Im Land Weit, weit weg ist Kindergeburtstag, und das ist ein Fest für den ganzen Sumpf. Und für das Dorf. Und für Shreks Frau, für seine entzückenden, trompetenohrigen Drillinge und für seine vielen besten Freunde. Nur Shrek ist nicht ganz bei der Sache. Denn der fällt angesichts von Feierlaune und Geburtstagstorte nun vollends in das dunkle, dunkle Loch der Midlife Crisis, die ihn schon etwas länger beim Genick hatte. Nur noch Familienvater, fürsorglich und nett, das einst so gefürchtete Oger-Brüllen nicht mehr als eine gern nachgefragte Geburtstagsattraktion für fette kleine Menschenkinder – kann das wirklich alles sein, was ein Oger-Leben von nun an bis in alle schwer domestizierte Ewigkeit zu bieten hat?
Pech für Shrek – und der Motor für die Handlung des Films –, dass es noch einen gibt, der auch viel dafür geben würde, wenn Shrek seine Frau nie aus ihrem Dornröschen-Turm gerettet und seine drei entzückenden, trompetenohrigen Oger-Kinder nie gezeugt hätte. Als Bösewicht muss nach dem (netten) Drachen, seiner schurkischen Lordschaft Farkar und dem personifizierten Märchenprinzen diesmal das Rumpelstilzchen herhalten, und das ist so fies, klein, bös’ und intrigant wie von jeher im Märchen. Nur dass jeder seinen Namen längst zur Genüge kennt, den Gebrüdern Grimm sei Dank, weshalb das Wohl und Wehe seiner Opfer jetzt nicht mehr davon abhängt, ob sie seine Identität erraten, sondern vom Kleingedruckten der nur scheinbar höchst vorteilhaften Verträge, die sie mit diesem Rumpelstilzchen schließen.
Auch Shrek lässt sich ködern und gibt für einen Tag, einen einzigen nostalgischen Tag seiner alten Oger-Identität, unwissentlich sein ganzes Leben dran. In dem Paralleluniversum, in dem er vierundzwanzig Stunden lang wieder so richtig ogerwild sein darf, hat er seine Frau nie gerettet, seine Kinder nie gezeugt. Da sind Oger Freiwild, Rumpelstilzchen ist König und der gestiefelte Kater kein flotter Degenheld mit gelegentlicher Kätzchen-Taktik mehr, sondern ein übergewichtiger Stubenkater von Garfield’schen Ausmaßen. Der immer noch ziemlich kommunikationsfreudige Esel zieht im Auftrag von Rumpelstilzchens Hexenarmee vergitterte Gefangenenkarren, und von seiner Drachenbraut, seinen Dreselkindern oder von Shrek weiß er natürlich auch nichts mehr.
Als vergnüglichste einer ganzen Reihe vergnüglicher Überraschungen erweist sich Fiona, im anderen, »wirklichen« Leben Shreks Gattin, aber in diesem Paralleluniversum immer noch halb Oger, halb Prinzessin, und höchst amazonenhafte Anführerin einer widerständischen Oger-Bande, die nicht nur von weit, weit weg ziemlich deutlich an Robin Hood und seine Männer in Grün erinnert. Dieser autonomen Kriegerin den Kuss der wahren Liebe abzuringen, der einzig Shrek und das ganze Land vor dem bösen »Rumpel« retten kann, wird da zur echten Herausforderung für den grünen Helden. Dass im modischen 3D gekämpft, getrickst und geküsst wird, bietet dabei keinerlei Mehrwert.
Angeblich ist dies der letzte Teil der »Shrek«-Reihe. Auf picklige, pubertierende Oger-Teenager in der nächsten Generation hatten offenbar selbst die Erfinder dieser schlammbadenden, sumpfbewohnenden, waschfaulen Oger-Familie keine rechte Lust. Wobei das mit dem mangelnden Spaß an frischem Wasser bei genauer Überlegung mit zunehmender Häuslichkeit des Helden ohnehin merklich abgenommen hatte. In diesem vierten und möglicherweise letzten Teil wickelt Shrek sogar Windeln – und macht dabei gar nicht mehr den Eindruck, als ob er die olfaktorischen Begleiterscheinungen mehr schätzte als jeder menschliche Vater.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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