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Von Katja Kipping 21.06.2010 / Inland

Nicht auf der Höhe der Zeit

Dem Programmentwurf der LINKEN fehlt der Respekt vor der Vielfalt der linken Bewegung

Die Partei DIE LINKE hat mit der Debatte um ihr Grundsatzprogramm begonnen, das sie im Herbst 2011 beschließen will. Neues Deutschland begleitet die Debatte mit einer Artikelserie. Mitarbeiter und Autoren der Rosa-Luxemburg-Stiftung haben zum Auftakt einige »Offene Fragen« vorgestellt, nun geht es mit eingeladenen Autorinnen und Autoren wie mit freien Wortmeldungen quer durch die Themen. Heute: Katja Kipping (32), stellvertretende Vorsitzende der Partei DIE LINKE und Redakteurin des prager frühling (www.prager-fruehling-magazin.de), kritisiert die Fokussierung auf die Erwerbsarbeit, den Gewerkschaftsavantgardismus und eine mangelnde diskursive Offenheit des vorliegenden Programmentwurfs.

Ein linkes Programm sollte auf der Höhe der Zeit sein. Es sollte Erkenntnisse linker Bewegungen aufnehmen und sie zu einem Cocktail zusammenführen, der die Verhältnisse zum Tanzen bringt. Programme haben einen Zeitkern: Wollen sie Orientierung im Kampf um gesellschaftliche Veränderung anbieten, dann müssen sie gesellschaftliche Realitäten zur Kenntnis nehmen. Darum ging es nicht zuletzt bei Karl Marx: Wissenschaftlicher Sozialismus ist bei ihm die Chiffre für eine solche Gegenwarts- und Fortschrittsorientierung. Das Problem des Programmentwurfs ist, dass er strikt an jenen Widerspruchskonstellationen vorbeiirrt, die Ansatzpunkte für einen durchaus radikalen, demokratisch-sozialistischen Systemwechsel bieten würden.

Der Programmentwurf ist nicht auf der Höhe der Zeit und er ist nicht zu, sondern viel zu wenig radikal. Inhaltlich bleibt er einer Wirtschafts- und Sozialpolitik verhaftet, die den Anforderungen an eine feministische Kapitalismuskritik keine Rechnung trägt. Zudem verharrt das Dokument bei einer positiven Bezugnahme auf die real existierende DGB-Politik statt Konturen einer alternativen, sozialistischen Gewerkschaftspolitik aufzuzeigen. Gesellschaftspolitisch zeichnet sich der Programmentwurf dadurch aus, dass er zentrale Diskussionen um eine neue soziale Idee, wie sie beispielsweise in der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen zum Ausdruck kommen, ignoriert.

Arbeitsbegriff aus dem 17. Jahrhundert

Gegen manche Kritik muss man den Programmentwurf verteidigen, z. B. gegen den Vorwurf, mit diesem Programm wolle DIE LINKE zurück in die 1970er Jahre. Das ist eine Fehleinschätzung. Zumindest wenn es um den Arbeitsbegriff geht, der den Geist des Entwurfs prägt. Hier sind nicht die 1970er Jahre, sondern der Diskussionsstand des 17. Jahrhunderts maßgeblich. Der Vertragstheoretiker John Locke hatte schon im 17. Jahrhundert die ideologische Begleitmusik zum Aufstieg des Bürgertums bereitgestellt. Für ihn waren, wie Hannah Arendt in ihrer Locke-Rekonstruktion beschreibt, einzig die direkt »aneignenden Tätigkeiten« der Privatbürger auf dem kapitalistischen Markt die Quelle gesellschaftlichen Reichtums. John Locke ging es bei der Verherrlichung von Arbeit vor allem um eines: um die Rechtfertigung des Privateigentums im Sinne der im 17. Jahrhundert aufstrebenden Bourgeoisie.

