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Bislang veröffentlichte Dietmar Dath – hoffentlich haben wir uns nicht verzählt – 16 Romane und Erzählbände sowie acht Sachbücher, darunter »Schöner rechnen. Die Zukunft der Computer« (2002), »Höhenrausch. Die Mathematik des XX. Jahrhunderts in zwanzig Gehirnen« (2003), »Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift« (2008) und die »BasisBiographie Rosa Luxemburg« (2010). Mit seinem Roman »Die Abschaffung der Arten« (2008) war Dath für den Deutschen Buchpreis nominiert. An Belletristischem erschienen seitdem der Filmroman »Sie schläft« (2009), der Roman »Sämmtliche Gedichte« (2009) und das politische Bilderbuch »Deutschland macht dicht« (2010). Zur jüngst herausgekommenen einbändigen Neuauflage von Peter Hacks' »Die Maßgaben der Kunst« verfasste Dietmar Dath das Nachwort.
Foto: ND/Wolfgang Frotscher
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ND: Herr Dath, in Ihren Schriften, belletristischen wie essayistischen, fällt wiederholt der Name Hacks. Jetzt haben Sie ein umfassendes Nachwort zur Suhrkamp-Ausgabe der »Maßgaben der Kunst« verfasst. Wann und wie sind Sie aufmerksam geworden auf Peter Hacks?
Dath: Die erste Begegnung war vermittelt durch die Schernikau-Lektüre. Was mir an Ronald M. Schernikau so gut gefallen hat: Das ist einer, der in engster Tuchfühlung mit der Medienrealität des Westens stand, und der trotzdem die Gelassenheit besessen hat, seine Position so zuzuspitzen, dass sie weniger Anschluss an den westüblichen Pluralismus sucht als vielmehr Kontur hat. Fragte sich: Wo hat er das her? Die erste Spur, Andy Warhol, erwies sich als nicht ganz richtig, weil der doch mit vergleichsweise flachen Aussagesätzen arbeitet, während Hacks es schafft, deutliche Aussagesätze zu produzieren, die nicht flach sind. Man denkt ja, ein Satz, der nicht flach ist, muss eine Hypotaxe sein, muss ein Zwar-Aber enthalten, in irgendeiner Form dialektisch sein. Aber Hacks schafft es irgendwie, die Dialektik zwischen den einzelnen klaren Behauptungen einzumanteln.
Sie sagen »irgendwie«, aber ich glaube nicht, dass Sie nicht wenigstens ahnen, wie.
Ich denke schon, dass ich weiß, wie. Der Trick besteht in der sogenannten Ironie. Die hat Hacks von Thomas Mann, der sie seinerseits von Goethe bezogen hat. Die Goethesche Ironie ist ihrem Gehalt und ihrer Form nach die sehr schwierige Übung, etwas zu sagen, das man nicht wörtlich meint, aber sehr ernst. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist der Satz, mit dem Karl Kraus die »Dritte Walpurgisnacht« eröffnet: »Mir fällt zu Hitler nichts ein.« Das stimmt natürlich nicht, es kommt ja dann einiges, aber der Gestus, der dahinter steht – die Erledigung, die totale Zurückweisung der Zumutung, zu Hitler polemisch oder originell sein zu müssen –, die ist sehr ernst gemeint.
Dass Hacks das Ernstmeinen des nicht wörtlich Gemeinten sogar geschafft hat, wenn ihn nur noch der Dreck umspült hat, also beispielsweise zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der DDR, das ist jenseits allen ästhetischen Fragens eine ungeheure menschliche Leistung: Haltungen nicht einfach nur bewahrt zu haben, was ja auch einem verkarsteten oder versteinerten Gemüt gelingen könnte, sondern sie immer wieder neu zu produzieren unter jeweils ganz verschiedenen Bedingungen.
In den vergangen Jahren, verstärkt seit seinem Tod, besinnen sich immer mehr Leute auf die Kunst, die Ästhetik, aber auch auf die Haltung des Peter Hacks. Manche sprechen von einer Hacks-Renaissance. Sehen Sie die auch?
