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Von Uwe Stolzmann 03.07.2010 / Feuilleton

Ein Universum – dann leider nur ein Weltbild

Eduardo Galeanos Buch »Fast eine Weltgeschichte«

Eine merkwürdige Geschichte, die Agenturen berichteten davon: Im Frühjahr 2009, am Rand eines Gipfeltreffens, sprach Venezuelas Regent Hugo Chávez mit Barack Obama. Chávez hatte ein Geschenk dabei, a gift, vergiftet – »Die offenen Adern Lateinamerikas«, den Klassiker von Eduardo Galeano aus dem Jahr 1971. Die große Klageschrift des Südens gegen den Norden. Wenig später soll bei amazon.com in den USA ein Wunder geschehen und das Buch aus dem Nirgendwo auf Verkaufsrang zwei geklettert sein. Wenn das stimmt, wollte plötzlich fast jeder lesende Nordamerikaner die Studie haben, diese Anti-Imperialismus-Bibel, ausgerechnet. Die Lektüre mag die Gringos frustriert haben; das Werk rutschte jedenfalls rasch zurück auf einen Platz nahe 80 000. (Die deutsche Neuausgabe vom Herbst 2009 steht derzeit bei Rang 45 000.)

Vor fast vierzig Jahren begründete jenes Buch Galeanos Ruf als lustvoll provozierender Denker. Der eigene Kontinent war dem Südamerikaner damals bald zu eng. In »Erinnerung an das Feuer« – die Trilogie erschien in den Achtzigern – entwarf er nichts weniger als eine Universalhistorie aus radikal linker Sicht. Mit seiner jüngsten Publikation ist der Journalist und Erzähler nun zu den Wurzeln zurückgekehrt. »Fast eine Weltgeschichte« heißt das Opus, und es zementiert den Anspruch des Autors schon im Titel. Den Anspruch, auf nur 400 Seiten einen Kosmos beschreiben und deuten zu können. Tatsächlich: Der Uruguayer umreißt die Geschichte der gesamten Menschheit, von den nebligen Anfängen bis ins Heute.

Was ist das für eine Geschichte? Keine Chronik der großen Linien, kein Auf und Ab aus Evolution und Revolution, auch keine Historie der Herrscher; nicht die Mächtigen stehen im Mittelpunkt, sondern die Macht selber, der Missbrauch von Macht. Die Darstellung mischt Sozial- und Ideengeschichte, und abermals ist sie Schmähschrift, Klageschrift. Galeanos Texte haben Sogwirkung, auch diesmal. Die Ingredienzien berauschen. Der Wohlklang der Worte und ihre scheinbar strenge Logik. Der biblische Tonfall, dieser Gestus eines Pastors, eines Rhapsoden. Die Brüche im Stil, eben noch episch, plötzlich sarkastisch. So tönt Galeano, wenn er sarkastisch wird: »Im Jahre 1954 führten die Vereinigten Staaten die Demokratie in Guatemala ein, durch Bombardements, die Schluß machten mit freien Wahlen und anderen Perversionen.«

Wo Historiker langen Atem zeigen, nutzt der Polemiker die kurze Form, Anekdote, Glosse, Marginalie. Wo Historiker mehr oder minder elegante Sachprosa produzieren, schreibt der Polemiker Prosapoeme. Hunderte Bruchstücke versammelt der Band.

Es macht Spaß, Galeano zu lesen, weil er von Helden erzählt, hundertfach. Die Helden heißen Sappho und Kleopatra, Kafka oder Swift, sie heißen Túpac Amaru, Toussaint L’Ouverture, Pelé und Maradona, Zapata und Sandino. Andere Helden haben keine Namen, sind nur Gruppe, Underdogs. Rassismus ist Galeanos Thema. Und der Krieg, der Kolonialismus. Er notiert: »Afrika mundgerecht auf dem Eßtisch Europas.« Oder: »Mittelamerika hat man die Landkarte zerrissen.«

Man liest Galeano auch deshalb gern, weil seine Philosophie so schlicht ist, so luzide. Diese Philosophie hat nur einen Makel: Sie negiert ein Gutteil der Wirklichkeit. Denn der Uruguayer zeichnet schwarzweiß, eine ewig bipolare Welt aus Unten und Oben. »Jäger oder Gejagter«, »Knechte und Herren«, so klingt der Autor im Originalton. Moral ist an den Platz in der Hierarchie gekoppelt – oben sind die Menschen von sich aus (genetisch?) böse, unten sind sie edel, hilfreich und gut. Ein fürsorglicher Alleinherrscher, ein gemeinnütziger Unternehmer oder Millionenerbe passt nicht in die Doktrin. Und was passiert, wenn es die von unten plötzlich nach oben spült? Bleiben sie gut? Eine Schlüsselrolle in dem eigentümlichen Theatrum mundi aus Südamerika spielt der Westen: ein Protagonist mit Teufelsfratze. Die zeigt er manchmal, das wissen wir; bei Galeano zeigt er sie ständig.