Der Programmentwurf scheint sich dieser Sichtweise anzuschließen: »Einkommen und Vermögen werden durch Arbeit erzeugt und sollen daher entsprechend dem Beitrag zum gesellschaftlichen Arbeitsprozess sowie nach Bedürftigkeit verteilt werden (...) Die Grundlage für die Entwicklung der Produktivkräfte ist heute und auf absehbare Zeit die Erwerbsarbeit.«

Problematisch an dieser Aussage ist nicht die Forderung nach Umverteilung von Einkommen und Vermögen. Problematisch ist, dass allein Erwerbsarbeit als Quelle von gesellschaftlichem Reichtum angesehen wird. Statt mit Marx und dem zeitgenössischen Feminismus deutlich hervorzuheben, dass die kapitalistische Gesellschaft auf einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung beruht, die sowohl die Erwerbsarbeit als auch die Reproduktionsarbeit in Familie, Kindererziehung, Pflege, ehrenamtlichem Engagement in der Zivilgesellschaft usw. erfasst. Der kapitalistische Markt kann nur funktionieren, wenn Kinder gewickelt, Großväter gepflegt, Kartoffeln geschält und Räume geputzt werden.

Diese Einsichten einer kritischen Gesellschaftsanalyse sind auch empirisch nachvollzogen worden. Dank der Erhebungen des Statistischen Bundesamtes wissen wir: Pro Jahr werden rund 96 Milliarden Stunden unbezahlter Arbeit erbracht. Das ist fast doppelt so viel Zeit, wie die bezahlte Arbeit ausmacht – namentlich 56 Milliarden Stunden. Allein vom Umfang her sind demnach unbezahlte Tätigkeiten die tragenden Säulen unserer Gesellschaft und nicht Erwerbsarbeit. Frauen leisten übrigens im Durchschnitt wöchentlich 31 Stunden unbezahlte Arbeit, Männer lediglich 19,5 Stunden. Empirisch ist ergo die Aussage, Erwerbsarbeit habe eine herausgehobene Bedeutung, nicht haltbar.

Halten wir fest: Der Programmentwurf nimmt das Marxsche Projekt einer Kritik der gesellschaftlichen Arbeitsteilung nicht auf und fällt insbesondere hinter Erkenntnisse des modernen Feminismus zurück. Nicht gerade rühmlich für eine demokratisch-sozialistische Partei im 21. Jahrhundert!

Für eine Mosaik-Linke

Die strategische Orientierung des Programmentwurfs fällt hinter die Diskussionen der gesellschaftlichen Linken über die Bedingungen für gemeinsames politisches Handeln zurück. Die DGB-Gewerkschaften werden kritiklos zum privilegierten Bündnispartner einer linken Politik erhoben: »Besonders wichtig sind dabei starke, aktive, kämpferische und politisch eigenständig handelnde Gewerkschaften. Sie unterscheiden sich von allen anderen sozialen Kräften und Bewegungen dadurch, dass sie nicht nur in der Zivilgesellschaft agieren, sondern ihre Verankerung in der Arbeitswelt haben. Dies verleiht den gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten eine gesellschaftliche Machtposition, die andere soziale Gruppen nicht haben und die von zentraler Bedeutung für die Durchsetzung sozialer und sozialistischer Umgestaltungen ist.«

Nun wäre nichts einzuwenden gegen eine Analyse der Stärken und Schwächen unterschiedlicher Akteure bzw. Subjekte. Marx und Engels haben im Kommunistischen Manifest und in Schriften wie »Die Klassenkämpfe in Frankreich« immer wieder diskutiert, in welchem Verhältnis die Organisationen der Subalternen zum Emanzipationsprojekt stehen. Vor allem haben sie dabei aber immer auf die Ambivalenzen der unterschiedlichen Gruppen hingewiesen, auf ihre Potentiale und auf ihre Grenzen. Doch wenn es um eine solche Analyse gegangen wäre, dann müsste der Programmentwurf auch die Stärken anderer Akteure gleichberechtigt würdigen.

