Von Volkmar Draeger
07.06.2010

Durchschmerzung des Daseins

Jüdisches Museum ehrt »Flucht und Verwandlung. Nelly Sachs, Schriftstellerin, Berlin/Stockholm«

Nelly Sachs' schwedischer Pass, 1960
Nelly Sachs' schwedischer Pass, 1960

Sie wolle hinter ihrem Werk verschwinden, anonym bleiben, »nur eine Stimme, ein Seufzer für die, die lauschen wollen« sein, erbat Nelly Sachs scheu in einem Brief von 1959. So wirft ihre Worte ein Projektor am Eingang der Ausstellung an die Wand. Denn geschrieben im Exil, klärt ein anderer Brief, habe sie des Nachts, wenn die kranke Mutter schlief: Das zwang ihr »immer im Angesicht der Leidenden die Worte auf, die dann später meine Gedichte und dramatischen Versuche hießen«.

Lyrik als Überlebensstrategie in bedrängter Zeit. Bedrängt fühlte sich Sachs lebenslang. »Flucht und Verwandlung. Nelly Sachs, Schriftstellerin, Berlin/Stockholm« im Jüdischen Museum zählt zum Intimsten der Berliner Ausstellungslandschaft. Danach macht die Schau zum 40. Todestag der Lyrikerin in Stockholm, Zürich und Dortmund Station – Orte, die für sie wichtig waren.

Geboren wurde sie als Kind einer deutsch-jüdischen Bürgerfamilie 1891 in Berlin, versucht sich früh an Literatur, durchlebt mit 17 eine Existenzkrise aus unglücklicher Liebe, schickt Selma Lagerlöf »Legenden und Erzählungen«, die erste Publikation, erhält von der bewunderten Schwedin eine anerkennende Postkarte, die sie stets bei sich führen wird.

Ihre Gedichte erscheinen ab 1933 in Zeitungen, bald nur noch in den wenigen jüdischen. Als der Straßenzug, in dem Nelly und die Mutter wohnen, »entjudet« wird, gelingt, den Deportationsbefehl schon in der Tasche, mit einer der letzten zivilen Maschinen von Tempelhof aus die Flucht nach Schweden. Eine Empfehlung von Lagerlöf hatte das Visum erwirkt, die Habe fasst ein Lederkoffer.

In Schweden wird sie bis zu ihrem Tod 1970 bleiben, zunehmend hoch geehrt, dennoch tief verletzt. Höhepunkt wurde 1966 die Verleihung des Nobelpreises für Literatur. Krankheit prägt die späten Jahre: Krebs und Paranoia, im Glauben, von einer »Naziliga« verfolgt zu werden. Einmal nur, 1965, zur Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in Frankfurt, besuchte sie noch die Geburtsstadt, deren Ehrenbürger sie wurde.

»Durchschmerzung« des Daseins war Mission ihres Dichtens, als Teil der jüdischen Gemeinschaft wie als Liebesleidende. Jene frühe Krise sublimierte sich in Lyrik um den »toten Bräutigam«, nachdem sie von dessen Ende im Krieg erfahren hatte. Grabstaub und Abschied sind häufige Themen ihrer meisterhaften Sprachschöpfungen, Epitaphien auch auf in den Lagern der Nazis Umgekommene, »Flüchtlinge aus Rauch«. Berühmte begegnen, helfen ihr. Alfred Andersch, Hans Magnus Enzensberger, Ingeborg Bachmann, Hilde Domin, Paul Celan. Mit gütigem Lächeln unter leichtem Kopftuch, so geht sie im Film durch einen Park, wie zum Abschied vom Besucher der Ausstellung.

Der Schwede Aris Fioretos hat sie kuratiert, Jens Imig gab ihr unverwechselbare Gestalt. In zehn Stationen, Inseln gleich, muss man sich die 185 Exponate, eingebaut in Stellwände von der Form schwingender Regale, erobern. Vom »Paradiesgärtlein«, Titel ihres frühen Poesiealbums, mit seiner Familienhistorie über die tragische Liebe zum »Großen Anonymen« bis zur Zeit im »Friedensschweden« und schließlich ihre »Bosch- und Breughel-Höllen« genannten Sanatoriumsaufenthalte mit Elektroschock-Therapie reicht der Bogen. Die winzige »Kajüte«, in der sie arbeitete, mit Blick aufs Wasser, enthält ebenso Originale wie die übrigen Segmente. Ein Lyrikerleben rundet sich, dessen schmerzvolle Lesefrüchte heißen: Fahrt ins Staublose, In den Wohnungen des Todes, Glühende Rätsel, Sternverdunkelung, Landschaft aus Schreien.

Bis 27.6., Jüdisches Museum, Lindenstr. 9-14, Kreuzberg, Telefon 25 99 33 00, www.jmberlin.de

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