Von Kerstin Decker
18.06.2010

Krieg gegen die Sehnsuchtsschwachen

Erst in Moskau, nun bei den Wiener Festwochen: Frank Castorfs »Nach Moskau! Nach Moskau!«

Geben wir es ruhig zu, zuletzt haben wir uns vor jeder Castorf-Premiere gefürchtet. Wie der neu aufgetakelte alte Tanker Volksbühne da mit »Ozean« schon im Hafen kenterte. Keine Überlebenden. Das war im Herbst. Und erinnert sich noch jemand an die Volksbühnen-»Agora« vor einem Jahr? Nein, lieber nicht.

Und wir geben auch zu, nur noch eine Rettung für die Volksbühne gesehen zu haben: Wenn sie ihren müden Kapitän endlich auf einer einsamen Insel aussetzen würde. – Alles nicht mehr nötig! Das Wunder ist geschehen, spätestens jetzt in Wien, wenn nicht schon im Mai in Moskau.

Mit Tschechow 2010 ist Frank Castorf wieder eingefallen, wer er mal war. Mehr noch: Er muss sogar wieder Regie geführt haben. Nichts mehr übrig vom Fahrigen, Planlosen seiner letzten – nein, das Wort »Arbeiten« passt nun wirklich nicht – seiner letzten Bühnenbestückungen mit Menschen und Material. Vielleicht hat er wirklich alles Tschechow zu verdanken.

Die Stücke des Mannes, dessen 150. Geburtstag das Theater der Welt 2010 begeht, handeln davon, wie Leute das Übermaß an Zeit totschlagen, das man Leben nennt, und währenddessen davon träumen, zu arbeiten. Castorf hat zuletzt unsere Zeit totgeschlagen. Jetzt arbeitet er wieder. Das gelingt bei Tschechow nur den wenigsten, eigentlich nur den Ärzten.

In »Drei Schwestern« kommt auch ein Arzt vor, aber der hat schon alles vergessen, was er einmal war und wusste, woran man die Ausweglosigkeit der Lage ermessen mag. Mit überwältigender Präzision: Bernhard Schütz als Militärarzt Tschebutkin. Und er ist kein Einzelfall an diesem erstaunlichen, befreienden Volksbühnen-Abend in Wien, in keinem Augenblick hat man den Eindruck, hier Menschen zuzusehen, die auf offener Bühne ihr Talent verludern. Natürlich halten auch in Wien nicht alle vier Stunden Castorf aus und nicht sein frivol-virtuoses Spiel mit dem dilettantischen Element, doch keine Stunde ist zu viel.

Obwohl die »Drei Schwestern« gezeigt werden, heißt der Abend »Nach Moskau! Nach Moskau!« Das hat genau zwei Gründe: Zum einen spielt eine unvollendete Erzählung Tschechows in die »Drei Schwestern« hinein, über sie hinweg, durch sie hindurch. Und das ist kein bloßer Einfall, das ist eine hochgradig durchgeführte, bezwingende Idee. Zum anderen mag die Einsicht »Überall ist es besser, wo wir nicht sind!« zwar überall sonst gelten, aber nicht in Russland. Denn dort weiß man sehr genau, wo es besser ist: in Moskau!

Das weiß sowohl der Lakai Tschikildejew, der als Kind sein Dorf verlassen hatte und viele Jahre später im Moskauer Hotel Slawjanski Basar ein Tablett fallen ließ, weshalb er entlassen wurde und mit Frau und Kind in sein Heimatdorf zurückkehren muss. Und die Generalstöchter Olga, Mascha und Irina wissen es, denen sich alles unerreichbare Lebensglück im Namen dieser Stadt zusammenzufassen scheint.

Schon die Bühne weist auf wiedergefundene Konzentration. Hier ist nichts vermeest und zugerümpelt, Bert Neumann hat ein einfaches Holzpodest mit Stufen gebaut – einen russischen Landsitz eben –, der immer mehr zu Natalja Iwanownas – Kathrin Angerers – Landsitz wird. Bis sie es am Ende mit beiläufiger Endgültigkeit ausspricht: »Mascha, nimm die Hand von meiner Terrasse!«

Dabei ist es Maschas Terrasse. Es ist Maschas, Irinas und Olgas Terrasse. Die Terrasse der drei Schwestern, deren Bruder Andrej (großartig, nicht nur am Ende mit einem Kinderwagen-Extremsportsolo: Trystan Pütter) versehentlich diese Natalja Iwanowna geheiratet hat, um nun – wie alle anderen - dem provinziellen, traumlosen Machtwillen seiner Frau wehrlos ausgeliefert zu sein. Aber es kommt noch schlimmer: Es ist nicht nur Natalja Iwanowna Angerers Terrasse, es ist auch – obwohl so bei Tschechow wohl nicht vorgesehen – ihr Stück, der Abend der Kathrin Angerer.