So hätte sich der Entwurf mit den besonderen Potentialen der netzwerkartig organisierten Bewegungen auseinandersetzen können, wie z. B. der globalisierungskritischen Bewegung, der es gelungen ist, den vermeintlichen Sachzwang Globalisierung, der für die neoliberale Hegemonie zentral ist, zu hinterfragen. Auf den Camps der Gipfelproteste 2007 konnte man zudem erleben, dass diese Bewegung auch zu einem Laboratorium von alternativen Formen des gemeinsamen Lebens wurde. Oder man hätte auf die Antifa-Gruppen hinweisen können, denen es gelungen ist, die Methode der friedlichen Blockade als Form des zivilen Widerstandes gegen Nazi-Aufmärsche zu etablieren. Eine Form des Widerstandes, die – auch wenn sie nicht im Erwerbsarbeitsbereich verankert ist – zentral ist in hegemonialen Auseinandersetzungen.

Aber leider gibt es nur einen außerparlamentarischen Akteur, dessen Stärke im Programmentwurf eine besondere Würdigung erfährt: die Gewerkschaften. Versuche, einzelnen Akteuren eine Avantgardestellungen zuzuschreiben, sind in der linken Geschichte nichts Neues. Allerdings gehörten diese Ansätze eher zum unrühmlichen Teil linker Geschichte und sollten nicht durch die Hintertür wieder salonfähig werden.

Mit einem Gewerkschaftsavantgardismus im Programm würde DIE LINKE weit hinter die Praxis zurückfallen, die sich in den letzten Jahrzehnten in der internationalen globalisierungskritischen Bewegung etabliert hat. Michael Hardt und Antonio Negri beschreiben das neue historische Subjekt als »Multitude« (etwa: Vielheit), der Vize-Vorsitzende der IG Metall, Hans-Jürgen Urban, hat jüngst die »Mosaik-Linke« zum Leitbild geadelt.

Die Multitude hat – wie Sonja Buckel im aktuellen »prager frühling« treffend schreibt – »kein Steuerungszentrum, sondern greift von vielen Punkten aus an.« Mit genau dieser Methode der gleichen Augenhöhe, des gegenseitigen Respekts, wie sie in den Vorstellungen der Mosaik-Linken sowie der Multitude zum Ausdruck kommt, war die globalisierungskritische Bewegung in den letzten Jahren erfolgreich darin, der neoliberalen Hegemonie starke Risse zuzufügen. Der Programmentwurf fällt in beschämender Weise dahinter zurück und arbeitet somit nicht auf der Höhe der Zeit.

Sozialistische Gewerkschaftspolitik?

Nun gehört in einen Programmentwurf, der sich mit einem Sozialismus des 21. Jahrhunderts auseinandersetzt, tatsächlich ein Kapitel zur Frage, wie eine neue ArbeiterInnenbewegung aussehen könnte. Was würde eine sozialistische Gewerkschaftspolitik im 21. Jahrhundert bedeuten? Doch dazu gehört eine kritische Auseinandersetzung mit der Entwicklung der DGB-Gewerkschaften. Zwar haben sich Ablösungstendenzen von der SPD gezeigt, doch dies ist kein Garant für eine progressive Ausrichtung. Man darf nicht dazu schweigen, dass sich auch in den DGB-Gewerkschaften Ständedünkel und Standortchauvinismus breitmachen.

Eine sozialistische Gewerkschaftspolitik müsste zeigen, wie sie damit umgeht, und den Mut aufbringen, zu einem erneuerten Solidaritätsbegriff zwischen all jenen zu kommen, die nur ihre Arbeitskraft als Ware haben, also zwischen Beschäftigten, Prekären, Erwerbslosen und Soloselbstständigen. Solche Erörterungen fehlen im Programmentwurf. Stattdessen wird – vollkommen unkritisch gegenüber der real existierenden Gewerkschaftspolitik – das hohe Lied der besonderen Bedeutung der Gewerkschaften gesungen.

