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Foto: ND/Ulli Winkler
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»So sehr wir auch von den Früchten der Wissenschaft profitieren, so sind wir doch keine von der Wissenschaft geprägte Kultur«, urteilte der amerikanische Psychologe Anthony R. Pratkanis unlängst mit Blick auf den neuerlichen Boom der Esoterik. Aber das ist nur eine Seite der Medaille. Auch die Wissenschaft selbst gerät zunehmend in die Kritik, wobei weite Teile der Öffentlichkeit vor allem in den modernen Technologien eine »Bedrohung der Menschheit« erblicken.
Diese Entwicklung hat eine lange Tradition, wie das Beispiel der ersten Eisenbahnen zeigt, deren »Höllentempo« von 20 Stundenkilometern viele Menschen in Angst und Schrecken versetzte. Noch im Jahr 1861 warnte das britische Medizinblatt »The Lancet« seine Leser, dass Zugfahren zu Schwindelanfällen, Kopfschmerzen, Gallenleiden und sogar Lähmungen führen könne. Heute stehen unter anderem der sogenannte Elektrosmog und das Handy in Verdacht, die Gesundheit von Menschen zu gefährden. Sollte es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Handynutzung und Krebsentstehung geben, ist dieser allerdings so schwach, dass Hunderte von Studien nicht ausgereicht haben, ihn zweifelsfrei nachzuweisen. Gleich- wohl reißen die Warnungen vor dem Gebrauch des Mobiltelefons nicht ab. Und oft werden sie von Leuten vorgebracht, die selbst gar nicht daran denken, auf ihr Handy zu verzichten.
Auch über die Vorzüge und Risiken der Gentechnik wird in unserer Gesellschaft seit Jahren heftig gestritten. Und die Zahl der Verbraucher, die im Supermarkt ausschließlich »gentechnikfreies« Obst oder Gemüse einzukaufen wünschen, wächst stetig. Nun ist eine anfängliche Skepsis gegenüber neuen Produkten durchaus sinnvoll. Nur leider werde diese oft benutzt, um die Öffentlichkeit durch angsteinflößende Schlagworte und Szenarien zu manipulieren, meint der Erlanger Biologe Johannes Bergler und wirbt für mehr Aufklärung in Sachen Gentechnik. Denn: »Ist ein schlechtes Image erst einmal etabliert, lässt es sich mit rationalen Argumenten nur schwer berichtigen.«
Im Grunde beginnen die Missverständnisse schon bei der Frage: Was ist Gentechnik überhaupt? Darauf könnte man kurz antworten: Gentechnik ist ein Versuch, durch Veränderungen des Erbmaterials die Eigenschaften von Lebewesen gezielt zu verändern. Für nicht wenige Menschen stellt diese, wie sie glauben, völlig neuartige Verfahrensweise einen durch nichts legitimierten Eingriff in die Schöpfung dar. Darauf wäre erstens zu entgegnen, dass es ohne »Eingriffe in die Schöpfung« heute keine Impfstoffe, keine gentechnisch hergestellten Medikamente, keine Transplantationsmedizin gäbe – mit Folgen, die sich jeder selbst ausmalen mag. Zweitens ist der Ansatz der Gentechnik keineswegs neu. Vielmehr greift der Mensch schon seit Jahrtausenden in das Erbgut von Tieren und Pflanzen ein, um davon ausgehend neue Rassen und Sorten mit gewünschten Eigenschaften zu züchten. So geht die ganze Vielfalt an Kohlsorten (Brokkoli, Blumenkohl, Wirsing, Rosenkohl, Kohlrabi etc.) auf eine einzige Wildform zurück, den Gemüsekohl. Auch zahlreiche Hunderassen haben mit ihrer Wildform, dem Wolf, kaum noch Ähnlichkeiten. Man denke nur an den Mops, die Bulldogge oder den Pudel, die, wären sie von einem Gentechniker »geformt« worden, kaum so viele Liebhaber finden dürften.
Nachdem es Wissenschaftlern gelungen war, die Struktur des Erbmoleküls DNA zu enträtseln, gingen manche Pflanzenzüchter sogar dazu über, Samen mit erbgutverändernden Chemikalien oder Strahlen zu behandeln. Die dabei erzeugten konventionellen Sorten werden heute in der Landwirtschaft eingesetzt und in Gartencentern verkauft, obwohl niemand weiß, auf welchen Mutationen sie beruhen. Bekannt hingegen ist, dass viele Zuchtpflanzen ihre Resistenz gegenüber Krankheiten und Schädlingen verloren haben. Um etwa der gefürchteten Knollenfäule bei Kartoffeln vorzubeugen, werden Fungizide eingesetzt, von denen manche für Fische und Wasserinsekten hochgradig giftig sind. Dennoch ist es verboten, zum Schutz vor Knollenfäule das Resistenzgen der Wildkartoffel auf die Zuchtkartoffel zu übertragen.
