Am Ufer des Río Cuyubini, vor dem Shop von Bruce Small
Foto: Bruckner
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Auf einer alten Karte der Grenzregion von British Guiana – heute Guyana – und Venezuela hatte ich einen bizarren Namen gelesen: El Terror. Schreckensbilder schossen mir durch den Kopf. Auf neueren Karten tauchte der Name indes nicht mehr auf. El Terror schien getilgt aus dem Gedächtnis der Kartografen.
Nun aber fand ich mich auf der Weite des Orinoco wieder, in einem Holzboot guyanischer Bauart mit zwei Außenbordmotoren. Das Ziel: El Terror! Neben mir saß D., meine Verlobte, eine Hindu, deren Eltern 1983 vor der wirtschaftlichen Not ihrer Heimat Guyana in das Labyrinth des Orinocodeltas geflohen waren, um ein neues Leben zu beginnen, mit neuen Namen, neuen Ausweisen, neuem Geld und mit dem Segen Lakshmi Matas, der Göttin des Glücks und des Wohlstands.
Die Familie trieb Handel mit dem Volk der Warao, die ihre Pfahlbauten weitab errichtet haben – was sie jahrhundertelang vor dem Terror sowohl weißer Entdecker als auch einer kreolischen Soldateska bewahrt hat, die die unbarmherzigen Sümpfe stets mied. D.s Eltern, ihr Bruder und ihre Tante tauschten Salzfisch von den Waraos gegen Stoffe, Arzneien, Zucker, Tabakstangen, Feuerwasser. Der Verkauf des Fischs in Tucupita brachte der Familie gutes Geld.
D., lange einsam
D. hatte ihrer Mutter, der alten Matriarchin, viel Kummer gemacht. Kaum 18, war sie mit einem im Delta stationierten Nationalgardisten davongelaufen, an die kolumbianische Grenze, wohin er versetzt worden war, um gegen die Guerilla zu kämpfen. D. verbrachte endlose Tage allein. Wenn er nach seinen Scharmützeln heimkam, weinte er vor Verzweiflung, zitterte und griff zur Flasche. Ein Mann, hatte D. gelernt, muss immer stark sein. Sie ging. Er folgte ihr zu ihrem Elternhaus, schrie und schoss in die Luft, doch sie zeigte sich ihm nie wieder.
Es vergingen Jahre der Einsamkeit. Jetzt aber schien alles perfekt: Sie neben mir, und der Passat in unserer Nase. Indes: Kaum mehr fünf Jahre sollten D. auf dieser Welt noch beschieden sein. Am 5. April 2008 trafen Revolverkugeln eines unbekannten Mopedfahrers die inzwischen 35-jährige Frau, während sie ihren Jeep in Tucupita einparkte.
Unser Steuermann am Heck des Bootes, ein Hüne aus Guyana, wurde M. genannt. Seine Adern durchströmte »globales Blut«: Seine Vorfahren waren Afrikaner, Arawaks, Portugiesen. M. war für jedes Abenteuer zu haben. Er tauchte auf und tauchte unter, war immer allein, obwohl stets in Gesellschaft zu sehen. Die Frauen liebten ihn, den Helfer in der Not, der keiner je einen Wunsch abschlug. Jahrelang schmuggelte er Benzin von Venezuela nach Guyana und Menschen von Guyana nach Venezuela. Bei Fort Island, einer Insel im Essequibo, tauchte er mit moderner Ausrüstung nach dreihundert Jahre altem Müll: leer gesoffenen Flaschen, die die Sklavenhalter in Ekel vor ihrer eigenen Grausamkeit und der ihnen feindlich gesinnten Umgebung ins Wasser geschleudert hatten. In entlegenen Strömen Guyanas tauchte M. ebenfalls, den Saugschlauch im Arm, der die Ablagerungen des Flussbetts hoch auf das Floß presste, wo eine Lavador genannte »Waschmaschine« goldhaltigen Schlamm von wertlosen Sedimenten trennte.