Dabei gibt es seit Jahrzehnten wirklich kluge Beiträge zur Debatte über die strategische Ausrichtung der Gewerkschaften. Einer, der sich diesbezüglich immer wieder konstruktiv-kritisch zu Wort gemeldet hat, ist Oskar Negt, der noch bei Theodor W. Adorno studierte und Assistent bei Jürgen Habermas war. Erst kürzlich forderte er in einem in www.workzeitung.ch publizierten Interview anlässlich des 1. Mai die Gewerkschaften auf, sich grundlegend zu ändern: »Im veränderten Kapitalismus genügen bloße Verteidigungskämpfe nicht mehr. Ich plädiere dafür, dass die Gewerkschaften wieder eine starke Gesellschaftsutopie entwickeln.« Negt plädiert für die Erweiterung des gewerkschaftlichen Mandats: »Erstens müssen sie ihren Begriff von Arbeit erweitern. Lohnarbeit ist nur eine Form der Arbeit.« Negts Plädoyer für »gewerkschaftlichen Offensivgeist« mündet in der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen: »Wir sollten auf ein Grundeinkommen für alle drängen. Das Geld ist da. Es wird nur falsch verteilt. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist die einzige vertretbare Form, das Problem in einer Demokratie zu lösen. Bedingungen darf es nicht geben. Sonst beginnt der Überwachungsstaat.«

Fehlende Offenheit

Von diesen Anregungen findet sich im vorliegenden Programmentwurf wenig bis nichts: Nichts zur Erweiterung des gewerkschaftlichen Mandats. Nichts zum Grundeinkommen. Nun wird bekanntermaßen über die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens landauf, landab, sogar weltweit diskutiert. Es gibt vehemente Gegner und begeisterte Befürworter/

-innen wie mich, die im Grundeinkommen ein zentrales Transformationsprojekt sehen. Diese lebhaften Diskussionen sind Ausdruck einer veränderten Arbeits- und Lebenswelt. Dies gilt es anzuerkennen, statt zu ignorieren. Eine linke Partei sollte sich nicht per Programmbeschluss von zentralen gesellschaftspolitischen Diskussionen isolieren.

Die programmatischen Eckpunkte trugen dem Rechnung mit der Aussage, dass man mit gesellschaftlichen Akteuren in Diskussion bleibe über die Idee des Grundeinkommens. Das war zwar kein Bekenntnis zum Grundeinkommen, aber immerhin Ausdruck einer diskursiven Offenheit. Doch an solch Offenheit mangelt es der Mehrheit der Programmkommission ganz offensichtlich, denn noch nicht einmal die Debatte zum Grundeinkommen wird im Programmentwurf erwähnt. Sollte DIE LINKE sich tatsächlich – nur drei Jahre nach ihrer Gründung – so gründlich der Tugend der diskursiven Offenheit entledigt haben?


Dossier im Internet

Die Artikel der Serie »Offene Fragen der Linken« sind auch auf unserer Website www.neues-deutschland.de nachlesbar. Bislang erschienen:

Erhard Crome: Schwierigkeiten mit dem Programm
Michael Brie: Offene Fragen der Linken
Mario Candeias: Systemhopping oder Reformismus
Dieter Klein: Die Linke und das Eigentum
Christiane Kaindl: Linke Klassenpolitik?
Cornelia Hildebrandt und Meinhard Meuche-Mäker: Linke Regierungen?
Herbert Wulf und Johannes Becker: Krieg ist kein Mittel der Politik
Heinz Vietze: Diskussion statt Dogmen
Herbert Schwenk: Eine merkwürdige Ignoranz
Hubert Fetzer: Die ökologische Revolution und die Linken
Georg Fülberth: Die Reproduktionsfrage
Elmar Altvater: Kann die Linke Wachstum wollen?

Nächster Montag: Walter Baier, Die »Transformation«

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • Offene Fragen der Linken

    Der erste Entwurf eines Grundsatzprogramms der Partei DIE LINKE liegt seit vergangener Woche vor. Die nun begonnene Diskussion wird im November mit einem Programmkonvent ihren ersten Höhepunkt haben, eine Beschlussfassung des LINKEN-Programms ist für Herbst 2011 geplant.