Gewappnet mit dem Schild seiner Ideologie verfolgt der Mann aus Montevideo unbeirrt seine Mission. Vox Populi will er sein – wenn das Volk schon nicht selbst die Stimme erhebt.

Ging in den letzten vierzig Jahren nicht ein System zu Bruch? Der Autor zeigt sich wenig beeindruckt. Zwar geißelt er den Dogmatismus der alten Kommunisten und ihre »Diktatur der Funktionäre«, er verurteilt die Massaker im Kambodscha der Roten Khmer und in Stalins Sowjetunion. Doch er bewundert Lenin. Und er hält Elogen auf Fidel und Che. Unter Galeanos Händen verwandelt sich Diktator Castro in einen Ritter, »der immer auf Seiten der Verlierer kämpfte«. Und Guevara, der Henker von Havanna, erhält gar Züge des Messias: »Je mehr man ihn verfälscht, je mehr man ihn verrät, um so mehr wird er wiedergeboren.«

»Fast eine Weltgeschichte« ist Glücksfall und Ärgernis. Ein Glücksfall, weil das Buch einige Irrtümer linker Utopie exemplarisch bündelt. Wer den Verfasser früher vergötterte, wird es weiter tun. Wer ihn nicht mochte, wird ihn auch jetzt nicht mögen.

Galeano mixt Fakten und Fiktion, bis ihm die Mischung mundet: Er erzählt von einem »König der Inkas«, doch den gab es nicht – die Inkas waren die Herrscherkaste des Quechua-Volkes. Er erzählt von einem legendären Bild aus den ersten Maitagen 1945, es zeigt zwei Soldaten, die »die Fahne der Sowjetunion auf die Kuppel der deutschen Macht« pflanzten, doch er erwähnt nicht, daß der Fotograf die Aufnahme inszeniert und später mehrfach verfälscht hat. Galeano kolportiert sogar den alten Kuba-Mythos, die Misere der Zuckerinsel sei »zum großen Teil« durch die Blockade des »Imperiums« verursacht worden. Ja, dies ist ein mythenverliebtes Stück Literatur, eine Art Heilsgeschichte. Zur Erklärung der Welt und ihrer Schrecken taugt das Buch nur bedingt.

Eduardo Galeano: Fast eine Weltgeschichte. Spiegelungen. 440 S., geb., 24 €.
Die offenen Adern Lateinamerikas. Neuausgabe. . 440 S., geb., 24,90 €.
Beide aus dem Spanischen von Lutz Kliche, Peter Hammer Verlag, Wuppertal.

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4 Kommentare zu diesem Artikel

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  • marenhanna1, 06. Jul 2010 13:18

    Der Diskriminierung Kubas entgegentreten

    Es ist schon verwunderlich, dass das ND einen derart beleidigenden Artikel über das kubani-sche Volk veröffentlicht. Nach den dauerhaften Bedrohungen der USA und die andauernde Wirtschaftsblockade hat sich Kuba logischerweise auf seine eigenen Volkswirte verlassen und darüber hinaus erreicht, dass sich ein bedeutender Teil Lateinamerikas unabhängig von den alten Kolonialherren in Nordamerika und Europa gemacht hat. Die Realität ist, dass die ALBA-Staaten sich als Wirtschaftspartner unabhängig von den USA zusammengeschlossen haben. Auch China, Ostasien und der Nahe Osten sind als Wirtschaftspartner zu beobachten. Diese Entwicklung konnte der Autor nicht voraussehen.
    In Bezug auf Kuba zielt die Politik der USA und der sogenannten westlichen Wertegemein-schaft auf die Zerstörung der humanistischen Revolution Kubas, ihrer Erfolge und ihres Ent-wicklungspotentials ab. Mittel dazu sind die außenpolitische Isolierung, innere Subversion und – wenn möglich – die Militärintervention. So ist allen Aggressionsinstrumenten der Ver-einigten Staaten gemein, dass sie automatisch den Ausschluss Kubas aus lebenswichtigen internationalen Reproduktionszusammenhängen anstreben. Diese menschenverachtende Poli-tik ist ihnen bisher nur teilweise gelungen.
    Mit der „dritten bürgerlichen Weltordnung“ des 20. und 21. Jahrhunderts, die die US-Elite unter Führung des Wahlbetrügers George W. Bush und unter aktiver Komplizenschaft ihrer europäischen Vasallen Tony Blair, Gerhard Schröder und José Maria Aznar seit dem 11. Sep-tember zu installieren versuchte, haben sich die Spielräume für alternative gesellschaftliche und politische Projekte in der sogenannten Dritten Welt weiter verringert. Dies gilt natürlich auch für Kuba.
    Die Entwicklung der Republik Kuba kann für uns, einer sozialistischen Zeitung, und der Par-tei DIE LINKE nur beispielgebend sein. Es gibt viel zu tun, auch um derartige diskriminierende Artikel zu vermeiden.
    Gert Julius

