Am Mittwoch lief in der St. Petersburger Werft »Baltische Fabrik« weltweit das erste schwimmende Atomkraftwerk vom Stapel. An der Zeremonie nahmen, so die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti, der Chef der Föderalen Agentur für Atomenergie »Rosatom«, Sergej Kirienko, die Gouverneurin von St. Petersburg, Valentina Matwienko und der Generaldirektor des Konzerns Rosenergoatom, Sergej Obosow, teil.
Die Stimmung ist euphorisch, in der Atomwirtschaft träumt man von einer Serienproduktion und Aufträgen rund um den Globus. Gerade in Südafrika, Stadtstaaten wie Hongkong oder Singapur und in Inselstaaten sieht Nikolaj Kuselew, Fachmann für Atomfragen in der Russischen Staatsduma, laut Nachrichtenagentur »regnum.ru« potenzielle Kunden für die schwimmenden Atomkraftwerke Made in Russia.
2012 soll die »Akademik Lomonossow« in Murmansk mit atomarem Brennstoff beladen werden, anschließend geht es auf dem Seeweg weiter nach Kamtschatka im Fernen Osten Russlands, wo das AKW dann erstmalig Strom produzieren soll, berichtet die russische Internetseite der norwegisch-russischen Umweltorganisation »Bellona«.
Das mit zwei 35-Megawatt-Reaktoren bestückte schwimmende AKW ist für 38 Jahre ausgelegt. 64 Personen pro Schicht werden auf dem 140 Metern langen und 30 Meter breiten schwimmendem Kraftwerk arbeiten.
Einer der schärfsten Kritiker des Projektes ist der Gouverneur von Kamtschatka, Alexej Kusmizkij. »Man hätte sich erst einmal von der wirtschaftlichen Notwendigkeit und dem Nutzen des Projektes überzeugen müssen.« schimpft der Gouverneur gegenüber einer Lokalzeitung der fernöstlichen Halbinsel. »Ich jedenfalls bin zu der Überzeugung gekommen, dass die wirtschaftlichen Fragen dieses Projektes nicht gelöst sind. Das schwimmende Atomkraftwerk soll seinen Strom in unser Netz einspeisen. Doch wir haben hier ein Überangebot an Strom« so der Gouverneur, der auch Russlands Energieminister Sergej Schmatko von der Sinnlosigkeit des Projektes zu überzeugen versucht hatte.
Darüber hinaus bemängelt der Gouverneur, dass die Entscheidung ohne vorherige Befragung der Bevölkerung vor Ort getroffen worden wäre. »Ich bestehe auf öffentlichen Anhörungen in Petropawlowsk: der Bau eines schwimmenden Atomkraftwerkes ist ein so schwerwiegender Schritt, dass ich hier keine Entscheidung treffen kann, ohne zuvor die Bevölkerung befragt zu haben« so Kusmizkij.
Vladimir Slivjak, Co-Vorsitzender der Umweltorganisation Ecodefense, ist entsetzt über den AKW-Stapellauf. Dieser gefährde das Prinzip der Nichtverbreitung von atomwaffenfähigem Material, so Slivjak gegenüber dem ND. Der in den Schiffsreaktoren eingesetzte Brennstoff sei höher angereichert als in anderen AKW. »Und was geschieht mit dem schwimmenden Atomkraftwerk bei einem Tsunami?« fragt Slivjak im Gespräch mit dem ND rhetorisch und erinnert an den Tsunami Ende 2004 in Thailand. Auch Thailand sei als möglicher Käufer eines schwimmenden Atomkraftwerkes im Gespräch. »Und was, wenn die Lagerkapazitäten für Atommüll am schwimmenden Kraftwerk erschöpft sind? Wird dann der weitere Atommüll einfach in das Meer gekippt?«.
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