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Von Volker Stahl, Hamburg 10.07.2010 / Inland

Zentrum gegen Schickimickisierung

Hamburgs Stadtteiltreff »Centro Sociale« erhält endlich einen Mietvertrag

Das Hamburger »Centro Sociale« gibt es erst seit 2008, doch der selbstverwaltete Stadtteiltreff ist längst eine Institution. Durch zahlreiche Protestaktionen und Info-Veranstaltungen hat er wesentlich dazu beigetragen, dass in Hamburg das Bewusstsein für das Problem der Gentrifizierung in der breiten Öffentlichkeit geschärft worden ist. Inzwischen sieht sich der schwarz-grüne Senat in zahlreichen Stadtteilen mit Bürgerinitiativen konfrontiert, die sich gegen Abrisspläne und kommerzielle Aufwertungstendenzen zur Wehr setzen.

Hamburgs Protestbewegung gegen die Gentrifizierung hat dieser Tage einen bedeutenden Erfolg erzielt. Der selbstverwaltete Stadtteiltreff »Centro Sociale« am Schanzenviertel bekam nach zähen Auseinandersetzungen nun einen Mietvertrag für fünf Jahre mit Option auf weitere fünf Jahre Verlängerung. Damit konnten sich die Anwohner des stark von Mietsteigerung und Ballermannisierung betroffenen Quartiers einen der letzten Freiräume sichern, wo sich Mieterinitiativen, Kulturgruppen und politische Bündnisse treffen können.

Dem aktuellen Vertragsabschluss vorausgegangen war ein einjähriger Kampf mit der privatisierten Stadtentwicklungsgesellschaft (STEG), die das zum ehemaligen Schlachthof gehörende Backsteingebäude treuhänderisch verwaltet. Sie hatte im vergangenen Jahr für die Weiternutzung einen Wettbewerb ausgeschrieben und damit dem »Centro Sociale« wirtschaftlich stärkere Konkurrenten vor die Tür gelockt.

Eine leere Halle

»Der Wettbewerb hatte den Vorteil, dass sich ganz viele Leute für diesen Ort engagiert haben«, betont Centro-Sprecherin Tina Fritsche. Die meisten Mitbewerber waren dann bereits vor der Entscheidung der Jury wieder aus dem Rennen ausgestiegen. Das Centro erhielt den Zuschlag.

Doch auch mit dem neuen Mietvertrag hängt der Bestand des autonomen Nachbarschaftstreffs stark vom Engagement seiner NutzerInnen ab. Denn die Miete für das 500 Quadratmeter große Gebäude beträgt 3800 Euro pro Monat plus rund 3000 Euro für Wasser und Energie.

Etwa die Hälfte des Hauses wird vom alternativen Restaurant »Feldstern« genutzt und finanziert. Der Rest muss durch die Beiträge der zahlreichen Gruppen aufgebracht werden, die die Veranstaltungsräume des »Centro Sociale« beleben. Zu ihnen gehören Attac, eine Erwerbslosenselbsthilfe, die Rote Hilfe und Fans des FC St. Pauli. Auch das Bündnis »Recht auf Stadt« sowie unzufriedene MieterInnen des städtischen Hamburger Wohnungsbaukonzerns SAGA/GWG treffen sich hier in den Räumen an der Sternstraße 2. »Das Spektrum reicht von linksradikal bis zur bürgerlichen Mitte«, resümiert Tina Fritsche. Trotz vieler Unterschiede funktioniere die Zusammenarbeit der bunten Gruppen sehr gut.

Als Fritsche im April des Jahres 2008 die damals leer stehende Halle entdeckte, »war die Stimmung im Viertel noch ziemlich gedrückt«, erinnert sich die 46-jährige Journalistin. »Das Wort Gentrifizierung war eher erst bei Stadtsoziologen bekannt. Eine Bewegung gab es in Hamburg noch nicht.« Gemeinsam mit einer Handvoll Gleichgesinnter wollte sie einen Kontrapunkt zur rasanten Schickimickisierung ihres Viertels setzen.

Sie luden die Anwohner in das freie Schlachthofgebäude ein und waren vom Erfolg überrascht: »Zum ersten Treffen kamen 40 Leute, beim zweiten Termin waren es schon 80«, berichtet Fritsche. »Es gab ein großes Interesse an undefinierten Freiräumen.« Denn in den Straßen ringsherum kletterten die Mieten, Altbauten wurden abgerissen, hochwertige Eigentumswohnungen und postmoderne Bürokomplexe neu gebaut, alternative Szenekneipen durch schicke Latte-Macchiato-Bars ersetzt.

Streit um Musikhalle

Das Schanzenviertel entwickelte sich schon seit Jahren zu einer bundesweit berühmten Shopping- und Ausgehmeile für konsumfreudige Zielgruppen. Alteingesessene Mieter mit geringem Einkommen und Menschen, die den nächtlichen Partylärm nicht mehr hören wollten, verließen den Stadtteil.

In den gut zwei Jahren seines Bestehens hat das »Centro Sociale« durch zahlreiche Protestaktionen und Info-Veranstaltungen wesentlich dazu beigetragen, dass in Hamburg nun das Bewusstsein für das Problem der Gentrifizierung in der breiten Öffentlichkeit deutlich geschärft worden ist. »Das Bündnis Recht auf Stadt hat seit vergangenem Jahr einen unglaublichen Eindruck auf die Politik gemacht«, sagt Fritsche. »Wir haben gezeigt, dass es Möglichkeiten gibt, etwas gegen die Gentrifizierung zu tun.«

Inzwischen sieht sich der schwarz-grüne Hamburger Senat in zahlreichen Stadtteilen mit Bürgerinitiativen konfrontiert, die sich gegen Abrisspläne und kommerzielle Aufwertungstendenzen zur Wehr setzen. Neuester Streitpunkt ist die geplante Ansiedlung einer weiteren Musikhalle auf St. Pauli, dort wo bis Ende Mai die Handelskette Real ein großes Kaufhaus unterhielt.

Noch mehr Lärm befürchtet

Anwohner protestieren gegen die mangelnde Bürgerbeteiligung und fürchten noch mehr Verkehrschaos sowie Partylärm. Das »Centro Sociale« auf der gegenüberliegenden Straßenseite dient auch hier als Treffpunkt für die aufmüpfigen Nachbarn und will auch in Zukunft den Investoren und Stadtplanern Paroli bieten.

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