    Neues Deutschland begleitet diese Debatte – in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung – mit einer eigenen Artikelserie. Sie erscheint jeweils in der Montagausgabe des ND.

    Nun ist angerichtet für eine streitfreudige Diskussion quer durch die Themen – auch zu Lücken, die die bisherigen Texte hinterlassen: in den kommenden Ausgaben des ND, jeweils montags, mit weiteren eingeladenen Autorinnen und Autoren und mit freien Wortmeldungen. Mehr

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4 Kommentare zu diesem Artikel

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  • polytrichum, 22. Jun 2010 09:01

    Guter Beitrag

    Ich möchte Katja meinen Ausdrücklichen Dank für diesen Artikel aussprechen.
    Gerade die Positionen zur Erwerbsarbeit sowie auch zum Wachstum, von welchen mensch sich dann wiederum mehr Erwerbsarbeit verspricht, haben mich sehr schnell von einer eigenen Mitarbeit bei der Partei „Die Linke“ abgebracht.
    Ich finde es aber äußerst wichtig, dass hier endlich auch mal von dem gesellschaftlichen Nutzen von Nicht-Lohnarbeit gesprochen wird. Dabei hat für mich der Begriff „Ehrenamt“ einen negativen Beigeschmack, wird diesen Ehrenamt doch oft Missbraucht um bestehende Beschäftigungsverhältnisse ein zu sparen.
    Allerdings ist mir durchaus klar was Katja hiermit meint.
    Der Begriff sollte aber viel weiter gefasst werden und nicht nur auf die direkt erkennbaren gesellschaftlichen ehrenamtlichen Arbeiten beschränkt bleiben. Vielmehr sollte, wenn mensch sich die gesellschaftliche Geschichte ansieht, jedem klar sein, dass sich gesellschaftlicher Fortschritt nicht durch lohnabhängige Beschäftigung eingestellt hat, sondern ausschließlich durch das Engagement, Mut und Visionen von Menschen, die zu Lebzeiten von ihren Zeitgenossen oft belächelt wurden. Allerdings legten diese „Sonderlinge“ dann den Keim für ein später nicht mehr aufzuhaltenden gesellschaftlichen Wandel.
    Von diesem Mut und den Visionen sind die heutigen Gewerkschaften meilenweit entfernt, während einige Strömungen der Globalisierungskritiker sehr gute Ansätze aufweisen.
    Das was diese Menschen leisteten lässt sich nicht mit dem Begriff „Produktiv“ sondern viel eher mit dem Begriff „Nachhaltig“ beschreiben.
    Katja nennt hier in einen anderen Zusammenhang noch weitere gesellschaftliche Gruppe, wie z.B. die Antifa oder die globalisierungskritischen Gruppen und stellt sie den Gewerkschaften gegenüber. Aber warum trennt sie dieses Teil ihres Beitrags so scharf von dem Thema „Lohnarbeit“ ab, denn genau hier findet sich doch gerade dies „ehrenamtliche“ nicht „entlohnte“ Arbeit.

    • Permalink

    • polytrichum, 22. Jun 2010 09:03

      Re: Guter Beitrag

      --Fortsetzung von oben ---

      Jeder der sich in außerparlamentarischen Gruppen engagiert hat, weiß wie viel Zeit und eigener finanzieller Aufwand dabei drauf geht und dass dieses Engagement nicht selten sogar noch bestraft wird, sei es am „Arbeitsplatz“ oder durch unsere Ordnungshüter.
      Bei vielen Menschen die sich hier organisieren stellt die eigentlich Lohnarbeit lediglich ein notwendiges Übel da, welches benötigt wird, um sich gesellschaftliche weiter in den Gruppen zu engagieren. Dabei ist Vielen bewusst, dass sie durch diese Lohnarbeit, nicht selten sogar negative, rückwärtsgewandte gesellschaftliche Arbeit leisten müssen, gegen die sie sich nicht selten in ihren ehrenamtlichen Gruppenarbeit wenden. Was für ein Paradox!


