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Anna Seghers 1955 auf dem Balkon ihrer Wohnung in Berlin-Adlershof. Foto aus dem Buch »Anna Seghers, eine Biografie, 1947-1983«, Aufbau-Verlag.
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Ende 1954 gibt es ein Wiedersehen mit Mainz. Anna Seghers kommt vom Bodensee und macht auf der Rückreise einen Abstecher in die Geburtsstadt. Sie ist seit ihrer Rückkehr aus dem Exil im Frühjahr 1947 nicht wieder hier gewesen. Mainz hat sie in all den Jahren, die sie in Frankreich und dann im fernen Mexiko verbrachte, nie verloren. »In meiner Jugend erlebte ich dort viel Gutes und Schönes«, wird sie 1965 in einem Brief schreiben und darauf hinweisen, dass es in ihren Büchern immer Bilder und Begebenheiten geben werde, »die aus meiner Kindheit an mir hängengeblieben sind«. Aber nicht Anna Seghers ist sie, wenn sie jetzt durch die Straßen geht, ganz ziellos, ohne Plan. Sie ist wieder Netty »und sonst nichts«, das Mädchen aus behütetem Haus, die Tochter des Kunsthändlers Isidor Reiling, und sie ist glücklich. Nur Tage noch, dann wird sie 54 Jahre alt sein, aber in diesen Momenten, schreibt sie ihrer Freundin Lore Wolf, sieht sie alles »so vorurteilslos und kindisch wie ein Kind«. Es ist die Freude, wieder hier zu sein.
Freude ist etwas Kostbares in dieser Zeit. Wer wüsste das nicht besser als sie. Seit Anna Seghers wieder in Berlin lebt, ist es ihr nicht sonderlich gut gegangen. Sie war ja auf beinahe alles gefasst und erschrak trotzdem. Nicht nur das Land in Trümmern, auch die Menschen deformierter, härter, stumpfer, verbitterter, als sie sich das hatte vorstellen können. Überall Hunger und Angst und nirgendwo das Bewusstsein, »dass sie selbst daran schuld sind«. Sie litt. Litt auch unter ihrer Einsamkeit. Der Mann noch in Mexico-City, die beiden Kinder in Paris. Es kam ihr vor, als sei sie in die Eiszeit geraten. Sie habe ein »grosses Verlangen nach Freundschaft u Lebensfreude«, heißt es Ende 1956. »Der Mangel macht einen ganz trocken u dürr.« Sie spricht von »Wirrwarr«, dass sie müde sei und ihr »jeder Dreck« Mühe bereite. Erfahren haben es allerdings nur die allerengsten Freunde. Allein in den Briefen, die sie ihnen schickt, steht manchmal, wie fremd sie sich fühlte, wie verzagt, verwirrt und verzweifelt sie mitunter ist. In einer Bildbiografie und einem Taschenbuch mit den Schreiben aus dem Jahr 1947, beide vor Jahren im Aufbau-Verlag erschienen, hat man davon zum ersten Mal lesen können. 2008 folgte, ein Ereignis, der erste Briefband in der Werkausgabe. Und nun, soeben ausgeliefert, ist auch der zweite Band da. Er erlaubt, wieder vorzüglich von Christiane Zehl Romero und Almut Giesecke ediert, einen Blick in die Korrespondenz der Jahre 1953 bis 1983.
1953 ist das Schlimmste überstanden. Das Jahr beginnt mit einem Aufenthalt in der »wunderbaren Welt« eines Sanatoriums nahe Moskau, inzwischen ist auch ihr Mann Laszlo Radvanyi, genannt Rodi, an ihrer Seite, und wenn Anna Seghers zurück kommt nach Berlin, wartet »ein hoher Berg unerledigter Sachen«. Das wird jetzt immer so sein. Es gibt »Arbeit in Hüll und Füll«, einen Haufen Verpflichtungen, Lesungen, Diskussionen, Kongresse, Einladungen, die vielen Briefe, die zu beantworten sind. Sie kümmert sich um Kollegen, die dringender Hilfe bedürfen, und dann warten ja auch noch die eigenen Manuskripte. Sie fühlt sich, wie sie einmal bekundet, wie ein Fisch im Wasser, aber sie ist auch müde, überlastet, zeitweise überfordert, »dazu physisch ziemlich kaputt«. Sie tue ein »möglichstes«, erklärt sie Anfang 1954, um sich »ein wenig Arbeitsruhe zu verschaffen«, doch es gelingt nicht immer. Sie muss den Schreibtisch immer wieder verlassen, ist oft krank, muss Wochen, in den letzten Jahren vor ihrem Tod am 1. Juni 1983 gar viele Monate in Krankenhäusern verbringen. Sie ist häufig unterwegs, mal mit dem Schiff nach Brasilien zu Jorge Amado, mal zu den Kindern nach Paris. Sie fährt nach Wien oder Budapest zu Tagungen des Weltfriedensrates, ist ein andermal in Moskau oder Leningrad. Ortswechsel sind nichts, was sie nicht mag, sie ist »ausserordentlich gern unterwegs«, war sogar immer »wild auf Reisen«, aber schon 1954 ist es ihr beinahe zu viel, und Jahre später, im Oktober 1962, wird sie gestehen, schon »ganz durchgedreht von Reisen« sein.
