Von Marion Pietrzok
13.07.2010

Die Illusion

Hans Aichinger in der Berliner maerzgalerie

Ausführung heißt nicht Ausführlichkeit. Kunst gibt nicht breite Bettelsuppe, sondern Extrakt.
Max Liebermann

Der eine hat seinen reichen Ruhm, dem anderen geht es eigentlich auch nicht schlecht. Fast nur des einen Namen kennt die eilige und oberflächliche Kunstkritikerschaft seit Ausrufung der »Leipziger Schule«: Neo Rauch. Ach, dieses so werbe-griffige und marktwirksame wie falsche Kürzel, weil es Sammelbezeichnung sein soll für die doch so unterschiedlichen Handschriften und Techniken in der jahrzehntelang geschmähten figürlich-realistischen Kunst, wie sie in Leipzig mit einigen prägenden und auch außerkünstlerisch bekannt gewordenen Persönlichkeiten hervorgebracht wurde. – Peinlich, dieser Begriff, aber es hilft nichts, als Außensignal muss man ihn dennoch benutzen. – Dollar- und Euro-schwer wie Rauch, der durch Talent und Umstände weltbekannt wurde, sind andere seiner Provenienz auch, und doch haben sie nicht diese Bekanntheit. Wie es eben so ist mit Phänomenen.

Auch Hans Aichinger hat einen Namen. Er ist allerdings Phänomen anderer Art. Der 51-Jährige, geboren in Leipzig, studierte vier Jahre an der Kunsthochschule seiner Heimatstadt. Die also inzwischen berühmt ist und eng verbunden mit dem Namen seines Lehrers Bernhard Heisig. Gerühmt ob ihrer Einzigartigkeit der Malerei-Ausbildung im vereinten Deutschland. Wer hier Malerei gelehrt bekam, konnte sich der gründlichen Vermittlung klassischen Handwerks sicher sein. Wenigstens das. Und einige eben konnten malen. So einer ist Hans Aichinger.

Disziplinierter, besessener Arbeiter, ist er im Laufe der Jahre sämtliche Stile durchgaloppiert, was immer Pinsel, Farbe, Leinwand hergaben. Es gab eine Zeit, da hielt man eine Ausstellung einzig seiner Werke für eine Gruppenexposition. Ein ständig zweifelnder Forscher ist Aichinger, einer mit dem tiefen Ernst eines Clowns.

In seiner Soloschau in der Berliner Dependence der maerzgalerie sind neueste seiner Ölgemälde zu sehen, die samt und sonders höchstes handwerkliches Können beweisen. Wie Abfotografiertes, wie mit dem scharfen Objektiv einer Kamera Festgehaltenes nimmt den Raum der großformatigen Leinwand ein, ja, den Raum: die Zweidimensionalität der Fläche scheint aufgehoben. Aber nicht allein die figürliche Komposition erzeugt die 3D-Illusion, es liegt am Geheimnis der exzellenten Malerei: Schicht um Schicht wird Lasur aufgebracht, sorgsam, dass nicht ein Farbtröpfchen auf den Atelierboden fallen würde, das Ganze mit Imprimatur versehen. Das macht die Aura der Gemälde, die gleichsam modellierte Luft sind. So sehr auch die Figuren angehaltene Zeit spiegeln – diese Luft ist in Bewegung, flachen Atmens gleich. Härte und Schmelz in verwirrendem Zugleich. Das weckt die Lust, irgendetwas an ihnen zu zerzausen.

Auf den Bildern sieht man etwa lebensgroße Halbfiguren, einzeln oder zu zweit, in verschiedener Paarung: Eine junge Frau, eine ältere, die ihre Mutter sein könnte, ein junger Mann, das ist das ganze Personal. Die Kleidung, der Mann zum Beispiel in einem viel zu blauen Blouson, ist von Motiv zu Motiv gleich. Einen Hinweis auf die Situation der Figuren gibt, wenn überhaupt, jeweils ein einziges Requisit: eine Tischplatte (im Detailanschnitt), ein Stuhl, ein Kasten, ein aufgeschlagenes Buch, ein Stück einer Matratze, auf kahlem Boden liegend. Die Körperhaltungen sind unexaltiert: ruhiges Stehen, Sitzen, Knien, Liegen. Diese Menschen sind versunken in ihren Moment des Handelns, in sich selbst. Sie haben keinen Anlass anzunehmen, dass sie vom Betrachter der Bilder angeschaut werden könnten. Ihre Hermetik ist beachtlich. Und da sie uns vom Voyeurstatus entbindet, lassen wir uns auf diese Versuchsanordnungen ein: Wir erleben Ruhe, Stille. Brauchen keinen Inhalt ins Bild hineinzugeheimnissen.

Hans Aichinger ist ein junger alter Meister. Wie er die Falten des perlmuttfarbenen, gestärkten und scharf gebügelten Tischtuchs knistern lässt, wie er in der Art fast eines Anatoms jeder Schicht der Press-Spanplatte eines Möbelstücks wie der leeren, absolut leeren Kiste eine Feier der Genauigkeit schenkt, jedem Licht- und Schattenspiel noch des letzten Haars seine spitzpinselige Geduld widmet, das hat Klasse. Ein Anblick zum Schwelgen – trotz der Leblosigkeit und Profanität des jeweiligen Objekts.

Dreidimensionalität, Tiefe in Perfektion, dieses Licht, dieser Schatten – das ist noch nicht das allein Anziehende. Vielmehr ist es diese kaum zu fassende Übergenauigkeit. Und sie verströmt eine Schwere, die sich dem Betrachter in jede Faser seiner Muskulatur senkt. Den Augen bleibt nichts anderes übrig, als sich diesem Kondensat von Vertrautheit und Fremde hinzugeben: Eine eigentümliche Gebanntheit, und sie wird von den Titeln der Gemälde noch verstärkt: zum Beispiel »Die Weltheit der Welt« für ein Still-Leben aus Kasten und einem, der hineinguckt, oder »Les certitudes du Realisme«. Demütig muss man sich eingestehen: Was man hier sieht, ist noch lange nicht das, was es ist.

maerzgalerie Berlin, Sophienstraße 21: Hans Aichinger. Ein Missverständnis. Bis 24.7., Di-Sa 11-18 Uhr

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken