Nach Jahren des Stillstandes strebt wieder ein großes Wohnungsunternehmen an die Börse. Auch wenn die GSW Immobilien AG diesen Schritt wegen des schwierigen Marktumfeldes erst einmal verschoben hat, wächst wieder das Interesse von Finanzinvestoren an Wohnungen in Deutschland. Dabei hat die Bundesrepublik im internationalen Vergleich beim Wohnungsbau die rote Laterne inne.
Doch es ist gerade dieser Mangel an Wohnungen, der Spekulanten anzieht. 2008 und 2009 wurden jeweils nur noch rund 60 000 Wohnungen in Mehrfamilienhäusern neu erbaut. Die Bauaktivitäten zwischen Flensburg und Füssen sind damit auf einem neuen Nachkriegstief angelangt. Und eine Besserung ist nicht in Sicht. »Die Schere zwischen dem Bedarf an neuen Wohnungen und dem Neubau klafft immer weiter auseinander«, kritisiert der Immobilienverband IVD. Das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung sieht einen Neubaubedarf von 400 000 Wohnungen pro Jahr, auch als Ersatz für abgerissene Häuser und um Energie einzusparen.
Eine Folge des Wohnungsmangels sind steigende Mieten. Für das Jahr 2010 erwartet der IVD einen Anstieg im ganzen Land. »Ohne gesetzgeberischen Impuls wird der Neubau von Wohnungen nicht nachhaltig anziehen«, warnt IVD-Vizepräsident Jürgen Schick. Gerade in den Ballungsgebieten fehle es an Stimulierung. »Als Folge des fehlenden Neubaus steigen die Preise«, erklärt Schick.
Derweil teilt sich der Wohnungsmarkt bundesweit immer weiter. Für weite Teile Ostdeutschlands und des Ruhrgebietes erwarten Experten wegen der abnehmenden Bevölkerungszahl auch langfristig keinen Mangel an Wohnraum. Dagegen werden vor allem attraktive Lagen in Großstädten richtig teuer, und auch in Mittel- und Kleinstädten steigen die Neuvertragsmieten. Zugleich fehlen fast überall kleine Wohnungen, denn der Trend zum Einpersonenhaushalt hält an. Trotz Bevölkerungsrückgangs wächst dadurch die Nachfrage nach Wohnungen.
Zugleich fehlt es vor allem in den Städten an »bezahlbaren« Wohnungen. Fast die Hälfte der Haushalte in Hamburg hat laut der städtischen Wohnungsgesellschaft SAGA GWG nur ein Nettoeinkommen von maximal 1700 Euro zur Verfügung. Mittlerweile werden schon für jeden zehnten Haushalt die Wohnkosten vollständig oder teilweise vom Staat übernommen. Tendenz weiter steigend.
Es rächt sich, dass der Bund im Jahr 2001 die Mittel für den sozialen Wohnungsbau gestrichen hat. Auch die meisten Bundesländer haben ihre Bautätigkeit weitgehend oder ganz eingestellt, Kommunen privatisieren öffentlichen Wohnraum. Parallel dazu stiegen Finanzinvestoren ein. Sie setzen teilweise auf die Umwandlung in Eigentumswohnungen, teilweise auf höhere Mieteinnahmen.
Vor drei Jahren kam es dann zu einer ersten Welle von Börsengängen. Verlief die Kursentwicklung zunächst enttäuschend, stiegen die Aktien von Colonia, Gagfah oder Patrizia seit dem Tiefpunkt der Finanzkrise rasant. Sogenannte Zinshäuser gelten nun unter Investoren als krisensicheres Investment, mit einer zwar geringen, aber dafür sicheren Profitrate.
Für Neubau, geschweige denn preiswerte Mietwohnungen sorgen sie nicht. Und das bringt die Gewerkschaft auf den Dachfirst: »Seit 2005 hat Deutschland die rote Laterne in Europa«, beklagt der IG-BAU-Bundesvorsitzende Klaus Wiesehügel. In Frankreich, Spanien und der Schweiz werden dreimal so viele Wohnungen gebaut. Die IG BAU fordert daher gemeinsam mit dem Mieterbund, Bauverbänden und Wohnungsunternehmen in ihrer Initiative »Impulse für den Wohnungsbau« eine Wende in der Politik der Bundesregierung.
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