Die Briefe erzählen vom »dicht besetzten Leben« der Seghers. Dieses Leben ist schön, schreibt sie Ende 1954, aber auch schwierig und kompliziert. Leichte Zeiten, erklärt sie am 12. Januar 1966 dem Sohn Pierre in Paris, habe sie nie gekannt. Und erwähnt dabei, dass sie und auch Rodi, der lange krank war, zuletzt »kaputt und durcheinander« gewesen sind. Man kann über solche Geständnisse leicht hinweglesen, aber es ist klüger, hinten im Buch, im Anmerkungsteil, nachzuschlagen. Denn dort steht, was der Brief nicht ausspricht. Es sind nicht bloß die Sorgen um den Mann gewesen, die zu diesem Zustand geführt haben. Ihre Qualen haben vor allem mit der verschärften Reglementierung der DDR-Künstler zu tun, die dem 11. Plenum der SED im Dezember 1965 folgte.
Anna Seghers hat unter solchen Vorgängen gelitten. Sie hatte in diese DDR all ihre Hoffnungen investiert, hier wollte sie leben und arbeiten, und sie sieht mit Sorge, schon früh, wie durch Dummheit, Borniertheit und Dogmatismus alle Ansätze, in diesem Land eine gerechte Gesellschaft zu schaffen, vernichtet werden. Sie begnügt sich, wenn sie darauf zu sprechen kommt, mit Andeutungen, kargen, unverdächtigen Sätzen, verständlich oft nur dem Eingeweihten, manchmal jedoch nicht mal dem und heutigen Lesern schon gar nicht. Weiß man, was sie meint, wenn sie im April 1953 von Bedrückungen spricht und Strempels Malerei am Bahnhof Friedrichstraße erwähnt, die abgekratzt wurde? Oder wenn sie ihrem sowjetischen Freund und Vertrauten Wladimir Steshenski Anfang 1957 bedauernd schreibt, dass sie erneut nicht richtig arbeiten könne, weil »wieder soviel los ist in Berlin«? 1953 spricht sie von den haarsträubenden Folgen der Formalismus-Debatte, die zweite Bemerkung meint die Unruhe, die die Verhaftung Walter Jankas auslöste.
Ständiges Blättern bleibt einem auch in diesem Briefband nicht erspart. Erst die in mühseliger Arbeit zusammengetragenen Fakten, die aufgedeckten Zusammenhänge, die entschlüsselten Andeutungen, ausgebreitet und erklärt im reichen Anmerkungsapparat, machen begreiflich, wovon in dieser Korrespondenz mitunter die Rede ist. Die Briefe, meist locker und zwanglos formuliert, oft sprunghaft und bündig, würden sich ohne den Anhang, der ihnen das biografische und zeitgeschichtliche Fundament gibt, nur unzulänglich erschließen. Man muss schon, zum Beispiel, um den Aufruhr unter Intellektuellen und Künstlern wissen, den die Biermann-Ausbürgerung auslöste, um zu bemerken, wie viel Brisanz in harmlosen Wendungen der Seghers steckt.
Sie ist vorsichtig gewesen. Ihr Herz trägt sie nicht auf der Zunge, auch in den Briefen nicht. Sie hat es in lebensbedrohlichen Zeiten gelernt, auf der Hut zu sein. Umgeben von Misstrauen, hält sie sich an diese Erfahrung. Sie ist Jüdin und nicht im Moskauer Exil gewesen. Es macht sie verdächtig. Man beschneidet ihre Reisemöglichkeiten, drängt sie zur Aufgabe der mexikanischen Staatsbürgerschaft, appelliert an ihre Parteidisziplin, zeigt ihr, als gegen den Exilgefährten Paul Merker ermittelt wird, zur Abschreckung die Instrumente. Sie wird die DDR nie in Frage stellen, aber sie erlebt auch, dass Walter Ulbricht, bei dem sie im Dezember 1956 gegen Jankas Verhaftung interveniert, gar nicht daran denkt, auf Leute wie sie zu hören. Und man lässt sich von Zuträgern der Staatssicherheit alles berichten, was sie irgendwo äußert oder tut. Sie ist klug genug, ihrer Liebe fürs Tratschen nur im Gespräch mit vertrauten Personen nachzugeben. Das erklärt auch, warum heikle Dinge in ihrer Korrespondenz allenfalls angetippt oder gar nicht erst erwähnt werden.
Aus diesen Gründen hat sich Anna Seghers auch gegen eine Publikation von Briefen immer gesträubt. 1961, als ihre Korrespondenz mit F. C. Weiskopf veröffentlicht werden soll, erklärt sie, es sei nicht vernünftig, diese Schreiben zu verbreiten. Sie würden die Leser, weil ihnen ja die persönlichen Umstände der Autoren nicht bekannt sind, nur verwirren. Die Herausgeberinnen dieser Edition haben sich enorm angestrengt, um der Gefahr zu begegnen. Sie wählten ja für diesen zweiten Band nicht nur 250 Briefe aus, sie haben, um sie zu erläutern, jeden gefragt, der etwas wissen könnte, sie haben gesucht und überprüft und weiter gesucht und mit Geduld, Ausdauer und Akribie alles getan, was jetzt zur Erhellung des privaten und zeitgeschichtlichen Hintergrunds beiträgt. Die Skepsis der Anna Seghers ist hier widerlegt.
Anna Seghers: Tage wie Staubsand. Briefe 1953-1983, hg. von Christiane Zehl Romero und Almut Giesecke, Werkausgabe Bd. V/2, Aufbau Verlag, 645 Seiten, geb., 42 Euro.
Adlershofer Buchpremiere mit den Herausgeberinnen morgen um 19 Uhr im Kulturzentrum Alte Schule, Berlin-Adlershof, Dörpfeldstraße 54-56.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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