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  • dhs, 04. Jul 2010 15:58

    Ganze Arbeit geleistet

    Wer hat eigentlich so einen bürgerlichen Journallisten ins ND geholt? Wie kann es sein, dass eine "sozialistische Tageszeitung" einen solchen Text veröffentlicht? Wenn ich was über einen "Diktator Castro" oder einen "Henker Che" lesen will, dann greife ich zur FAZ.
    Künftig greife ich auf jeden Fall nicht mehr zum ND. Es gibt zum Glück noch Alternativen am Kiosk und im Netz.

    Nichts gegen kritische und polemische Artikel, aber politische Hetze sollte hier nicht erscheinen. Schenkt euer Feuilleton der FAZ, da passen Schütt und Co auch hin.

    • Permalink

    • Biotop, 06. Jul 2010 18:19

      Re: Ganze Arbeit geleistet

      Nein, Schütt gehört ins ND. Wenn ich auch manchmal mit seiner manchmal zu pessimistischen Sicht nicht einverstanden bin: zum Nachdenken regt er noch immer an. Er denkt noch selbst. Wer nicht nachdenken will, dem passt Schütt natürlich nicht in den Kram. Für griffige Vorurteile bestätigende Muster steht er jedenfalls nicht. Die Kritik an diesem unsäglichen Artikel sollte man nicht zum Vorwand zur Exkommunizierung kritischer Denker nehmen.

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  • OBJZ, 03. Jul 2010 00:12

    Hugos Buchempfehlung.

    Wahrscheinlich hat Praesident Obama dann doch das Buch von Gaelano gelesen, nachdem Hugo Chavez es ihm sehr freundlich uebereichte und empfohlen hatte. Galeano schrieb das Buch vor vierzig Jahren als wir alle noch emotionale ideologische Illusionen hatten. Doch das Buch ist heute noch, und wird fuer immer verbleiben, ein Werk welches eine einmalige Einsicht in die Vergangenheit Lateinamerika bietet. Inzwischen hat eine ganz nuechterne unideologische Linke in Lateinamerika die Lage soweit ziemlich veraendert: Nach den katastrophalen "Ratschlaegen" der USA Wirtschaftsexperten - hatten sich die Latinos auf ihre eigenen Volkswirte verlassen und soweit segelt ein wichtiger Teil von Lateinamerika in "unabhaengiger" Richtung von den alten Kolonialherren in Nordamerika und Europa. Die Entwicklung von China, Ostasien und Naher Osten - als Wirtschaftspartner ist auch eine neue Realitaet. Und alles waehrend der "Hemispheric Leader" sich so schoen im Nahen Osten und Zentralasien beschaeftigt: Das war zur Zeit der Verfassung des Buches vor vierzig Jahren nicht voraussehbar. Weiter wichtige Blicke auf Lateinamerika und seine Geschichte bietet German Arcienegas "Kulturgeschichte Lateinamerikas", und die Buecher von Garcilaso de la Vega - welcher in der Familie seiner Mutter einer Inkaprinzessin aufwuchs. Wie die "ersten" Europaer ihr Wirken in den Amerikas, in grossen Einzehlheiten, beschreiben - ist uns von Bernal Diaz del Castillo erklaert worden in "Geschichte der Eroberung von Mexiko". Im Gegensatz zu den Englaendern welche immer die "Apartheid" gegenueber den Indigenen ausuebten, waren die Spanier und Portugiesen auch persoenlich sofort fuer private "Intergrierung" bereit. Die Kommandeure heirateten sofort die Toechter der Azteken und Inka-Kaiser und regionalen Indigenenfuersten. In seinem Testament hinterliess Hernan Cortes sein Vermoegen an alle seine Kinder , auch die von indigenen Frauen in Kuba und Mexiko.

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