      Ich bin kein bedingungsloser Befürworter eines BGE, obwohl es natürlich viel mehr Freiraum für Mitglieder der oben beschriebenen Gruppierungen bedeutet. Ein Umstand, der wohl auch an meiner Weigerung liegt, mich mit dem theoretischen Modellen und der wirtschaftlichen Machbarkeit /Finanzierung eines BGE auseinander zu setzen, ehe überhaupt ein Konsens über den Grundgedanken seiner Realisierung vorhanden ist. Ich finde es aber sehr schön, dass Katja das hier trotzdem nochmal angesprochen hat.

      Alles im Allem großes Lob und viel Respekt für Katja von einem langjährigen und trotzdem immer kritischen ND-Leser.

      • Permalink

  • sigi2010, 21. Jun 2010 18:53

    Die Zustimmung zum bedingungslosen Grundeinkommen ist überlebenswichtig!

    Leider hat Katja nur allzu recht, wenn sie den "Gewerkschaftsavantgardismus" als einen grundlegenden Fehler in der sicherlich notwendigen Diskussion um das Grundsatzprogramm der Linken erkennt. Für mich gibt es "Unwissende", die die Diskussion zum Grundeinkommen verweigern und "Wissende", die die Bedeutung dieses Themas schon für unsere nächste Zukunft erkennen. Die Zukunft der ganzen Partei und nicht nur der Wert des Grundsatzprogrammes entscheidet sich mit der Beantwortung dieser Frage.
    Sollte sich die Fraktion derjenigen durchsetzen, die die Möglichkeiten der Verhinderung von Arbeitslosigkeit auf die Reduzierung der individuellen Arbeitszeit beschränken, bewegt sich die Partei schon auf dem Abstellgleis und dann: Gute Nacht!

    • Permalink

  • redende, 21. Jun 2010 18:35

    BGE als Wahlwerbung

    Wir leben m. E. in einer Welt, in der Kapitaleigner und ihre politischen Interessenvertreter und journalistischen Sprachrohre alles in ihrer Macht stehende versuchen, um möglichst alle Lebensbereiche jedes einzelnen Menschen kapitalverwertbar zu verwirtschaftlichen. Wir in der Mitte Europas oder in den USA kaufen inzwischen viele Waren oder nehmen zumeist digitale Dienstleistungen in Anspruch, wofür auf der fernöstlichen und südlichen Erdkugel Menschen für 50 Dollarcent und weniger oftmals 12 Stunden und mehr schuften müssen. Das Kippingsche BGE-Modell blendet diese kapitalverwertungsbedingten sozialen und wirtschaftlichen Ungleichgewichte aus und überschätzt die Möglichkeiten des immer noch vorrangig auf Nutzung erschöpflicher Energieträger fußenden technischen Fortschritts und der darauf aufbauenden Produktivitätsentwicklung. Es fasst ungeachtet dessen die Wünsche und Träume von Millionen prekär lebender Menschen unterschiedlicher sozialer Schichtung und unzähliger von sozialer Ausgrenzung Betroffener in Worte und versucht auf diese Weise Wählerpotenziale zu vergrößern. Die Vertreter dieses BGE-Konszepts verballhornen m. E. mit marxistischer Wortwahl Kerngedanken der Marxschen Theorie, insbesondere der des Wertes. Leider hat sich bisher keiner von den Vertretern dieses Konzepts ernsthaft mit meinen Diskussionsangeboten zu dieser Frage auseinandergesetzt, was mich in meiner Vermutung über den Zweck der Übung bestärkt. Auf den Seite: www.geschichtsseiten.de/htm/grundein.htm und www.geschichtsseiten.de/htm/arbeitbi.htm meiner Webseite setze ich mich mit dem Kippingschen BGE-Konzept auseinander. Würde mich freuen, wenn dieser Beitrag die Diskussion inhaltlich befeuern könnte.
    Rudolf Reddig

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