Mehr noch gilt der Transfer von Genen über die Artgrenzen hinweg unter Gentechnik-Kritikern als wahrer Sündenfall. Denn so etwas komme in der Natur nicht vor, heißt es. Dem widerspricht Bergler entschieden und betont, dass es sogar in uns Menschen etliche Gene gebe, die zum Beispiel von Viren herrührten: »Unser Genom besteht zu knapp 25 Prozent aus inaktiven Resten von diversen Viren und Retroelementen, die im Laufe der Jahrmillionen unsere Vorfahren befallen haben.«
Gentechnisch veränderte Pflanzen können jedoch Allergien auslösen, lautet ein weiterer Einwand gegen die Grüne Gentechnik. Das ist in einzelnen Fällen sicherlich zutreffend. Allerdings liegt im Vergleich dazu die Zahl der Allergie auslösenden Proteine in exotischen Obst- oder Gemüsesorten deutlich höher. Und niemand käme deswegen auf die Idee, die Einfuhr von Mangos, Roten Bananen, Kaktusfeigen oder Erdnüssen zu verbieten.
Auch das Argument, genveränderte Pflanzen würden sich rasch unkontrolliert ausbreiten, beruht auf einer Verkennung der Tatsachen. Derzeit sind es nämlich vor allem importierte Zierpflanzen, die zur ökologischen Plage werden, etwa der Riesenbärenklau. Allein die Berührung dieser meterhohen Pflanze, die hierzulande fast überall in rauen Mengen wächst, kann schwere Verbrennungen hervorrufen. Deshalb ist bei ihrer Beseitigung Schutzkleidung vorgeschrieben.
Dagegen finde man Maispflanzen oder Weizenhalme so gut wie nie in freier Wildbahn, erklärt Bergler: »Die meisten unserer Nutzpflanzen sind an die Bedingungen auf dem Feld derart angepasst, dass sie schon zwei Meter neben dem Acker kaum überleben, geschweige denn dem Konkurrenzdruck durch andere Arten dauerhaft standhalten.« Das gilt mehr noch für genveränderte Nutzpflanzen. Denn wären deren Eigenschaften in freier Natur von Vorteil, hätten die Wildformen sie wohl längst von selbst entwickelt. Auch die Befürchtung, einmal angebaute »Gen-Pflanzen« könnten nie mehr ganz entfernt werden, ist nicht zwingend, wie ein Fall aus den USA belegt. Dort ist der sogenannte StarLink-Mais, den die Erzeugerfirma im Jahr 2000 freiwillig vom Markt genommen hat, seit 2004 selbst mit hochempfindlichen Testmethoden nicht mehr nachweisbar.
Nun soll hier gar nicht bestritten werden, dass die Gentechnik, wie übrigens jede Technologie, unkalkulierbare Risiken birgt. Sie aber deswegen zur Gefahr für die Menschheit hochzustilisieren, wie es bisweilen geschieht, hält Bergler für nicht statthaft. Zumal viele Probleme, die man genveränderten Pflanzen anlastet, auch und manchmal sogar gehäuft bei konventionellen Pflanzen auftreten.
Um es noch einmal hervorzuheben: Die Gentechnik ermöglicht die gezielte Entwicklung von Nutzpflanzen, die vor Schädlingen und Krankheiten gefeit sind, Hitze und Kälte überstehen, und denen auch Bodenversalzung oder Nährstoffarmut nichts anhaben können. Manche Menschen mögen dies vielleicht für so unheimlich halten, dass sie alles Gentechnische ablehnen. Nur: Wer den Einsatz von gesundheitsschädlichen Pestiziden in der Landwirtschaft verringern und den Hunger in großen Teilen der Welt wirkungsvoll bekämpfen möchte, wird nicht umhin können, die Chancen der Gentechnik neu und vorurteilsfrei zu bedenken. Im Grunde geht es nicht darum, alles gentechnisch Machbare sogleich in die landwirtschaftliche Praxis zu überführen. Dort sollten nur jene Methoden Anwendung finden, die sich nach eingehender Prüfung als relativ risikoarm erwiesen haben. Denn eine Zukunft ganz ohne Risiken wird es leider nicht geben.
