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Von René Heilig 29.05.2010 / Inland
ZEITungs-Schau 1990

Rittsch-ratsch reicht Europa bis Russland

Vor 20 Jahren war Lubmin erledigt – nun kommt hier Zukunft an

Reisen will er. Er ist neugierig auf die Welt. Dieter Rittscher wird 65. Wenn der Nachfolger da ist, ist der EWN-Chef nur noch Bürger von Lubmin. Genug. Ende, Schluss und aus!
Heute ist gut in die Röhre gucken.
Heute ist gut in die Röhre gucken.

Das mit dem Ende ist so eine Sache. Gerade in Lubmin. Hier am Greifswalder Bodden wollte die DDR in die Zukunft wachsen. Das Kernkraftwerk »Bruno Leuschner« sollte dem Sozialismus die nötige Energie geben. Doch der Sozialismus schwächelte, Visionen fielen im »einig Vaterland« zusammen.

Am 25. Mai 1990 berichtete ND, dass eine »deutsch-deutsche Sicherheitskommission« sich noch im Mai mit einem nuklearen »Zwischenbericht« – was meinte, nur jetzt nichts falsch machen auf dem Sturmlauf zwischen gestern und morgen – melden werde. Es wurde Juni. Da verkündete Karl-Hermann Steinberg – wer kennt den letzten Umweltminister der siechenden DDR noch? – dass in dem Atomkraftwerk Lubmin »erhebliche sicherheitstechnische Defizite« festgestellt worden seien. Von »gravierenden Verstößen gegen Betriebsvorschriften« war die Rede.

Kurzum: Die »Russentechnik« musste weg. Nicht nur aus ideologischen Gründen. Für die Anlagen hätte kein West-Betreiber nach bundesdeutschen Gesetzen, die alsbald neudeutschlandweite Geltung erhielten, eine Betriebsgenehmigung erhalten. Das wusste der Mann, der bei der Pressekonferenz neben Steinberg saß. Er hieß Töpfer, kam von der CDU, war weit entfernt von späteren Einsichten, weil Umweltminister in Bonn. Er hielt aber ostdeutsche Fäden schon fest in der Hand und ließ Abwicklungsmarionette Steinberg behaupten, dass die Menschen in Lubmin »in absehbarer Zeit« genügend Beschäftigung haben.

Dreimal sind wir nach der Einheit zu Töpfer gefahren, erinnern sich Horst Weißenborn und Reiner Weber, die noch heute im Betriebsrat der Energiewerke Nord (EWN) Verantwortung für die Kollegen tragen. Sie hätten ihre Verzweiflung auch gegen den Wind der Ostsee hinausrufen können ...

Man setzte den damals noch 4900 Kraftwerkern Treuhand-Manager vor. Die machten Sprüche, feuerten Leute, verschwanden ehe der Pförtner sich merken konnte, bei welcher Luxusklasse er eiligst den Schlagbaum hochreißen muss. Der Betriebsrat studierte die neuen Gesetze, wehrte sich, handelte Sozialpläne aus. Die Abfindungen waren aus heutiger Sicher lachhaft. Alles lief gegen Lubmin. Auch, weil man damals alles-gläubigen Ost-Ökos einreden konnte, dass die Wende eine Art Zeitmaschine sein kann, die aus dem AKW-Standort wieder die alte Heide macht, die hier einst Vorkriegstagelöhner und Fischer besiedelt hatten.

Als Rittscher 1994 kam, um die einstige Energiefabrik zu übernehmen, waren noch 1800 Frauen und Männer unter Vertrag. Die hatten die Schnauze so voll, dass sie beschlossen, diesen neuen Besser-Wessi-Boss mit Buh-Rufe zu empfangen. Noch so ein Abwickler, der den Leuten die Taschen mit Sprüchen voll haut und seine mit Geld füllt. Keiner glaubte dem Neuen, dass nun Schluss sei mit dem Dahinsiechen. Keine Entlassungen mehr, versprach Rittscher. Mit der erfahrenen Truppe vor Ort wolle er beweisen, dass man Atomkraftwerke abreißen kann, finanziell vertretbar, ohne die Gesundheit der Menschen zu gefährden. Er erntete auf der Betriebsversammlung den Hohn derer, die kaum noch etwas zu verlieren hatten.

Rittscher und – er betont – »die Mannschaft!« haben es geschafft. Zu gut 80 Prozent ist der Rückbau des Atomkraftwerkes erledigt. Nun »fegen wir bald nur noch die Anlagen.« Rittsch-rasch ging das, sagen die Leute mit Achtung im Unterton. Die strahlenden Teile sind sicher verwahrt im Zwischenlager, dort können sie abklingen, dort werden sie konditioniert, man verringert Volumen, zersägt und presst hochwertigen Schrott in handhabbare castorfähige Teile, bereitet Wässer auf. Rund 10 000 Kubikmeter – ein geringer Teil des ganzen Atommonsters am Bodden – müssen ins Endlager. Das heißt Conrad und ab 2015 geht es los. Hinzu kommen die Altlasten, die aus anderen kerntechnischen Anlagen der Bundesrepublik abgebaut werden. Demnächst treffen abermals Behälter mit eingeschmolzener Atombrühe aus westlichen Standorten ein. Wieder wird es Proteste geben. Der Müll vergangener Zeiten ist der Gegenwart überlassen worden. Er muss »endsorgt« werden. Auf dem Weg dahin bedient sich der Bund in seiner Not des einzigen Zwischenlagers, das er hat. Und das steht in Lubmin.

