas "Leitung durch die Vernunft", die mit dem obigen "Leidverdoppelungsargument" noch "älteren Semesters' zu viel Mithilfe, aber vom identifkatorischen MitLEIDEN .- wie von allem Leiden - abrät.
Schopenhauer schöpft aus seiner Reiseerfahrung und seinem
"Buddhaismus'. Da die Projektions- und Identfikationsmechanismen des Gehirns und der Seele im "Orient" sehr gut bekannt und deren Kenntnis verbreitet sind, hat Marx zurecht diese kleine Differenz zugunsten der großen Übereinstimmung - VERDICHTET. Schopenhauer war zu Marx Zeiten als etwas konservativ verschrien.
Der tierfeundliche Aspekt des Strukturalismus von Levi-Strauss wurde vom Post(oder Neo)Struktralismus von Deleuze/Guattrai zu einer 'Tierwerdung' und Einbeziehung der Ethologie (Verhalten der Tiere unter sich) (daher Ethik) ausgebaut. Dieses Werden ist nicht 'identfikatorsich' sondern real. Der Sartresche 'spielende' Kellner wird wieder wirklicher 'Kellner' sans Phrase.
Spinoza/Deleuze machen allerdings mit den Tieren, "was sie wollen".
Die übrigens auch, wenn sie Gelegenheit bekommen - was in der Menscheitsgeschichte reichlich der Fall war (Gesetz der Fische).
Gleich sein, auch partiell, ist etwas anderes als "sich einfühlen".
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