|
Foto: Hoyer
|
ND: Wie sind Sie Journalist geworden?
Jiménez: Im Jahr 2002 war ich wie getrieben von der Idee, ein indigener Journalist zu werden. Ich nahm an Workshops für Printmedien teil, und ab 2003 gaben wir in Acteal einen gedruckten Newsletter heraus. Doch meine Kollegen und ich merkten schnell, dass gedruckte Medien nicht das Richtige waren. Es gibt keine Lesekultur in meinem Volk, den Tsotsil. Das Interesse, vor allem der Jugendlichen und Kinder, gilt den audiovisuellen Medien. Egal was läuft: Sie hocken vor den Geräten und schauen sich das stundenlang an. Ich dachte: Da muss man doch was machen, damit sie nicht nur Dinge sehen, die überhaupt nichts mit ihrer eigenen Kultur zu tun haben.
An was dachten Sie konkret?
Mein Traum war es, Videos und Fernsehprogramme zu machen, die auch Wissen vermitteln und mit deren Hilfe die Menschen – und vor allem die Jugendlichen – die Kultur, die Sprache und die Identität unserer Tsotsil-Kultur wieder mehr schätzen lernen und pflegen. Deshalb begann ich mich 2005 erneut weiterzubilden, dieses Mal im Bereich Video.
Wie haben die Menschen in Acteal auf Ihre Idee reagiert, ein Video über das Massaker zu drehen?
Ich bin als »Comunicador comunitario«, als Medienarbeiter für die Gemeinde, und nicht als individueller Film- oder Videoproduzent tätig. Die Entscheidung, ob es einen Film zu Acteal gibt, wurde im Kollektiv gefällt.
Natürlich ist mir die Idee gekommen, aber auch andere sagten: »Warum machst du nicht ein Video über Acteal, um der Version der Regierung etwas entgegenzusetzen?« So habe ich zuallererst die Leitung der Organisation »Las Abejas« um ihre Zustimmung und ihre Meinung zu diesem Projekt gebeten.
Als sie einverstanden waren, sprach ich mit den Überlebenden, die ja die Protagonisten des Videos sein würden. Ich erklärte ihnen, dass sie als Zeugen über das sprechen sollten, was sie erdulden mussten, damit endlich anerkannt wird, was passiert ist und das Massaker nicht ungestraft bleibt. Als sie einwilligten, konnte ich beginnen.
Ein Gemeindejournalist arbeitet also nur mit Zustimmung der Gemeinde?
Genau. Dadurch hat er auch deren Unterstützung. Wenn die Gemeinde ein Projekt nicht gut heißt, akzeptiere ich das. Es gibt also einen Unterschied zum Journalisten, dem der Chefredakteur sagt: Mach mal etwas über dieses Thema! Außerdem mache ich meine Arbeit nicht, um sie für Geld zu verkaufen. Natürlich habe ich viele Ideen, aber ein Gemeindejournalist muss auch immer schauen, welche Themen in der Gemeinde gerade Priorität haben, wie die politische Situation ist. Dementsprechend mache ich meine Vorschläge, und die Leitung sagt dann vielleicht: Ja, wir sind einverstanden, denn wir halten das, was du vorschlägst, gerade auch für sehr wichtig.
Spielt es für Sie eine große Rolle, dass Indigene selbst ihre Filme drehen?
Damit ist etwas sehr Gutes erreicht worden. Ein Indigener, der Videos über Belange und Bedürfnisse seines Volkes dreht, kann etwas sehr Authentisches produzieren. Er kennt die Kultur, spricht die Sprache, weiß unglaublich viel über sein Volk. Alles, was ich beispielsweise in meiner Videoarbeit mache, entspringt einem tiefen inneren Bedürfnis und hat daher viel Kraft und Kreativität. Es ist »alles« enthalten. Damit will ich nicht sagen, dass Indigene professionellere Videos machen könnten. Aber wenn andere Filme über Indigene machen, ist dieser Reichtum an Kenntnissen nicht vorhanden, deshalb kann nicht alles enthalten sein. Das soll aber nicht heißen, dass gemeinsame Arbeiten zwischen Indigenen und Nicht-Indigenen nicht auch gemacht werden können.
Haben Sie bereits neue Pläne?
Dieses Jahr bin ich zum Leiter meiner Organisation »Las Abejas« gewählt worden und in dieser Funktion auch in Deutschland. Ich zeige das Video, damit auch nach zwölf Jahren das Massaker nicht vergessen wird. Das heißt, gerade bin ich mit anderen Aufgaben betraut. Aber im kommenden Jahr werde ich meine journalistische Arbeit fortsetzen. Mein Traum wären fiktionale Geschichten über Märchen und Erzählungen meines Volkes … und klar hängt alles von der Entscheidung der Gemeindeautoritäten ab. Aber, wenn man mit Spaß, Überzeugung und Leidenschaft bei der Sache ist, warum dann nicht die Träume Realität werden lassen?
Mateo war "Hausmeister" in einer kleinen Siedlung von "Bungalows" welche an abenteuerlichen Turisten und reisende mexikanischen Beamten vermietet wurden. Ringsherum schoene mit Bergblumen uebersaete Felder umgrenzt von den Tannenbaeumen des Chiapas-Hochland: Gleich an der Grenze zu den indigenen Bezirk der Tsotsil-Kleinstadt "Chamula". Aber wie ein strenger Sprachleher in einem Gymnasium schuettelte er immer verzweifelt seinen Kopf wenn ich das "expoldierende K" in "Kak-al" (der Tag, die Sonne) nie "richtig" aussprach. Erst viel spaeter wurde mir klar gemacht - das man zwei "KK" explodierend nacheinander in Mayasprachen spricht. Die Universitaet von Chiapas, in San Cristobal de las Casas ,bietet Sprachuntericht in Tsotsil. Die Grammatik des Tsotsil, wie vieler indigenen Sprachen in den Amerikas, ist genau so hoch entwickelt wie die deutsche Grammatik - also "ich wuerde geworfen haben" kann man in Tsotsil genau so grammatisch ausdruecken wie in Deutsch. Ich wanderte durch die Waelder und Fluren mit Mateos zwei Hunde - welche "unabhaengig" waren - nie an einer Leine, nie "dressiert". Ich musste immer von der Ferne den einsamen Tsotsil-Schaeferinen zurufen: "Habe keine Angst, ich komme nur um die Landschaft zu sehen" - aber in Tsotsil: "Mu xa ii ik lekil gente um talemun txochtikin li lum li! "(mehr oder weniger). Ihre Antwort: "Ta xi bat!" Das Tsotsil wird mit lateinischen Buchstaben geschrieben und wird in einigen Tsotzil Bezirken in den Schulen gelehrt. Man schreibt auch Tsotsil im Internet - so einige Kommentare nach den youtube Video "Yajavavlel vilinajel" , ein youtube Video erklaert die Tsotsil Schaeferinen "Ventana a mi comunidad Tsotsil mi milpa". Zwischen 1961 und 1987 bin ich immer wieder, nach Jahren, hinauf in das Reich der Tsotsil gereist - in die Berge in welchen die Tannenwaelder die gruenen Kreuze verbergen - mit dem Zeichen von KAK - der Sonne... Auch heute und morgen bleibt das Tsotsil-Reich ein empfehlenswertes Reiseerlebnis!
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
Preis: 15,90 €
Preis: 9,95 €
Werbung:
Werbung: