Von Oliver Matz
05.06.2010

Gestorben, um Leben zu retten

Vor 75 Jahren wurde Fiete Schulz von den Nazis ermordet

Am 6. Juni 1935 wurde der Kommunist Fritz Karl Franz (Fiete) Schulze, geboren 1894, von den Nazis in Hamburg enthauptet. Während in der DDR zahlreiche Schulen, Straßen und sogar ein Schiff nach ihm benannt waren, ist er heute in der Öffentlichkeit des wiedervereinigten Deutschland weitgehend vergessen.

Am 16. April 1933 war er nach einer Denunziation in seinem illegalen Hamburger Quartier festgenommen worden. Eines der Kommandos zur besonderen Verfügung (KzbV) brachte ihn in das Untersuchungsgefängnis Hamburg am Holstenglacis. Dort wurde er während seiner zweijährigen Haft zusammen mit seinen ebenfalls verhafteten Genossen bestialischen Folterungen unterworfen.

Als Leiter des von der KPD organisierten Massenwiderstands gegen den SA-Terror war Fiete Schulze ab Herbst 1932 verantwortlich für die Abwehraktionen der Antifaschistischen Aktion. Er war ein begeisternder Redner und ungemein populär innerhalb der Arbeiterschaft. Die Staatsanwaltschaft brauchte fast zwei Jahre, um den Prozess gegen ihn vorzubereiten. Ihm wurden Hochverrat und die politische Verantwortung für Akte des individuellen Terrors zur Last gelegt, bei denen im Februar/März 1933 mehrere SA-Männer ums Leben gekommen waren. Das Urteil stand so schon vor Prozessbeginn fest. Die Staatsanwaltschaft stützte sich bei ihrer Beweisführung auf Aussagen von Personen, deren Integrität mehr als zweifelhaft war.

Am 13. Februar 1935 begann der Prozess. Obwohl eine konkrete individuelle Verantwortung Fietes im Verlauf der Anklage für die Gewalttaten und den Tod der SA-Leute nicht erbracht werden konnte, ja die Beweisführung gegen ihn mehrmals vollkommen zusammenbrach, forderte am 12. März Staatsanwalt Dr. Stegemann drei Mal die Todesstrafe und dauernden Ehrverlust: »Seine Zunge ist gefährlicher als die Kugeln derer, die auf seinen Befehl geschossen haben.« Das am 18. März 1935 verkündete Urteil entsprach dem und verkündete zudem 260 Jahre Zuchthaus. Daraufhin sprang Fiete, der bis dahin völlig ruhig das Geschehen beobachtet hatte, auf und rief in den Saal hinein: »Es wird einen Kämpfer weniger geben, aber siegen werden wir trotzdem.« Polizisten stürzten sich prügelnd auf ihn und schleiften ihn vor den Augen der Prozessbeobachter aus dem Gerichtssaal.

Das Todesurteil rief internationalen Protest hervor. Es kam zu Demonstrationen in Paris, Amsterdam, Moskau und anderen europäischen Städten. Es protestierten Albert Einstein, Maxim Gorki, Heinrich Mann und andere internationale Persönlichkeiten. Trotzdem wurde Fiete hingerichtet. Ein Abschiedsbesuch war seinen Angehörigen verwehrt worden. Am 12. Mai 1935 hatte er mit bewegenden Worten versucht, seiner Schwester sein Sterben plausibel zu machen: »Dank für deine Zeilen. Warum aber so kleinmütig? Du haderst mit den Verhältnissen, die Dir den Bruder nehmen. Warum willst Du nicht verstehen, dass ich dafür sterbe, dass viele nicht mehr einen frühen und gewaltsamen Tod zu sterben brauchen? ... Es kann und darf nicht Eure Aufgabe sein, mein Sterben zu bejammern, denn nur dann – wenn Ihr es bejammert – ist es nutzlos und verfehlt.«

Erst im Februar 1981 wurde das Todesurteil gegen Fiete Schulze durch die Staatsanwaltschaft beim Hanseatischen Oberlandesgericht aufgehoben.