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Filip Garbacz als Tomek
Foto: dpa
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Seinen Traum verteidigt er lange. Aber was heißt das, wenn man gerade fünfzehn Jahre alt ist? Tomek lebt an der deutsch-polnischen Grenze. Sein Vater ist Trainer einer Fußballmannschaft – aber Tomek ist immer der erste, der von ihm ausgewechselt wird. Für Fußball fehlt es ihm an Ehrgeiz. Er träumt von einem Observatorium in seiner Schule. Aber dort hat man kein Geld für so etwas. Auch der Priester der Gemeinde versteht nicht, warum er in seiner Kirche eine Kollekte für ein Fernrohr veranstalten soll. Und so bleibt nur einer seiner Lehrer (in einer Gastrolle: Rolf Hoppe), der versteht, warum das Observatorium so wichtig für Tomek ist. In einigen Wochen kann man den Merkur am Himmel beobachten. Und dennoch, die Nähe zur deutschen Grenze, wenn man auf der ärmeren – also polnischen – Seite wohnt, macht ungeduldig. Für die Träume ist das schlecht, wenn man sie wie Tomek so eng mit etwas verbindet, das Geld kostet. Geld, das er nicht hat. Ist der Traum darum zerstört, sind nicht gerade die Sterne, die er beobachtet, die besten Lehrmeister? Angesichts des endlosen Kosmos wäre es falsch, ungeduldig zu sein. Aber der Kosmos ist für einen Fünfzehnjährigen vielleicht doch eine Überforderung. Ein falsches Format für seine Träume. Denn was Tomek (großartig in seiner Unscheinbarkeit, in der ein starker Wille wohnt: Filip Garbacz) noch nicht weiß: man lebt am besten, wenn sich die größten Wünsche nicht erfüllen, sie einen ein Leben lang unverbraucht begleiten.
Irgendwann ist der Punkt erreicht, da gibt Tomek seinen Traum vom Observatorium auf. Oder besser, nein schlimmer, er tauscht ihn ein für etwas, das zum Greifen nah vor ihm liegt. Das schnelle Geld! An der Grenze wird geschoben, geschmuggelt, gedealt – und auch das Strichermilieu treibt faule Blüten. Plötzlich steckt Tomek tief drin. Kann man das verstehen? Ein Junge, der bis eben alles dafür getan hätte, dass seine Schule ein Observatorium bekommt? Vielleicht hat es damit zu tun, dass er einen besten Freund hat, der sich bereits prostituiert, der sagt: Man muss sich verkaufen, jeder verkauft sich. Noch wehrt sich Tomek gegen diese schreckliche Traumlosigkeit. Doch dann trifft er in der einzigen Disco des Grenzortes Marta. Es ist gefährlich, mit fünfzehn an ein Mädchen zu geraten, das von ihm immer neue Geschenke verlangt, wenn sie seine Freundin sein – und bleiben – soll.
Robert Glinski gelingt mit »Ich, Tomek« die intensive Studie einer Gesellschaft, die ihre alten Werte verloren, aber keine neue gefunden hat – außer dem Geld als einzigem Ausweis von Erfolg und von Glück. Eine Lüge natürlich, aber Tomek hat noch nicht lange genug die Sterne beobachtet, um vor ihr gefeit zu sein. So prostituiert auch er sich, schließlich tun doch alle alles, um zu Geld zu kommen. Seine ältere Schwester schmeißt gerade die Abiturprüfung, will nicht studieren, sondern irgendwo im Ausland schnell viel verdienen. Aber mit Arbeit geht das nicht. Das sieht Tomek an seinen Eltern. Der Fußballtrainervater arbeitet meist unbezahlt und die Mutter verdient als Krankenschwester gerade so viel, dass sie genug zu essen haben. So will Tomek nicht leben, diese Art Bescheidenheit aus Idealismus ist nur etwas für Dumme! Er ist nicht dumm.
Was er nicht weiß, ist, dass man dem, was man tut, immer irgendwie ähnlich wird. Und wer sich für Sexspiele an deutsche Autofahrer verkaufen lässt, der hat sehr schnell nur noch eines im Kopf: noch mehr Geld. Marta ist bereits zu einem anderen Jungen gegangen, der ihr mehr Geld gibt, ihr mehr kauft. Braucht es noch weitere Beweise für das, was zählt im Leben? Sein Lehrer kommt und sagt: »Du bist anders geworden, Tomek.« Der dreht sich weg, will das nicht hören. Er hat seine schmutzigen Geschäfte im Kopf. Eines Tages gerät er an einen brutalen Vergewaltiger, der ihn schwer misshandelt. Doch der zahlt gut! Und so wird auch Tomek hart und hinterhältig, verkauft alles und jeden. Auch seinen besten Freund – an jenen brutalen Vergewaltiger, dem er selbst schon zum Opfer fiel. Als er schließlich merkt, was das schnelle Geld aus ihm gemacht hat, ist es schon zu spät.
Das schlimmste Elend herrscht dort, wo einen kein Traum mehr beschützt. Und auch Tomek ist in all seiner neu erworbenen Härte plötzlich ganz schutzlos. Ein düsteres Drama, das konsequente Porträt einer orientierungslosen Generation. Der Hunger auf Leben verwandelt sich in Gier nach Geld. Ein Irrtum, wie sich herausstellt. Der Regisseur über den Gestus seines Films: »In den meisten Szenen haben wir lange Brennweiten verwendet, um den Eindruck einer dokumentarischen Beobachtung zu suggerieren.« Nichts ist erfunden an dieser Geschichte über jene Grenze, an die wir – nachdem scheinbar alle Grenzen gefallen sind – gelangt sind. Schockierend.
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