Für eine Renaissance müsste er tot, also vergessen gewesen sein. Das war er nicht. Das wäre so, als spräche man von einer Nelson-Mandela-Renaissance zu dem Zeitpunkt, da sich die Kerkertüren öffnen. Es gibt bei Hacks aber eine immer wieder zu beobachtende Erscheinung: Da man ihn selber nicht mehr zu fürchten hat, kann man ihn so ein bisschen an die Brust nehmen. Bürgerliche, Linksradikale, alle wollen ihren Hacks, greifen Teile raus und haben dann doch wieder den ganzen am Hals.
Welche Hackse gibt es?
Es gibt als erstes, auch wenn er das vehement bestritten hätte, bis zum Schluss den Brechtianer. Und zwar ist das der Brechtianer, der ein bisschen klingt wie derjenige Brecht, der die Keuner-Geschichten geschrieben hat, nämlich der unbrechtischste, der imstande ist, diesen Zug zum Bierernst auf eine tänzerischere Weise wieder zu unterlaufen. Diesen Brecht, den agilen, den alerten Brecht, den hat Hacks dem Brecht für die Zwecke der sozialistischen Klassik entwendet, weil sich diese Art von Beweglichkeit, auch Heiterkeit, gar nicht so gut eignet für Brecheisen-Kunst, die agitieren will, aber gut für Klassik.
Der zweite ist der sozialistische, und der dritte ist der kommunistische Hacks. Der sozialistische ist derjenige, der weiß, dass es zwischen dem erstrebten Endzustand und der schlechten kapitalistischen Realität diese berühmte Umbauphase geben muss, die ihre eigenen Kunstanforderungen hat, die ihre eigenen tastenden Sondierungen verlangt dessen, was denn jetzt schon möglich ist vom Idealzustand und dabei aber nicht zu Blochisch, nicht zu utopisch werden darf. Der kommunistische Hacks, dem ist es dann völlig egal, ob er zu Blochisch ist. Das wäre dann der Hacks, der sagt, wenn alle Probleme, gegen die wir den Sozialismus machen, tatsächlich einmal beseitigt sind und der Staat abgestorben ist, dann haben wir immer noch die Geschichte mit der Versöhnung Mensch und Natur, dann haben wir immer noch die Geschlechterproblematik und all diese Dinge. Für die braucht man einen ganz langen Atem, der die Jahrhunderte in sich einbegreifen kann, einen Atem, der Shakespearisch ist, der also das ist, was Bloch inhaltlich zwar war, aber formal eben nicht war.
Man könnte also sagen: Brecht, das ist der revolutionäre Hacks; Shaw und Oscar Wilde, das ist der sozialistische Hacks; Shakespeare und Goethe, das ist der kommunistische Hacks.
Meinen Sie, Hacks hat ernsthaft geglaubt, Goethe und Shakespeare wären Kommunisten geworden, hätten sie zu seiner Zeit gelebt?
Kommunisten im Sinne von: mit den Problemen befasst, die erst interessant werden, wenn alle politischen Dinge gelöst sind. Also mit Problemen der Gesellschaft, die nicht mehr an vorgeschichtlichen Naturwüchsigkeiten, primitivem Zeug leidet, sondern tatsächlich eine menschliche Gesellschaft ist. Kommunisten in diesem Sinne waren für Hacks alle großen Künstler, das stimmt. Es geht Hacks aber weniger darum: die waren auch schon Kommunisten, als vielmehr darum: Kommunist zu sein ist heute für ihn die richtige Art und Weise, mit diesen Leuten Schritt zu halten.
Es scheint, das neue Interesse an Peter Hacks bezieht sich mehr auf den Theoretiker Hacks, nicht auf den Theaterpraktiker.
Ich glaube, er hat ein Problem, gegen das man ihn fast nicht in Schutz nehmen kann, ohne ihn gleichzeitig zu beschädigen: dass er Kunst gemacht hat, dann aber in berechtigter Befürchtung, dass man ihn vielleicht falsch verstehen würde, die schwere Bürde auf sich genommen hat, sich und seine Kunst zu erklären. Nun konnte er aber, weil er so ein umfassender Geist war, gar nicht umhin, in dem Moment, wo er seine Dramatik erklärt hat, wahnsinnig viel Anderes mitzuerklären: Was ist eigentlich eine postrevolutionäre Situation? Was bedeutet es, dass ein Sozialismus sagt, bestimmte Widersprüche haben wir hinter uns, aber neue produzieren wir wieder? Was heißt es, dass es den Block-Konflikt gibt? Was bedeutet es, dass plötzlich überall vom Weltuntergang die Rede ist? Was bedeuten all diese Dinge? Derlei erledigt er so im Verbeigehen, wenn er schon mal beim Erklären ist. Er will eigentlich über den Porsche reden, aber damit ja kein Kind zurückbleibt, erklärt er halt auch noch mal den Verbrennungsmotor. Das Problem ist: Für den Verbrennungsmotor interessieren sich sehr viel mehr Menschen als für den Porsche.