Johannes Bergler: Grüne Gentechnik. Eingebildete Gefahren. In: Skeptiker. Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken. Heft 1/2010
Ich habe selten ein solches dämliches Pamphlet gelesen und das sogar in eine sich als
links und sozial nennen Zeitung.
Der Artikel verbindet völlig zusammenhanglose Elemente zu einer, dann am Ende sogar noch,
pseudo-relativierenden Aussage, dass Gentechnik nichts "Schlimmes" sei.
Er ist voll von unbewiesenen Behauptungen, z.B. der dass Handystralhen bewiesenermaßen nicht schädlich seinen und das die Eisenbahn keine gesundheitliche Beeinträchtigung für Menschen darstellt und dargestellt hat. Also werden schon mal von vornherein alle Menschen die sich dagegen aussprechen in die Ecke der Steinzeitmenschen gestellt.
Der Artikel ist so aufgebaut, dass ja am Ende die Gefahr der Gentechnik relativiert wird und dabei wird ein Methode angewendet die mensch ja auch von den diversen Verschwörungstheorien, wie den Leugnern des "Global change" und den ganzen anderen pseudo-wissenschafts-kapitalistischen-Geschöpfen kennt.
D.h. es werden einige Punkte aufgegriffen, aber ja nicht erläutert und schon gar nicht - aber so was machen solche "unabhängigen" Wissenschaftler ja auch nie - bei Seiten betrachtet.
Die meisten Menschen die sich gegen Gentechnik aussprechen unterscheiden sehr wohl und zwar erstens zwischen roter und grüner Gentechnik. Zweitens stellen diese Gegner den Kosten-Nutzen-Faktor in den Vordergrund. Bleiben wir bei der grünen Gentechnik, der größte Kritikpunkt an dieser Methode ist die Tatsache, dass diese Gentechnik nur dazu benutzt wird um das Interesse von Firmen zu garantieren. Diese Gentechnik ist eindeutig mit der Problem der Patentierung und der Ausbeutung der Entwicklungsländer verbunden. Weshalb das, auch wenn es ständig wiederholt wird, Argument der Welternährung, an Dummheit oder böser Absicht nicht mehr zu überbietende ist.
Niemand hat die Absicht durch Gentechnik die Verteilung von Ressourcen (Lebensmittel) gerechter anzugehen! Sollte dies der Fall sein, hätte wir schon längs die Möglichkeit weit mehr als 10 Milliarden Menschen zu ernähren. Mich ärgert das echt, weil dieses Argument schon vor über zehn Jahren das gleiche war, mit welchem wir jungen BiologInnen von unseren ProfessorInnen aufgestachelt wurden. Natürlich nur von denen, die sich irgendeiner Wirtschaftslobby verschrieben haben und bei denen der Porsche vor der Tür stand. Von den echten Wissenschaftlern wurde dergleichen Nonsens zum Glück niemals von sich gegeben.
Leute, wenn ihr die Welternährung sichern wollt, das esst weniger Fleisch, schafft Subventionen auf bestimmte Erzeugnisse ab und erhöht die Einfuhrzölle für bestimmte Lebensmittel.
Wie sieht die Realität aus? Zur Zeit werden Gen-Pflanzen im Ausland angepflanzt, größtenteils (Mais, Soja) ausschließlich um billiges Futter für unserer "Fleisch" zu liefern. Der behauptete Vorteil der besseren Erträge und des geringeren Chemikalieneinsatzes erweist sich nach spätestens 5 Jahren überall als Bumerhang. Ein Biologen der derzeitige Resistenten z.. in Argentinien leugnet bzw. außen vor lässt ist bloß eine Witzfigur. Gänzlich ungeklärt bleibt wie derartige "Supererträge" die Bodeneigenschften beeinflussen.
Überall auf der Welt ist der Anbau von Genpflanze mit riesigen Problemen behaftet. Gensoja, Genmais oder Genbaumwolle dienen einzig und alleine den Kapital, den Ausbeutern und niemals den Menschen vor Ort, den Bauern. Diesen wäre mit einer kleinflächigen Anbauweise und vor allem mit einer gerechteren Landreform zehn mal mehr geholfen.
Aber bitte wer hier die Differenzierung von Kolhsorten, die Domestizierung des Wolfes, die Transduktion von DNA und vielleicht sogar die Endosymbiontentheorie als Argumente heranziehen muss, der ist wirklich am Ende.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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