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Von Karin Leukefeld, Damaskus
29.06.2010

Die Flüchtlinge aus Irak sind anders

Sieben Jahre nach dem Einfall der USA noch immer Hunderttausende in syrischen Lagern

Sieben Jahre nach dem Ende der Ära Saddam Hussein leben noch immer hunderttausende irakische Flüchtlinge in Syrien, ohne zu wissen, wie es für sie weitergehen soll. Nach einer Untersuchung des UN-Flüchtlingshilfswerks ist jeder Fünfte traumatisiert von Gewalt oder Folter, besonders betroffen sind die Kinder.
Auch Hedil Abdulbari mit ihrem dreijährigen Sohn wartet auf
Auch Hedil Abdulbari mit ihrem dreijährigen Sohn wartet auf die Registrierung beim UNHCR. Unten: Das Warnschild – Geldübergabe verboten.

Douma ist ein Vorort von Damaskus und liegt gut zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Irakische Flüchtlinge wissen, wie sie nach Douma kommen, nach dem irakisch-syrischen Grenzübergang ist hier ihre erste Station, um sich bei den UN als Flüchtling registrieren zu lassen. Von außen sieht das Registrierungszentrum des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) wie eine Lagerhalle aus, innen geht es geordnet zu wie in einer Behörde.

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Aufgeteilt nach Frauen und Männern warten die Antragsteller auf langen Bänken um ein halbes Dutzend Schalter, zu denen sie einer nach dem anderen aufgerufen werden. Manche registrieren sich zum ersten Mal, andere warten auf eine Anhörung, in der weitere Details aufgenommen werden. Wieder andere wollen einen Antrag auf Aussiedlung in ein neues Land stellen. Die Anhörungen finden in Kabinen statt, die in einer weiteren Halle rechts und links eines Ganges aufgereiht sind. Ein Schreibtisch mit Stuhl und Computer steht an einer Wand, an der anderen sind Stühle gestapelt, um einer Familie mit sieben oder acht Kindern Sitzplätze zu geben. Ein großes Verbotsschild warnt »Geldübergabe verboten«, die Dienste des UNHCR sind kostenlos.

Abseits der Wartehalle gibt es einen weiteren Raum, der sich vor allem durch leuchtende Farben und gemütliche Sitzecken von der sonst kargen Einrichtung des Zentrums unterscheidet. Kinder sitzen um eine Gruppe Clowns, die mit roten Nasen, fantasievoller Kleidung und lustigen Sprüchen die Kleinen schnell zum Lachen bringen. »Wir wollen die Kinder glücklich machen, damit sie ihre Ängste und die Erinnerung an Bomben und Gewalt überwinden«, sagt Clown Rahman in einer Pause. Manche aus der Clown-Truppe sind selber Flüchtlinge aus Irak.

»Kinderfreundlicher Raum« lautet die interne Bezeichnung beim UN-Kinderhilfswerk UNICEF, der freundliche Treffpunkt ist Teil eines psychosozialen Netzwerks, mit dem UNICEF gemeinsam mit dem Syrischen Roten Halbmond die irakischen Flüchtlingskinder betreut. Hier wird gespielt, getanzt, gemalt und gesungen, hier werden Kontakte geknüpft, die für den weiteren Weg der Kinder und ihrer Familien von großer Bedeutung sind, sagt die griechische Psychologin Theodora Tsovili. Sie hat in den vergangenen drei Jahren dieses Programm für Jugendliche, Kinder und Mütter entwickelt.

Anfangs stand die Basisversorgung für die Flüchtlinge im Vordergrund, erzählt sie. Unterkunft und Nahrung mussten beschafft, die Gesundheitsversorgung gewährleistet werden. Doch je länger die Menschen blieben, desto deutlicher traten die psychosozialen Probleme in den Vordergrund. Kinder arbeiteten, anstatt zur Schule zu gehen, Gewalt in Familien nahm zu, die fehlende Perspektive verstärkte die traumatischen Erfahrungen, die Hoffnungslosigkeit stieg.

In den »Kinderfreundlichen Räumen« werden jedes Kind und seine Eltern, meist die Mutter, gebeten, Fragen zu beantworten, mit denen der persönliche Hintergrund von Flucht und Trauma erfasst werden kann. Kinder mit besonders schweren Erfahrungen und psychologischen Auffälligkeiten werden so identifiziert und für eine weitere Betreuung vorgeschlagen.

Seit Juli 2007 wurden mit den speziell entwickelten Fragebögen 35 000 Kinder erfasst, 2500 wiesen extreme pathologische Probleme auf, sagt Tsovili: »Das sind Kinder mit schwersten Angststörungen und Albträumen. Kinder, die nicht richtig essen oder schlafen können, die nicht sprechen. Viele irakische Kinder stottern oder sprechen gar nicht, weil sie extreme Gewalt erfahren haben. Familienangehörige wurden entführt, vergewaltigt, gefoltert, getötet. Wir haben viele Fälle, wo die Mütter vor den Augen ihrer Kinder vergewaltigt wurden, wo die Väter vor den Augen ihrer Kinder ermordet wurden. Die Kinder haben Bombenangriffe erlebt, Schießereien …«

Hinzu kommt die Traumatisierung der Familie, die oft nur noch von der Mutter, Tanten oder Großeltern versorgt wird, weil der Vater oder beide Eltern getötet wurden. Die »schweren Fälle« werden in Polikliniken überwiesen und dort von ausgebildeten Therapeuten betreut. Neben den »Kinderfreundlichen Räumen«, die täglich von 8.00 bis 20.00 Uhr für Kinder im Alter von vier bis 13 Jahren geöffnet sind, wurden Unterstützungsgruppen für Mütter und Jugendliche eingerichtet. »Die Jugendlichen sind zwischen 14 und 20 Jahre alt«, erläutert die Psychologin. »Für sie ist es besonders wichtig, die eigenen Stärken zu erkennen und zu fördern, damit sie ihre Identität ausbilden können.«

Tsovili hat die Erfahrung gemacht, dass es die Menschen erleichtert, über ihre Probleme offen sprechen zu können. Sie wüssten genau, »dass sie eine Menge in sich selber und innerhalb ihrer Familie zu klären haben.« Sobald sie Vertrauen gefasst hätten, öffneten sie sich, »und man erfährt ihre ganzen Schmerzen«. Dann versuche man, die »inneren Ressourcen« der Menschen zu mobilisieren, damit sie wieder Hoffnung schöpfen könnten.

»Die Iraker sind nicht wie andere Flüchtlinge, sie sind hoch gebildet, und ihnen liegt das Wohl ihrer Kinder sehr am Herzen. Sie leiden unglaublich darunter, ihren Kindern keine Sicherheit bieten zu können.«

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