Indes: Nur ein Jahr sollte vergehen, bis sich M. in Guyana als Bootsmann für Goldtransporte verdingte, an Malaria erkrankte und bis zum Skelett abmagerte. Dann verlor sich die Spur des 39-Jährigen.
Jetzt aber stand er stolz am Heck. Zum Schutz seiner tränenden Augen hat er eine Skibrille aufgesetzt. Wegen Motorproblemen waren wir spät losgekommen. Nun bogen wir in den Río Arature, um in einem alten Pfahlbau zu übernachten.
Von Dollars und Drogen
Während wir überm Feuer ein Stück Wild rösteten, das wir unterwegs von den Waraos erhandelt hatten, und an unserem Rum nippten, kam unweigerlich die Story mit dem Koks hoch, die ewig alte, neue, gleiche: In einer Nacht war eine Crew von sieben Drogenkurieren in ihrem Fiberglasboot mit einer Fracht von 500 Kilo durch die Große Barre des Orinoco 35 Kilometer östlich der Arature-Mündung gezischt. Die Barre zu befahren ist (außer am zeitigen Morgen) gefährlich, die Wellen türmen sich höher als im Meer. Das Boot raste gegen eine der Bojen, die Containerschiffen die Fahrrinne anzeigen, und zerbarst. Vier Besatzungsmitglieder ertranken. Ihr Mafia-Bossman traf am nächsten Tag im nächstgelegenen Dorf ein und zahlte den Waraos umgerechnet 2000 US-Dollar, auf dass sie nach den Ertrunkenen und den Drogen suchten. Zwei Leichen wurden tatsächlich gefunden: mit um den Leib gebundenen Kokainpäckchen. Als D.s Tante mit ihrem Handelskahn eintraf, fand sie die Waraos orgiastisch feiernd vor: »Es gab keine Hütte, die nicht wenigstens 100 Dollar besaß«, erzählte sie später. Sie machte bessere Geschäfte als je, verkaufte Stoffe, Kleider und Rum für 400 Dollar. »Warum nur sind es die Waraos«, klagte sie, »die immer Dollar oder Drogen auf den Sandbänken finden, nie ich! Ich möchte auch mal einen Packen finden!«
Im Einbaum stromauf
M. umsteuert die Stromschnelle El Ahogado (Der Ertrunkene).
Foto: Bruckner
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Morgengrauen. Nebel waberte überm Fluss, auf dem die schwarzen Nüsse der Temiche-Palmen wie Bälle trieben und mit hölzernem Poltern gegen unseren Rumpf schlugen. Wir quälten uns durch einen schmalen Verbindungskanal zum Caño Guayacaicoro und gewahrten auf Stelzen, die an Spinnenbeine erinnern, die Hütten der Papageienfänger, die ihre Beute an Tierschmuggler verhökern, um nicht zu verhungern. Der Guayacaicoro vereint sich mit dem Cuyubini und fließt in den Amacuro, den wildesten Fluss Venezuelas. Dort teilte die Familie Frederic Smalls ihre Schildkrötensuppe mit uns. Wir stiegen um in einen Einbaum und heuerten Enrique Valenzuela an, einen Lotsen, der mit der Brusttätowierung eines Adlers mit ausgebreiteten Flügeln vertrauenerweckend wirkte.
Und jetzt ging's los: Die Fahrt den Cuyubini stromauf – nach El Terror. Ein Sturm brach los. Bäume krachten in den Fluss. Unser Lotse lag im Bug und warnte M. vor Pflanzen, die sich um die Schiffsschraube wickeln könnten, und gefährlichem Treibholz.
