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Europäisches Sozialforum

»Wir wollen ein Europa der Arbeit«

Interview mit Süleyman Celebi

Süleyman Celebi ist Vorsitzender der Konföderation der Revolutionären Arbeitergewerkschaften (DISK). Die DISK ist einer der drei großen Dachverbände der türkischen Gewerkschaftsbewegung. Mit Celebi sprach Jan Keetmann.
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ND: Welche Themen beim ESF waren Ihnen besonders wichtig?
Mich persönlich hat am meisten interessiert, etwas über die Auswirkungen der Krise zu erfahren, über die gestiegene Arbeitslosigkeit und wie das gelöst werden kann. Außerdem hatte ich Interesse an Begegnungen mit anderen Gewerkschaften und an Umweltthemen.

Möchten Sie die Verbindungen mit Gewerkschaften in anderen europäischen Ländern ausbauen?
Wir hatten schon früher sehr gute Beziehungen und haben die Solidarität nach dem Militärputsch 1980 nicht vergessen. Es gibt zwei Europas – das der Arbeit und das des Kapitals. Wir wollen unsere Arbeitskraft zusammenschließen, um das Europa der Arbeit auszubauen.

War die Krise in der Türkei anders als im übrigen Europa? Es gibt doch sicher einen Unterschied zu Griechenland?
Das, was Griechenland jetzt erlebt, hatten wir im Jahr 2001 mit der türkischen Bankenkrise. Seit der Gründung des IWF hatte die Türkei fast ständig mit ihm zu tun. Von der letzten Krise sagte unser Ministerpräsident, sie habe die Türkei nur wie eine Tangente gestreift. Er hat recht – aber nur, was ihn und seine Leute angeht.

Es gibt ein paar günstige Wirtschaftsdaten, aber die sind künstlich. Dem Land geht es erst gut, wenn Arbeitslosigkeit und Armut abnehmen. Das ist nicht der Fall.
Ein Beispiel möchte ich nennen: Vor zwei Jahren haben die 500 größten Firmen der Türkei ihre Gewinne um 162 Prozent gesteigert, zugleich entließen sie 43 000 Arbeiter. Bei uns sind offiziell 2,5 Millionen Menschen arbeitslos, mit Familien sind rund 10 Millionen betroffen. Das ist die Einwohnerzahl Griechenlands.

Die Türkei gehört zu den Ländern, die von der Krise am schwersten betroffen sind. In Deutschland ist die Arbeitslosigkeit aufgrund politischer Maßnahmen nicht so sehr gestiegen wie bei uns.

Die Krise hatte noch eine andere Wirkung: Die türkische Regierung hat deswegen eine Reform des Gewerkschaftsrechtes verschoben ...
Seit 27 Jahren sagt jede Regierung jedes Jahr, wenn wir kommen, dass sie im nächsten Jahr die Gesetze ändern werde. Nichts ist geschehen. Aber Erdogans AK-Partei muss man einen wirklichen Erfolg zubilligen. Sie hat es geschafft, alle in Europa davon zu überzeugen, dass sie die einzige Partei in der Türkei ist, die für Demokratie kämpft. In Wirklichkeit tut sie das gar nicht – nicht, was die kurdische Frage betrifft und nicht bei den Gewerkschaftsrechten.

Die Gewerkschaften haben nicht einmal auf dem Papier Rechte. Wir wären schon froh, wenn wir nur die Rechte aus der Zeit vor dem Militärputsch von 1980 wieder hätten. 1980 hatte die Türkei 42 Millionen Einwohner und 2,5 Millionen aktive Gewerkschafter. Heute hat sie 72 Millionen Einwohner aber nur 700 000 organisierte Gewerkschafter.

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