Herr Dath, Sie sind kein Philologe, sondern Schriftsteller, einer von der verkopften Sorte, mithin ein Kollege von Hacks. Kennen Sie die Versuchungen des Erklärenwollens, die Sie an Hacks schildern, aus eigener Anschauung auch?
Danke für das Kompliment, mich in eine Reihe mit Hacks zu stellen. Das Verkopfte kommt daher, dass man gezwungen ist, in einer Umgebung wie dieser darauf zu bestehen, dass die Welt erkennbar und verstehbar ist. Ich spreche von einer verfaulenden Umgebung der Diskussionen – Stichwort Pluralismus. Toleranz hieß zu Zeiten der Aufklärung: Jede Meinung muss geäußert werden können, damit wir feststellen können, ob sie schwachsinnig ist oder wahr. Dieser Begriff ist verfault und heißt jetzt: Selbst und gerade der allerdümmste Quatsch hat irgendwie recht. Die meiste Kunst, die meisten Nachrichten, die meisten Debatten in der Straßenbahn erzählen uns: Verstehen kann man es sowieso nicht.
Hacks sagt, die Aufgabe der Dichtung ist es, Haltungen zur Welt zu illustrieren, nicht, Informationen über die Welt abzuliefern, dazu gibt es die Zeitung. Haltungen illustriert man, indem man Ausschnitte aus der Welt nimmt und sie in einer Weise gruppiert, die verrät: So sieht derjenige die Welt. Dem schließe ich mich völlig an. Wenn man aber sagen will: Die Welt ist verstehbar!, dann kommt unglaublich viel Text auf einen zu. Dann wird es automatisch verkopft.
Setzen wir das Wort »Maßgaben« also gegen dieses Alles-gilt, das Sie für die Jetztzeit diagnostizieren. In Ihrem Nachwort zu Hacks' »Maßgaben der Kunst« bescheinigen sie diesen Texten das Zeug, ihre Leser vom schleichenden in den aufrechten Gang zu erheben. Sich aus dem Meinungsbrei zu erheben und Maßgaben zu behaupten, erfordert aber nicht nur Haltung und fundiertes Wissen, sondern, nicht zuletzt, auch ein unangreifbares Selbstbewusstsein.
Es erfordert vor allen Dingen noch etwas anderes: Interessen, Willensbildungen und die Fähigkeit, einen Willen durchzusetzen. Das schönste, was Diedrich Diederichsen je geschrieben hat, war die Widmung für seinen Roman »Herr Dietrichsen«: »In Dankbarkeit für Schutz und Unterstützung Jutta Koether (einer Künstlerin) und den Streitkräften der Sowjetunion gewidmet.« Damit war gemeint: Nur wenn es eine Macht irgendwo auf der Erde gibt, die dafür sorgt, dass dieser pluralistische Brei nicht alternativlos ist, liegt es nahe, sich selbst zusammenzureißen und zu Behauptungen zu kommen, die sich dann bewähren müssen in einem geschichtlichen Prozess. Diese gesellschaftliche Kraft muss gar nicht unbedingt staatsförmig sein, das kann auch eine starke Arbeiterbewegung sein, es kann auch ein Haufen Bewegungen auf der Welt sein.
Die große Frage, die Hacks immer wieder stellt, ist: Was macht eigentlich jemand, der in einer glückhaften Zeit anfängt zu denken, in der es so aussieht, als ob Denken Konsequenzen hat, und dann plötzlich in eine Stagnationsphase kommt? Also: Was macht ein Shakespeare ohne Elizabeth? Was macht ein Voltaire ohne seinen entsprechenden absolutistischen König?
Was macht ein Hacks ohne DDR?
Ich glaube, Hacks fühlte sich schon sehr lange ohne DDR, nämlich seit dem Zeitpunkt, als Ulbricht gegangen worden war. Er fühlte sich zwar noch mit einer DDR, aber mit einer DDR, die im Grunde lustlos vor sich hin de-de-ert, anstatt ihre Chancen wahrzunehmen, ihre Widersprüche zu leben und aus ihren Widersprüchen zu wachsen. Eine kaputte Form zu haben, die aber Form ist, ist ein großer Unterschied zu frei schwebendem Gesinnungsplunder und zum Irgendwie-bin-ich-mit-dem-Herzen-links.
Sie sagen, der Resonanzboden für Hacks' Kunst war die DDR. Was ist der Resonanzboden für Dietmar Daths Kunst? Finden Sie den im Tatsächlichen oder nur noch in Ideen?
Das wäre der Tod. Dann würde ich mich ehrlicherweise in irgendeine Form von Wissenschaft zurückziehen. Nein. Einstweilen sind es extrem zerbrechliche, von Zug- und Druckkräften bedrohte, von Gezeitenkräften aller Art auf dem Erdboden herumgeworfene Verabredungen zwischen real existierenden Menschen. Nicht Facebook, nicht Wir-tauschen-Icons-aus, sondern materielle Dinge wie Ich-leihe-dir-ein-Buch und Du-leihst-mir-ein-Buch, und Du-rufst-mich-an-wenn-du-meinen-Artikel-schlecht-findest. Also tatsächliche Begegnungen, tatsächliche Kooperationen, politische Fühlungnahmen.
Wenn Sie in politischen Zusammenhängen, bei Gewerkschaften oder Parteien, als Redner eingeladen sind, fühlen Sie sich dann noch als Schriftsteller oder eher als Aktivist?
Ich bin auf jeden Fall nichts anderes als Schriftsteller. Ich habe keinen anderen Beruf gelernt. Ich gehe zur IG Metall in meiner Eigenschaft als jemand, der ganz sicher weiß, dass irgendwann auch mal Gewerkschafter vorkommen müssen in einem Roman. Natürlich ist es im Idealfall dann so, dass über dieses Ziel hinausgeschossen wird. Bei den besten derartigen Gesprächen vergisst man diesen Recherchezweck, diesen Gebrauchswertaspekt.
Fürchten Sie, dass der Faktenreichtum und die Theoriefülle Ihrer Bücher die Leser überfordern?
Das sind letztlich Temperamentunterschiede. Ganz allein stehe ich ja nicht da mit dieser Ästhetik, die lieber ein bisschen mehr reinpackt als zu viel herauszunehmen. Stephen King, den man gefragt hat, ob es diesmal nicht ein 300-Seiten-Buch hätte sein können, ob es denn schon wieder 800 Seiten sein müssten, hat einmal zwei sehr schöne englische Hauptwörter dafür erfunden und völlig zu Recht gesagt: I'm more of a Putter-Inner than a Taker-Outer.
So wie manchen Leuten bei mir zu viel los ist, ist mir in vielen Büchern, die ich zu lesen bekomme, einfach zu wenig los. Vielleicht liegt das daran, dass ich Kind einer Gesellschaft bin, in der unglaublich heterogene Informationsquellen nebeneinander existieren. Du kannst den ganzen Nachmittag lang fernsehen, dann kannst du die ganze Nacht lesen und dann kannst du noch mal Radio hören. Diese Fülle und Erreichbarkeit hat es nie vorher gegeben. Inzwischen wird uns durch Google und solche Dinge sogar noch die Funktion abgenommen, wo wir was suchen. Das heißt, ich habe wirklich keine Entschuldigung mehr dafür, dass ich irgendwas nicht weiß, wenn es mich angeht. Die Frage wäre: Was geht mich an?
In Ihrem Nachwort beschreiben Sie die marktbedingte Selbstdeformation heutiger Künstler, die Hacks, zumindest an sich selbst, nicht gekannt habe. Ihre künstlerische Autonomie in allen Ehren, aber die meisten Künstler, die von ihrer Kunst leben wollen, können sich eine solche Haltung doch gar nicht erlauben.