Nach dem Regen nahmen sich die wenigen, allesamt verlassenen Hütten wie von einem Fluch überschattet aus. 1994 war D.s Bruder bis hierher gekommen, an den Rand der Goldregion. Der 18-Jährige war den berüchtigten »Banditenfluss« hochgefahren bis zum Vorratsshop von Bruce Small, dem Sohn des alten Frederic. Nahebei verbrachte er die Nacht, den Kopf auf dem Motor, der hierzulande mehr wert ist als ein Menschenleben. Am Morgen, als er zur Rückfahrt rüstete, bat ein Goldgräber, mitfahren zu dürfen. Unterwegs klagte er plötzlich: »Ich habe Durchfall, lass mich an Land!« – »Schwing deinen Hintern über Bord«, erwiderte D.s Bruder. Aber der Mann zierte sich in falscher Scham und dirigierte das Boot an eine Lichtung. Rasch verschwand er im Busch, doch während D.s Bruder sich eine Bristol ansteckte, hörte er Stimmen, und als er aufschaute, gewahrte er mehrere Männer … Einen Lidschlag später hatte er das Boot in der Flussmitte. Kugeln flogen ihm um die Ohren, dann war er gerettet.
Und nun, in der Dämmerung, erreichten auch wir Bruce's Shop. An der Uferfront eine Baracke, in der durchreisende Goldgräber nächtigten. Der nur von einem Öldocht erleuchtete, stickige Raum war voller Menschen, darunter etliche Malariakranke.
Also weiter! Ein Docht am Ufer zeigte uns die Stelzenhütte von Carlos Knight. Hundebellen zerriss die Finsternis, Kinderweinen. Über mein Gesicht strichen Fledermausflügel. Eine Zikade klagte. Wir alle – außer Enrique, der im Boot wachen wollte – spannten unsere Hängematten an die Dachbalken. D. kochte Spaghetti. Carlos und seine Familie waren dankbar: Am Río Cuyubini ist der Hunger Dauergast.
Vormittag. Die Stromschnelle El Ahogado – »Der Ertrunkene« – machte uns einen Strich durch die Rechnung. Wir entluden unsere Habe auf einen Felsen in der Flussmitte, während M. und Enrique das Boot durch die Strömung navigierten. Silberne Fischchen, aufwärts wandernd, schnellten über den Fels; D. befreite sie aus ihrer hilflosen Lage und setzte sie oberhalb wieder ein.
Über El Ahogado hatte ich bereits gelesen: Francisco Lugo (1894-1982), seinen Landsleuten zufolge »der einzige gebildete Mensch aus Amacuro, der in der großen weiten Welt Ruhm erlangte«, Philosoph, Parapsychologe, Ingenieur, unternahm in seiner Jugend eine Reise bis El Terror, um Gold zu suchen. Er passierte El Ahogado, berüchtigt wegen der dortigen Jaguare und Schlangen, und gelangte an sein Ziel. Gold fand er kaum, erkrankte jedoch an Gelbfieber.
Donnernder Wasserfall
Nun waren wir es, die El Terror erblickten: Das Camp aufgegeben, aber warum man es so nannte, war klar: Vor uns donnerte auf der gesamten Flussbreite ein schrecklicher Wasserfall herab. Am Fuße des Falls, auf dem Waldboden, lagen ausgestreut wie Juwelen Pflanzensamen, in Formen und Farben so merkwürdig, wie niemand sie erdenken könnte. Einer der Samen sah aus wie ein Kristallkiesel; in seinem Inneren ringelte sich fötengleich der Keimling. Beim Baden in der Lagune fühlten wir einen Hauch von Ewigkeit.
Bald sollten wir zurückkehren, jeder in seine Welt, Enrique, M., D., ich. Wir würden Gold ertauschen, am Amacuro Kochbananen, Ingwer, Kürbisse, Kokosnüsse kaufen, bei Frederic Rum trinken und am darauf folgenden Morgen die Große Barre des Orinoco kreuzen, mit uns ein malariakranker Indianer, 16 Jahre alt, in eine Decke gehüllt. Und unser Schicksal würde sich erfüllen.
Ingolf Bruckner veröffentlichte zuletzt »Kolumbien – Handbuch für individuelles Entdecken«, 564 S., Verlag Reise Know How, Bielefeld.