Eigentlich wäre die Ex-Leuschner-Crew bestens geeignet, den beschlossenen Ausstieg aus der Atomenergie bundesweit voranzutreiben. Die Experten haben das Know-how, die Geräte, die Begeisterung. Das haben sie auch in der Saida-Bucht bei Murmansk bewiesen, wo Frieden und Umwelt sicherer werden, weil EWN die Reaktoren sowjetischer Atom-U-Boote verwahren hilft. Das haben sie bewiesen beim Abbau der Anlagen in Rheinsberg, Jülich. auch in Karlsruhe, Obrigheim, Mülheim-Kärlich.

ND am 25. Mai 1990
ND am 25. Mai 1990

Vielleicht muss man sich das ganz Simple vor Augen führen: In Lubmin wurde durch die Ex-AKW-Mannschaft – bei Untergang vieler Träume – ein Traum vieler Menschen wahr: Wo man Urlaub macht und frischen Fisch kauft, findet kein Tschernobyl mehr statt.

Doch der Abbau-Trend wird sich nicht fortsetzen. Nicht nur weil der Techniker Rittscher die Atomkraft für beherrschbar hält, glaubt er, dass das für den Herbst angekündigte und seit drei Legislaturperioden überfällige Energiekonzept der Bundesregierung die AKW-Laufzeitverlängerung beinhalten wird. Da werden Abrissarbeiter wie die seinen nicht mehr gebraucht.

Wieder steht er vor dem Dilemma, gesagt zu haben, was sein wird. »Doch Menschen hören nur, was sie hören wollen«, sagt der EWN-Chef. Nicht ohne sich die Schuld daran zu geben, in den vergangenen zehn oder fünfzehn Jahren nicht »all die mitgenommen zu haben, die ich hätte gewinnen können«. Er habe es nicht geschafft, seine Visionen so deutlich zu machen, dass sie einfach für jedermann ansteckend sein müssen.

Und so nehmen es die Nachbarn der Industrie übel, wenn Bäume gefällt werden. Beispielsweise an der neben dem Hafen ausgebuchten Marina. Dort gab es einst das »Leuna-Lager«, ein Ferienobjekt der DDR-Chemiewerker. Zeltplatz-Romantik kommt heute nicht mehr auf. Allerdings würden dort auch keine spottbilligen Gewerkschaftsurlaubsplätze mehr verteilbar sein.

Man wünschte sich solch ehrlichen Einsichten in Entwicklungen von manch Bundes- oder Landespolitiker. Rechts wie links logen die sich »Moral« zusammen, wenn es um das ehemalige Atomkraftwerk ging. Je nach Restlaufzeit der Wahlperioden schmeichelten sich Politiker in vermutete Anti-Industrie-Mehrheiten ein. Nachdem sie selbst Investoren allerlei – bei den Bürgern umstrittene – Genehmigungen unterschrieben hatten.

Arbeit, Arbeit, Arbeit! Das ist das Schlüsselwort. Die EWN sind nach wie vor ein Abwicklungsunternehmen der Treuhand. Mit projektbezogenen Anstellungen und zehn Azubis in diesem Jahr kann man keine vergreisende Region am Leben erhalten. Neue Gewerbe müssen angesiedelt, Firmen vom Industriestandort überzeugt werden. Nicht ganz einfach in Krisenzeiten. Ursprünglich wolle man in den Turbinenhallen, die einen Kilometer lang sind, Schiffsaufbauten fertigen. Die Branche ist erledigt. Wer heute in der Halle steht, schaut auf Taktstraßen der Zukunft. Windkraftanlagen werden gebaut. Das ist bei den Bürgerinitiativen akzeptiert. Die wurden aber wütend, als die EWN ein Grundstück an DONG verkaufte. Der dänische Konzern wollte ein Steinkohlekraftwerk bauen. DONG hat inzwischen abgesagt. Nicht wegen der Proteste. Die Krise und der Wunsch, beim Kopenhagen-Gipfel zu glänzen, zwangen zum Rückzug.

Andere Unternehmen haben ihr Auskommen auf dem EWN-Gelände. Und damit auch viele ehemalige Kraftwerker und deren Kinder. Wer dieser Tage auf den Bodden schaut, glaubt, die Dänen greifen – wie einst im 30-jährigen Krieg – wieder an. So viel Schiffe! Pontons, Schuten, Schlepper... Spundwände werde in den Grund gerüttelt, Bagger löffeln die Zwischenräume aus, damit Einmaliges geschehen kann. Zwei Rohrschlangen werden hier an Land kriechen. 1,4 Meter Durchmesser haben sie und leiten schon bald Erdgas aus Russland in den Westen. Freilich: Deutschland begibt sich in Abhängigkeit. Das kann ausgerechnet am AKW-Standort Lubmin keine neue Entwicklung sein. Rittscher setzt an zur Vorlesung über die sinkenden Gaspreise, referiert darüber, wie sich das indisch-chinesische Asien an Kohle aus Australien und Südafrika binden wird, während in Lubmin per Gas-Pipeline zusammenwächst, was zusammen gehört: Europa bis zum Ural.

Und von Lubmin aus wird weiter Energie ins Land geschickt. Vattenfall hat das Netz renoviert, zwei oder drei Gaskraftwerke sollen entstehen, die sich ergänzen mit Windrädern und Kollektoren. »Als wir angefangen haben, zu träumen, hielten uns die meisten für verrückt. So, als hätten wir einen Flug zum Mars geplant«, sagt Rittscher. Vergleiche hinken. Angesichts dessen, was die Treuhand sonst so angestellt hat im Osten, ist die Rettung des Standortes Lubmin aber schon so etwas wie eine Reise zu anderen Welten.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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