Es ist in der Tat so, dass ich irgendwann nicht nur ein ungewöhnlich glückliches Verhältnis Standbein/Spielbein selbst entwickelt habe, sondern auch die Nischen gefunden habe, in denen das funktioniert. Mehr aus Lust und Laune und Instinkt habe ich mir ein paar Fertigkeiten draufgeschafft, zu denen auch gehört, schnell auf Dinge reagieren zu können. Ich habe eine relativ hohe Arbeitsdisziplin, das heißt, ich halte es sieben Jahre lang in einer Zeitungsredaktion aus. In den Dingen, die erstens sowieso nicht so ein Riesenpublikum haben und auch kein größeres dadurch kriegen, dass ich mich in irgendeiner Form zensiere, und die zweitens tatsächlich die Herzenssachen sind, erlaube ich mir dann umgekehrt ein bisschen mehr.
Ausführlich erläutern Sie, dass mit »Maßgaben« kein scholastisches Regelwerk gemeint ist. Was anderes aber sind »Maßgaben«?
Ich bin inzwischen zu dem Ergebnis gekommen, dass hier einer dieser Tricks vorliegt, die man vielleicht nur so aus dem Ärmel schütteln kann wie Hacks, wenn man sehr viel Marx gelesen hat. Marx dreht Wortkonstruktionen häufig um, etwa: »Die Waffe der Kritik« und »Die Kritik der Waffen«. Bei Hacks fiel mir irgendwann auf: »Die Maßgaben der Kunst«, das kann genauso gut heißen: Die Maßgaben, die von der Kunst ausgehen. Also nicht: Die Maßgaben, nach denen man eine Kunst macht, sondern: Wenn man sich im Leben mit einer Kunst beschäftigt, dann setzt das gewisse Maßgaben in dieses Leben hinein. Ich denke inzwischen, dass insofern beides gemeint ist, als das Missverständnis, es handele sich um etwas Normatives, durch diese zweite Bedeutung aufgefangen wird. Diese Aufsätze behandeln den Anspruch, den die Kunst an das Leben stellt.
Ich glaube, was Hacks in toto mitteilen will, ist: Verbindliches ist nicht zu haben in der Kunst. Es aber nicht anzustreben, ist dumm und faul.
Hacks bekannte sich zur Klassik. Nicht gelten ließ er alles, was er »romantisch« nannte. Warum?
Er ließ ja doch viel gelten. Er wusste, dass es auch um Temperamente geht, um nicht zu sagen: Geschmack. Hacks hat zum Beispiel gesagt: Es gibt Künstler, die sehr regelmäßig produzieren, und dann gibt es andere, bei denen staut es sich lange, dann schmeißen sie etwas raus, und dann liegen sie wieder ein halbes Jahr in der Gosse. Wenn man aus Hacks einen Kirchenlehrer machen wollte, könnte man sagen: Ah, der, der es so rausspuckt, der so geschüttelt wird und dann in der Gosse liegt, das ist der Romantiker; aber der, der regelmäßig ordentlich arbeitet, das ist der Klassiker. Wenn man tatsächlich immer wieder nur die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen werfen wollte, müsste man bei jeder derartigen Entscheidung fragen: Was ist Klassik, was ist Romantik? Das macht er gar nicht.
Jede Produktionsweise wird für Hacks gerechtfertigt durch das gute Werk. Ich glaube, er hat den Romantikern wirklich hauptsächlich vorzuwerfen, dass er ihre Werke nicht gut findet. Und er kann begründen, dass das Zeug schlecht ist. Dass die Romantiker für ihn Halunken waren, kommt dann erst als zweites. Das beruhigt ihn natürlich, weil er von sich weiß, dass er kein Halunke ist und deswegen die Wahrscheinlichkeit gesteigert sieht, dass er ein guter Künstler ist. Wir beruhigen uns alle so, wie wir es können.
Klassik und Romantik sind Zentralkategorien in Hacks' Denken. Aber Hacks war zu sehr Marxist, um sich einzulassen auf das Entgegensetzen starrer theoretischer Systeme. Er suchte nach Parteien, die wirklich irgendwann gekämpft haben. In Deutschland war der deutlichste Literaturstreit, in dessen Maske ein in Wirklichkeit politischer Streit ausgefochten wurde, der Streit zwischen Klassik und Romantik. Hacks wollte einen politischen Literaturstreit führen, weil er sah, dass er bereits geführt wurde in der DDR – nämlich unter revolutionären und konterrevolutionären Vorzeichen. Er konnte gar nicht umhin, sich eine Epoche zu suchen, in der so ein Kampf schon geführt worden war, und er musste sich eine Epoche suchen, in der er von eindeutig Rechten gegen eindeutig Linke geführt worden war, und am besten noch von eindeutigen Idioten gegen eindeutig kluge Köpfe. Er hatte Glück, er fand so eine Epoche, und hat von da an in dieser Form diese Dinge diskutiert.
