Langsam hat es sich ja nun herumgesprochen. Das sogenannte »neue Bundesland« Sachsen hat in seiner vielfältig ereignisreichen Kulturgeschichte ganz wesentliche Elemente in das eingebracht, was gesamtdeutsche Nationalkultur ausmacht. Die Sachsen, beweglich im Geist und erfindungsreich im Schöpferischen, waren ebenfalls immer stark im Bewahren von Werten und Sammeln von Wertvollem. Da ist es kein Wunder, dass nun 450 Jahre der erst kurfürstlichen, dann königlichen und schließlich ganz einfach staatlichen Kunstsammlungen gefeiert werden können. Eine beachtliche Bilanz ist zu ziehen – da darf man wohl beim Ausstellen derselben eine originelle Auswahl erwarten.
Diese Hoffnung wird keineswegs enttäuscht, ja, sie wird sogar mit einigen Überraschungen übertroffen. Wer lediglich eine konventionelle Überschau über viereinhalb Jahrhunderte Hochleistungen vermutet, bemerkt unversehens, wie originell man eine solche Kunstszene interpretieren kann. Man lässt nicht nur die Glanzstücke aus dem Füllhorn purzeln, nein, man leiht sich sogar extra nie hier gesehene Exponate von weither aus, die einmal als Geschenk das Land verließen oder auf verrückten Umwegen wiederentdeckt wurden. Man besinnt sich auf den Ursprung. Da erfasste die »Kunstkammer« mit künstlerischen Leistungen auch solche des Handwerks und der Wissenschaft. Und postulierte damit einen komplexen Kulturbegriff. Das lineare Prinzip Repräsentation durch Prachtgemälde dominierte weniger als angenommen. So darf eine fast dialektisch anmutende Abwechslung diese Schau bestimmen.
Dr. Karin Kolb als Kuratorin sprang mal schnell über den Schatten der bloßen Lucas-Cranach-Pflege, der sie bisher verpflichtet war, und konzipierte mit Hg merz architekten als Raumgestaltern eine zwanglose Abfolge. Ihr kamen dabei erst jüngst in New York und anderen amerikanischen Städten gewonnene Einsichten zugute. Sie setzt das Ganze im Halbdunkel vor noch von der Ruine her unverputzt rohen Wänden in Szene. Die einstmals glänzenden Paraderäume des Residenzschlosses entbehren noch aller Pracht. Genau das kommt einer künstlerischer Wirkung aber gerade entgegen. Die quasi von innen her leuchtenden Inseln der großen Glasvitrinen sind von jeder äußerlichen Ablenkung befreit. Und sorgen somit gleichzeitig für geistige Ausstrahlung. So heißt denn neben Schöpfung / Wissbegierde / Konfrontation / Verlangen auch eines der zur Orientierung beigegebenen Stichworte.
Vielseitige Blicke zurück und nach vorn werden möglich. Wir treten ein ins Dunkel der Sachsengeschichte, und werden natürlich zunächst von dem Monumentalgemälde »Triumph des Bacchus« von Benvenuto Tisi geblendet. Lebensgenuss pur. Ehe wir zur züchtigen »Brunhilde in Worms« des Julius Schnorr von Carolsfeld weiterschreiten, stolpern wir fast über Kurfürst Augusts vier Meter lange Silberdrahtziehbank. Sie wurde extra aus dem französischen Ecouen hierher geschafft. Aus gleicher Himmelsrichtung nahm man gleich die vom selben August damals als Geschenk Kaiser Maximilians erhaltenen »Vier Jahreszeiten« des Giuseppe Arcimboldo mit. Die köstlich aus Früchten und Gegenständen collagierten Gesichtsbilder waren, später schnöde, versteigert in den Louvre Paris gelangt.
Das kokette Paar Adam & Eva von der Malerhand Cranachs wird mit Luther »im Tode« und einem tatsächlichen Skelett im Miniformat konfrontiert. Oder das lebensgroß unfreiwillig komisch angelegte Doppelbildnis des sächsischen August mit dem preußischen Friedrich Wilhelm wird garniert von dem beiderseits favorisierten China-Porzellan. So wird Geschichte zur Pointe. Grandios in Aussage und Machart die drei Kupferstiche C. H. J. Fehlings zu den mit höfischem Gepränge vollzogenen Festen der Freiberger Bergleute. Die allzu oft ignorierten Meisterwerke der Grafik kommen so voll zur Geltung. Vergleiche werden möglich. Holbeins Original in Öl »Charles de Solier« von 1534 etwa mit dem Nachstich Marcello Bacciarellis von 1753. Oder die Zustandsdrucke Annibale Carraccis untereinander. Hugo Erfurths Fotos berühmter Dresdner Bürger flankieren Toulouse-Lautrecs Lithos von den Showstars aus dem Paris der gleichen Zeit.
Beim Sprung in die als modern angesehene Neuzeit gibt es mit Corinth und Kanoldt, Slevogt und Lachnit den Seitenblick auf die »Erwerbungen Posse«. Hans Grundigs »Tausendjähriges Reich«, das 1935/38 visionär entworfene Jahrhundertbild, hat endlich den ihm zukommenden suggestiv wirkenden Platz. Menschenbild / Staat / Individuum – zur Gegenwart hin gibt es statt Leitsätzen wieder knappe Stichworte. Vertikal akzentuierende Signale senden die Skulpturen von Altenbourg, Maasdorf, Seitz, Stötzer und Heinze aus. Tübke malte ideal die Zimmererbrigade, und Mattheuer skeptisch das Sisyphusdasein – sie runden auf der Fläche ihrer Malerei die Auswahl zur DDR hin ab. Die Werke Kokoschkas, Heckels, Noldes, Beckmanns und Kirchners gingen 1933 als angeblich »entartet« unwiederbringlich verloren. Nun sind sie – eben nur vorübergehend – zur Einsichtnahme dieser Schande zurückgekehrt. »Quo vadis?« darf zum Abschluss mit »Der Denker« ein Gast rufen . Es ist der nunmehr auch im Lipsiusbau zu sehende Jeff Wall.
Zukunft seit 1560. 450 Jahre Staatliche Kunstsammlungen Dresden. Residenzschloss Taschenberg 2, Dresden. Bis 7. November, Di-So 10-18
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
Der Wert der guten Zeichnung Kupferstich-Kabinett Dresden nach 1945
Wohin mit der Kunst? Lukrezia Jochimsen über Wandbilder aus DDR-Zeiten
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