03.06.2010

»Wir hoffen auf ein Ende der Blockade«

Aktivist der Free-Gaza-Bewegung verfolgte israelischen Überfall auf Hilfskonvoi über Internet

Die Fahrt der »Freedom Flotilla« mit Hilfsgütern für die palästinensische Bevölkerung im Gaza-Streifen wurde auch von den Organisatoren des Konvois in Zypern und in den USA stetig verfolgt. In Washington hielt der US-Libanese Ramzi Kysia, einer der führenden Mitarbeiter der Free-Gaza-Bewegung, Kontakt zu den Schiffen. Für ND sprach mit ihm Harald Neuber über den Überfall der israelischen Armee am Montag auf die Schiffe und die Folgen für die Friedensbewegung.
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ND: Sie haben die Geschehnisse in der Nacht zum Montag von Washington aus verfolgt. Wie haben Sie die dramatischen Momente des Überfalls erlebt?
Kysia: Ich gehöre den Organisatoren der Free-Gaza-Bewegung an. Auch wenn ich dieses Mal nicht an dem Schiffskonvoi teilnehmen konnte, habe ich zahlreiche Aktionen mitorganisiert. So auch diese »Freedom Flotilla« aus sechs Schiffen. Ich saß vor meinem Computer und habe eine installierte Liveübertragung über Internet verfolgt. So bekam ich den israelischen Angriff in Echtzeit mit. Natürlich war ich erschüttert über das, was ich sah – bis die Verbindung abbrach.

Welche Informationen haben Sie über die Opfer der Militäraktion?
Wir wissen noch immer nicht, wer ermordet wurde und wie viele Friedensaktivisten bei dem Überfall verletzt wurden. Auch wenn nun immer mehr Gefangene freikommen, wurden sie zunächst isoliert. Selbst unser Anwalt in Gaza bekam keinen Zugang zu ihnen. Wir Organisatoren dieser Aktion sind daher nach wie vor sehr besorgt und durch das Geschehene sehr verstört und aufgebracht.

In Aufnahmen der israelischen Armee sieht man auch, wie Aktivisten die angreifenden Soldaten mit langen Stöcken attackieren. Wäre es nicht besser gewesen, sich den schwer bewaffneten Angreifern zu ergeben?
Es ist ja noch gar nicht klar, was geschehen ist, als die israelischen Soldaten die Schiffe, allen voran das größte Schiff, die unter türkischer Flagge fahrende »Mavi Marmara«, angriffen. Bis die Verbindung von der israelischen Armee gekappt wurde, haben internationale Journalisten berichtet, dass die Passagiere sich erst verteidigt haben, als zwei Personen von Kugeln getroffen niedersanken.

Es hieß anfangs von israelischer Seite, die Passagiere hätten Waffen an Bord gehabt.
Wo sind diese Waffen denn dann? Wir hatten keine Waffen dabei, nur humanitäre Hilfsgüter! Wir hatten die Hafenbehörden in Zypern vor Abfahrt um eine Inspektion der Schiffe und ihrer Laderäume gebeten, weil wir geahnt hatten, dass solche Vorwürfe kommen werden. Bei den Passagieren handelte es sich um Zivilisten, unter ihnen Menschenrechtler, Entwicklungshelfer, Parlamentarier und Journalisten. Als der Angriff startete, waren wir ohne jeden Zweifel in internationalen Gewässern. Israels Streitkräfte sind der klare Aggressor. Sie haben zwischen neun und 20 unbewaffnete Menschen ermordet und sie sagen uns bis heute noch nicht einmal, wer dem Angriff zum Opfer fiel. Viele Familien warten noch auf Informationen. Deswegen fordern wir umgehend diese Angaben von Israel. Wir unterstützen die Forderung nach einer internationalen und unabhängigen Untersuchung. Israel weist bislang beides zurück.

International hat es inzwischen entschiedene Reaktionen gegeben, auch wenn eine Resolution des UNO-Sicherheitsrates verhaltener ausfiel, als zunächst erwartet. Was meinen Sie zur internationalen Debatte?
Natürlich sind wir sehr bewegt von der breiten Solidaritätsbewegung, die sich nach dem Überfall weltweit gezeigt hat. Und wir hoffen, dass dieser blutige Angriff der israelischen Armee auf die Solidaritätsflotte letztlich das Ende der völkerrechtswidrigen Blockade gegen die Menschen in Gaza markiert. Im Namen der Toten und ihrer trauernden Familien hoffen wir, dass die Verantwortlichen für dieses Verbrechen in Israel zur Rechenschaft gezogen werden.

Werden Sie Ihre Aktionen fortsetzen? Werden Sie weiter versuchen, auf dem Seeweg die Blockade zu durchbrechen?
Wir lassen uns nicht aufhalten. Reverend Martin Luther King hat einmal gesagt: »Die Geschichte strebt zum Recht hin«. Deswegen werden wir Gaza immer und immer wieder ansteuern, bis diese Belagerung beendet ist und die Palästinenser freien Zugang zur Welt haben.

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