In einem Essay über Hacks las ich, er sei ratlos gewesen, wenn er sich etwas nicht rational erklären konnte. Wenn Hacks in seinem Buch »Zur Romantik« den deutschen romantischen Schriftstellern nachzuweisen versucht, sie seien Geheimagenten Englands gewesen, nimmt sich das für mich wie eine Verschwörungstheorie aus, die nicht in der Lage ist, Gefühl und Kalkül zu unterscheiden. Kann es sein, dass sich in diesem von Hacks auf die Spitze getriebenen Streit zwischen Klassik und Romantik in Wirklichkeit auch ein innerer Streit zwischen Verstand und Gefühl manifestiert?
Wer sich einmal auf die Dichotomie Verstand und Gefühl einlässt, ist schon in der Romantik. Als ob nicht die apollinischsten Autoren, Leute wie Goethe, es geschafft haben, Sachen zu schreiben, die tausendmal herzzerreißender sind als das Stammeln irgendeines Romantikers, der gar nicht ausdrücken kann, was ihn da wieder überwältigt. Ohne ein gerüttelt Maß Berechnung, Kalkül, Vernunft usw. kann man diese intensiven Gefühlswerte, die die Kunst transportiert, gar nicht erzeugen. Es ist Unsinn, das in einen Gegensatz zwingen zu wollen.
Ich glaube in der Tat, dass Hacks sich nicht vorstellen konnte, dass die Dummheit nicht auch rechnet. Wenn er so klar sieht, dass eine Schweinerei, die gedacht oder geschrieben wird, irgendeinem Interesse nützt, dann ist es fast schon putzig und jedenfalls liebenswert zu glauben: Das tut sie auch mit Absicht.
Hacks war in erster Linie Dramatiker. Inwiefern sind die »Maßgaben« des Dramatikers Hacks maßgeblich für den Roman-Autor Dath?
Man muss einigermaßen gelenkig sein, wenn man versucht, das auf seine eigene Praxis zu übertragen. Für Hacks ist das Drama dermaßen die Königsdisziplin aller sprachlichen Künste gewesen, dass er manchmal nicht scharf unterscheidet zwischen Gesetzmäßigkeiten der erzählenden Sprachkunst – der Unterschied zur Lyrik ist sehr wichtig – und solchen des Dramas. Das Wichtigste, was ich von ihm mitgenommen habe, ist das Gattungsbewusstsein. Wenn ich häufiger mal nach populären Genres wie Horror und Science Fiction gefragt werde, wundern sich die Leute immer, wenn ich mich, obwohl ich es doch geschafft habe in den respektabelsten Ring der »richtigen« Literatur, dann doch so plump dazu bekenne: Natürlich ist das ein Science-Fiction-Roman. Auf dem Umweg der Hacks-Lektüre habe ich gelernt, dass ich die Genres brauche, um sie zu belasten.
Zum Ästhetischen wie zum Politischen gehört bei Ihnen wie bei Hacks das Utopische. Haben Sie die Idee, »dass eine Menschheit, die diesen Namen verdient, erst noch geschaffen werden« müsse, bei Hacks gefunden, oder ist dieser Gedanke an Hacks nur gewachsen?
Ich hatte immer ein Problem damit, wenn Utopie verstanden wird als das Nimmerland von Peter Pan. An Hacks gekräftigt habe ich mich in dem Gedanken, dass es ein Bindeglied gibt zwischen dem erstrebten Zustand und dem Dreck, in dem wir hier herumwaten müssen, und dass dieses Bindeglied nicht den Namen Wünschen hat, sondern den Namen Wollen. Und nicht den Namen Utopie, sondern den Namen Programm.
Mich interessiert der Punkt, an dem die Utopie zum Programm wird. Hacks ist sehr überzeugend, solange er Künstler ist. Sobald er aber mit Worten politische Feinde totschlägt, schauert es mich. Kann man den Ästheten Hacks ohne den Stalinisten Hacks haben? Wie gehören beide zusammen?