Tschechow, das ist die Sehnsucht auf dem Theater und der Sieg der traumlosen Provinz über alle Sehnsucht. Castorf, das ist die Sehnsucht, auf ihre äußerste Nuance der Herbheit gebracht und der totale Angerer-Krieg gegen die Sehnsuchtsschwachen.

Was soll man sagen über diese Schauspielerin? Wer sie etwa Else Lasker-Schülers Gedichte sprechen hört und nicht spätestens beim dritten tot umfällt, hat keine Seele. Aber Frauen ohne Seele spielt sie großartig.

Und Diktatoren! »Wenn ein großes Volk nicht mehr glaubt, dass es allein die Wahrheit in sich trägt (ganz allein und ganz ausschließlich), wenn es nicht mehr glaubt, dass es allein berufen und fähig ist, alle anderen mit seiner Wahrheit zu erwecken, … dann verwandelt es sich augenblicklich in ethnographisches Material und ist nicht länger ein Volk.« Das geht noch viel weiter, am Ende meint man ganz sicher Angerer-Hitler vor sich zu haben, und doch bleibt sie ganz Provinzei. Wunderbar.

Der leicht irritierende Text aber gehört weder zu Tschechow noch zu Hitler – er ist von Dostojewski und könnte doch hier, ausgesetzt in diesem Stück, nicht richtiger sein. Immer wieder wird Castorf solche Fremdtextufos landen lassen und jedesmal überaus zielgenau, so dass sich für Augenblicke der geschichtliche Raum zwischen gestern und übermorgen öffnet.

Weiße Korbmöbel hat hier bestimmt niemand erwartet. Dafür gibt es weiße Birken, ja einen vollzähligen russischen Birkenwald als Bühnenhintergrund, ganz so wie ein miserabler vorrevolutionärer Maler mit mindestens fünf russischen Seelen im Leib ihn malen würde. Und davor steht – gleich neben Kathrin Angerers Terrasse – das Gerüst eines Holzhauses und darin ein ewig qualmender Ofen.

Es ist der Ofen, den der entlassene Lakai Tschikildejew bei seiner Rückkehr ins Dorf seiner Kindheit zuerst wahrnimmt, darauf sitzen ein apathisches kleines Mädchen und eine taubgeprügelte Katze. Menschen, die noch nie anderes waren als »ethnographisches Material« – Tschechow hat seine Bildungsrussen mit dieser Bauernerzählung arg erschreckt. Vielleicht hat Castorf die real existierenden Russen bei der Moskauer Premiere ebenso erschreckt mit der plötzlich wie aus dem ewig rußenden Hütten-Schornstein ausgespuckten Sequenz: »Dass Marx und Engels das Lumpenproletariat aus der revolutionären Bewegung ausgegrenzt haben, war die Grundlage der stalinistischen Perversion.« Heiner Müller.

Die Sehnsucht nach Moskau, einmal von unten, einmal von oben. Die Arbeit, einmal als Traum, einmal als Trauma.

Verglichen mit anderen Aufführungen der »Drei Schwestern« – etwa der schönen Neustrelitzer Inszenierung von Annett Wöhlert – gewinnen die Personen hier wenig eigene Kontur, eigenes Schicksal; kaum durchschaut man, wer wen liebt. Es gibt an Castorfs Theater nun mal nur einen Typus Frau, die High-heels-Megäre mit der ebenso sinnlichen wie konsequent am jeweiligen Wortsinn vorbeikreischenden Stimme. Das ist natürlich Hochpräzisionsarbeit, denn der Sinn will schon mit Millimetergenauigkeit verfehlt werden. Olga, Mascha und Irina. Silvia Rieger, Jeanette Spassova und Maria Kwiatkowsky. Bei ersterer, dem schon wieder originellen Inbegriff einer absurd schlechten Schauspielerin, betragen die Abstände gewöhnlich Kilometer, bei letzterer ist die Feinmechanikerin der Worte schon abzusehen.

Auch die Männer sind – obwohl fast durchweg hervorragend – vom gleichen Typus, wodurch die Sache, positiv betrachtet, eine abstraktere, geistigere Ebene gewinnt. Am besten, man schaut sich erst in Neustrelitz Wöhlerts »Drei Schwestern« an und dann – ab September in Berlin – diesen Castorf, der mit Tschechow sich selbst wiederbegegnet ist.

Die Arbeit. Einmal als Traum, einmal als Trauma.

Ein Text weder von Tschechow, noch von Hitler, sondern einer von Dostojewski.

Castorf hat zuletzt unsere Zeit totgeschlagen, jetzt arbeitet er wieder.

Der Birkenwald, wie ihn ein miserabler vorrevolutionärer Maler mit mindestens fünf russischen Seelen im Leib gemalt hätte.