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Von Ronny Blaschke, Kapstadt 08.07.2010 / Fußball-WM 2010

Das treffsichere »Sneijderlein«

Hollands Spielmacher führt sein Team ins Finale und kann seinen vierten Saison-Titel holen

Da lag er nun, die Nase in den Rasen gepresst, lachend oder schreiend vor Freude, vielleicht beides. Seine Kollegen sprangen auf ihn drauf, bildeten einen Berg aus Leibern, Frohsinn in Orange. Als sich Wesley Sneijder wieder aufgerappelt hatte, schüttelte er den Kopf, als würde er nicht glauben, was er gerade gesehen, gehört und gefühlt hatte. Und vor allem, was ihm noch bevorstehen könnte: Am Sonntag wird er Darsteller eines WM-Endspieles sein, dem ersten der Niederlande seit 1978. Sneijder kann Weltmeister werden – und König der Superlative.

Vielleicht ist ihm das durch den Kopf gegangen, als er am Dienstag im Halbfinale gegen Uruguay mit dem 2:1 (70.) sein fünftes Tor bei dieser WM erzielt hat, am Ende stand es 3:2. Sneijder könnte nun in einer Zeitspanne von 67 Tagen eine Bilanz erwirtschaften, die den meisten seiner Kollegen in ihrer ganzen Laufbahn nicht vergönnt ist: Mit Inter Mailand gewann er in der abgelaufenen Saison den Pokalwettbewerb Coppa Italia, die Meisterschaft der Serie A und die Champions League gegen den FC Bayern. Die WM könnte die Zeit seines Lebens krönen, er wäre der erste »Vier-Medaillen-Abräumer«, wie die englische Zeitung »Guardian« schrieb. Sneijder sammelt Trophäen wie andere Hirschgeweihe. Dank ihm könnte ein seltsames Wort in die Geschichte eingehen: Quadruple.

Das ist viel Anerkennung für einen Spieler, den seine Kollegen lange als Schlumpf bezeichnet haben, weil er mit 1,70 Meter kleiner ist als die meisten Kicker, aber auch eigenwilliger war, stur und selbstverliebt. Nun steht er für den Erfolg der Holländer. Bondscoach Bert van Marwijk hat aus einem Klub der Diven eine verlässliche Gemeinschaft geformt. »Es ist schwer zu verstehen, dass ein so kleines Land im WM-Finale steht. Wir haben eine Mentalität geschaffen, nicht zu selbstgefällig zu sein«, sagte van Marwijk. »Das war eine Teamleistung.«

Überheblichkeit und Selbstüberschätzung waren mögliche Ursachen gewesen für das Scheitern der Generation um Johan Cruyff in den siebziger Jahren. Spieler Dirk Kuyt kommentierte in Kapstadt nun: »In dieser Mannschaft gibt es auch viele Egos. Aber wir geben uns Raum und akzeptieren uns mit unseren jeweiligen Qualitäten und Unzulänglichkeiten. Darum harmonieren wir als Gruppe.« Eines der größten Egos dürfte Wesley Sneijder haben, der 2009 während eines Spiels gegen Schottland einmal vorzeitig das Stadion verlassen hatte. Trainer van Marwijk regelte die Debatte intern. Seit 25 Spielen oder 22 Monaten ist sein Team unbesiegt.

Es gibt nicht viele Spieler wie Sneijder, geboren in Utrecht, die so eindrucksvoll eine Leidenszeit hinter sich gelassen haben. Noch vor einem Jahr hatte er in seinem ehemaligen Klub Real Madrid viele Probleme. Die Verpflichtung des Portugiesen Cristiano Ronaldo bestimmte die Schlagzeilen, Sneijder zog sich zurück, versank im Formtief, litt unter der Scheidung von seiner Ehefrau Ramona. Er wählte den Notausgang, wechselte nach Italien. Seitdem prägt Sneijder als Ideengeber die Offensive Inters.

Die Kraft, die er in Mailand schöpfte, nutzt er auch in der Elftal, wo er nun am Zenit angelangt ist. In der WM-Vorrunde erzielte er den Siegtreffer gegen Japan (1:0) und das entscheidende 2:0 gegen die Slowakei (Endstand 2:1). Den überraschenden Triumph im Viertelfinale gegen Brasilien (2:1) sicherte er mit zwei Treffern, einem skurrilen Fernschuss und einem Kopfball. »Das treffliche Sneijderlein«, wurde er prompt genannt. Immer wieder tippte Sneijder sich nach dem Tor mit der Hand auf die Stirn, erstaunt darüber, die Hünen der brasilianischen Abwehr übertölpelt zu haben. Als Profi hatte er erst einmal per Kopf getroffen, es war das Produkt eines Zufalls gewesen. Er hatte damals noch in Holland gespielt, wo er 17 seiner 26 Lebensjahre bei Ajax Amsterdam verbrachte.

Sneijder könnte seinem Förderer bei Inter, Trainer José Mourinho, zu dessen neuem Arbeitsplatz folgen: Real Madrid. Doch daran haben Sneijder und Inters neuer Coach Rafael Benítez kein Interesse. Zudem wird Sneijder nach der WM seine neue Partnerin Yolanthe in der Toskana heiraten, auch sie fühlt sich in Mailand sehr wohl. Ob sie trotzdem einen anderen Wohnsitz akzeptieren würde? Manchester United ist angeblich an Sneijder interessiert, und seine WM-Auftritte dürften weitere Anwerbungsversuche nach sich ziehen. Das wissen die Verantwortlichen von Inter und sind einer vorzeitigen Vertragsverlängerung nicht abgeneigt, von 2013 auf 2015, zu erhöhten Bezügen. »Ich fühle mich stark wie nie«, sagt Wesley Sneijder. Praktisch wie ein Weltmeister.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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