Das ist die Kardinalfrage. In Hacks' Gesprächen mit André Müller sen. und auch in seinem Briefwechsel mit Kurt Gossweiler lassen sich Passagen finden, wo eine Kritik an Stalin formuliert ist. An diesen Stellen beschreibt Hacks die irrationalen Kompromisse, die Stalin teilweise mit dem großrussischen Nationalismus geschlossen hat, um seinen Laden zusammenzuhalten, also einen Opportunismus, aber keinen kneifenden Opportunismus, sondern einen gewalttätigen Kampfhandschuh-Opportunismus. Er beschreibt diesen Opportunismus auf eine derart hellsichtige Weise, wie ich sie aus trotzkistischer, luxemburgistischer, antistalinistischer Sicht jedenfalls nie gesehen habe.
Der Gefahr, in der Verteidigung des Sozialismus alles preiszugeben, was am Sozialismus sozialistisch ist, setzt man sich immer aus, wenn man gegen die Höhenflüge der Idee an dem Anspruch festhält: Es muss aber hier auf der Erde sein. Irgendwann kann einen die Erde in eine Ecke treiben, wo man nur noch das irdische Geschäft besorgt und gar nichts mehr übrig ist von dem, was man irdisch umsetzen will.
Ich schlage vor: Ein Recht, den Stalinisten Hacks vom Künstler Hacks abzulösen und den Stalinisten ruhen zu lassen, haben diejenigen, die durch diese Erfahrung hindurchgegangen sind, sich klarzumachen, wofür der Stalin bei Hacks eigentlich steht. Also diejenigen, die verstehen, dass Hacks ein zu nobler Charakter war, sich auf ein reines Spiel von Idealen einzulassen und dass er bereit war, nicht nur das ausbezahlte Erbe an Schätzen und Errungenschaften, sondern auch die großen Schulden dieser Bewegung, für die er Partei genommen hat, auf sich zu nehmen und sich dafür verantwortlich zu halten.
Ihr Nachwort zu Hacks' »Maßgaben« ist dem »konkret«-Heraus- geber Hermann L. Gremliza gewidmet. Warum?
Sie hatten ja miteinander zu tun. Gremliza hat die »Jetztzeit«-Ge- dichte abgedruckt, als keiner mehr Hacks drucken wollte. Aber es gab Dinge, wo sie einander scharf über den Graben hinweg angeguckt haben. Dazu gehört fundamental die Frage, ob ein kritischer Intellektueller, was Gremliza wohl mit Adorno bejahen würde, sich überhaupt keiner organisierten Parteinahme schuldig machen darf, oder ob man, so wie Hacks, zur eisenharten Fraktionsdisziplin steht. Worum es da geht, sind zwei verschiedene Modelle, von denen ich hoffe, dass sie niemals die Tuchfühlung verlieren, weil ich selber beide im Auge behalten will.
Ich fürchte, die politische Organisation, bei der ich tatsächlich das Hirn abgeben kann und sagen: Die machen das schon, die werde ich nicht erleben. Die hat ja auch Hacks nicht erlebt. Tatsächlich war er doch für die SED manchmal noch unbequemer als Leute, die irgendwie so rumdissidierten. Würde man, ganz gegen seinen Willen, mal eine Hacks-Biografie schreiben, müsste man sagen: Die Art, wie die mit ihm umgesprungen sind, ist einer der schlimmsten Indikatoren dafür, was an der DDR nicht in Ordnung war: dass sie es nicht geschafft haben, Zustimmung auf hohem Niveau zu verarbeiten. Da ist jemand wirklich für diesen Staat, und zwar nicht aus Dummheit oder Naivität oder weil er sich hat bestechen lassen, sondern weil er sich das überlegt hat – und die verbieten ihn.
Dietmar Dath, 1970 geboren im badischen Rheinfelden, ist Romancier, Essayist, Übersetzer und Journalist. Sein Universitätsstudium (Physik und Literaturwissenschaften) brach er ab, um sich dem Schreiben zu widmen. Seine umfangreiche Bildung eignete Dath sich autodidaktisch an.
Der Öffentlichkeit ist er als außerordentlich produktiver und kluger Autor bekannt geworden, der mit seiner Herkunft aus der Popkultur so wenig hinterm Berg hält wie mit seiner linken Welthaltung.
Vor, neben und nach seinen Tätigkeiten als »Spex«-Chef-und »FAZ«-Feuilleton-Redakteur veröffentlichte er zahlreiche Bücher und Artikel. Dath lebt in Freiburg.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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