Von Niels Seibert
07.07.2010

Perspektiven autonomer Politik

Lesebuch zum aktuellen Stand der Bewegung

Autonome gibt es in der Bundesrepublik seit etwa 30 Jahren. Ein Parteiprogramm oder Mitgliederlisten hatten sie nie. Die Bewegung zählt zum undogmatischen, fundamentaloppositionellen Teil der Linken und hat deswegen öffentliche Präsenz erlangt.

Schlicht mit »Autonome und antiimperialistische Gruppen« waren in den 1980er Jahren zahlreiche Aufrufe unterzeichnet und das hieß für viele: Meine Leute werden dort sein, da komme ich auch hin. Obwohl man auch vehement miteinander stritt, ging man gemeinsam beispielsweise gegen den Besuch von US-Präsident Ronald Reagan 1982 oder die IWF- und Weltbanktagung 1988 in Westberlin auf die Straße, meist ergänzt durch ein militantes Begleitprogramm.

Während heute kein Flugblatt mehr mit »antiimperialistische Gruppen« unterzeichnet ist, gibt es nach wie vor Personen und Zusammenschlüsse, die sich als autonom bezeichen. Einige von ihnen und andere radikale Linke interviewte die Herausgebergruppe ak wantok.

Teilbereichskämpfe

In ihrem Buch »Perspektiven autonomer Politik« dokumentiert sie diese Gespräche mit Experten autonomer Themenfelder wie Freiräume, Geschlechterverhältnisse, Antifa, soziale Frage oder Ökologie. Das Buch illustriert damit nicht nur die inhaltliche Vielfalt, sondern liefert auch eine umfassende Zusammenstellung zum aktuellen Zustand der Bewegung.

Vielversprechend ist dabei der im Kapitel Antimilitarismus aufgeworfene Vorschlag, einen zentralen »Kristallisationspunkt antimilitaristischer Bewegung« auf europäischer Ebene zu schaffen und damit »einen sozialen Ort (z. B. ein jährliches antimilitaristisches Camp)« in unmittelbarer Nähe einer militärischen Einrichtung, wo sabotierend in Kriegsabläufe eingegriffen werden kann.

Die häufig zu einzelnen inhaltlichen Themen aktiven Autonomen verbindet – über die gemeinsame Bezeichnung hinaus – eine Kritik an den herrschenden Verhältnissen. Häufig fehlt jedoch der Blick über den eigenen Tellerrand, weshalb auch in dem Buch bestimmte Fragen gar nicht erst aufgeworfen werden, beispielsweise wie die gesellschaftlichen Verhältnisse ins Wanken zu bringen sind oder – so hieß es noch 1995 – wie eine »Organisation von Gegenmacht« aussehen kann. Stattdessen scheint es eine stärkere Tendenz zu geben, sich im falschen Leben möglichst richtig einzurichten.

Wenig streitsüchtig

Auch die autonome Bewegung ist nicht frei von Meinungsverschiedenheiten und inhaltlichen Ausein-andersetzungen. Die Herausgeber holen aber nicht die jeweiligen Konfliktparteien zu einem Streitgespräch an einen Tisch, sondern Gesprächspartner, die gemeinsam einen harmonischen Mittelweg einschlagen. Mehr kritische Nachfragen hätten zu einem gesteigerten Lesevergnügen beigetragen und womöglich zu lebendigen Diskussionen über die Kontroversen im Buch angeregt.

In der zweiten Hälfte ihrer 30-jährigen Existenz ist nichts vergleichbares zum Stand der autonomen Bewegung erschienen. Insbesondere für politisch interessierte Menschen, die mehr über Autonome der Gegenwart wissen wollen, ist die Neuerscheinung von ak wantok ein bereicherndes Lesebuch.

ak wantok (Hg.): Perspektiven autonomer Politik. Unrast-Verlag, Münster, 406 S., 18 €.

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