Die Wirtschaftsmisere und Probleme mit der Arbeitslosigkeit, die Spanien in den letzten Wochen fest im Griff hatten, schienen wie weggeblasen. »Lassen Sie uns die Krise doch heute einfach vergessen und fröhlich sein«, rief Juan Ramón Lucas, einer der beliebtesten Radiomoderatoren Spaniens, am Donnerstag seine Hörer auf.
Von Galicien im Norden bis Andalusien im Süden hatten das Millionen Spanier schon in der Nacht praktiziert. »Ich kann es nicht fassen. Mein ganzes Leben habe ich darauf gewartet, dass Spanien endlich in ein WM-Finale kommt«, schrie der 38-jährige Santiago auf der Fanmeile neben Real Madrids Bernabéu-Stadion in der spanischen Hauptstadt. Rund 50 000 Menschen hatten dort bei brütender Hitze an einer Riesenleinwand den 1:0-Sieg der Selección miterlebt. Dass ausgerechnet Carles Puyol vom Erzrivalen FC Barcelona das Tor erzielte, war Nebensache. »Viva España, adiós Alemania«, lautete das Motto.
Einige schrieben den Erfolg dem Heiligen Fermín zu, der am Mittwoch in Spanien gefeiert wurde – in Pamplona mit der berühmten Stierhatz. »Die Deutschen werden nun Tintenfisch essen«, meinte ein Fan in Anspielung auf WM-Krake Paul, die in Spanien inzwischen zum Medienstar avanciert ist. »Nun werden wir auch Weltmeister«, ist der 34 Jahre alte Oscar überzeugt. »Die Niederländer sind längst nicht so stark wie die Deutschen.«
Was dann in Spanien los sein würde, demonstrierten viele bereits in der Nacht zum Donnerstag. »Campeones, campeones, oé, oé, oé!«, skandierten Gruppen von Jugendlichen, ehe sie im Herzen Madrids mit einer Pokalattrappe zur Abkühlung in den Brunnen an der Puerta del Sol sprangen.
Die Polizei, die mit einem Großaufgebot zur Stelle war, drückte alle Augen zu. Es sei in Madrid ohnehin friedlich geblieben, teilten die Behörden mit. Randale gab es dagegen in Barcelona, fünf Unruhestifter wurden festgenommen. In Spaniens zweitgrößter Stadt waren die Menschen erbost, weil es dort kein Public Viewing gab.
Der Jubel über den Erfolg aber war allerorts riesig. Auch Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero war aus dem Häuschen: »Was für ein Sprung, was für ein Kopfballtor!«, schwärmte der Barça-Fan über Puyol. »Diese Freude wird dem Land guttun«, ergänzte er angesichts der Finanzmisere.
Davon abgesehen gab es für die DFB-Auswahl fast nur Lob. Und dass Joachim Löw die Überlegenheit Spaniens anerkannte und die Selección gar als Weltmeister sieht, fand große Anerkennung. »Er ist ein echter Gentleman«, waren sich die Kommentatoren einig.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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