16.07.2010
ND-Pressefest

»Flipper« und die Schweine auf dem Grill

Debatte beim ND-Pressefest: Wie lebendige Kreaturen zur Ware erklärt und der gewalttätigen Willkür des Menschen ausgeliefert werden

»Elend ohne Ende? – Der Kampf um Tierschutz und Tierrechte« war das Thema einer Diskussion am 19. Juni auf dem Fest der Linken/ND-Pressefest in Berlin. Es debattierten: Dr. Edmund Haferbeck, wissenschaftlicher Berater der Tierrechtsorganisation PETA; Dr. Hanna Rheinz, Publizistin, Initiative Jüdischer Tierschutz; Alexander Süßmair, Bundestagsabgeordneter, DIE LINKE; Susann Witt-Stahl, Journalistin, Tierrechtsaktion Nord ; und Ingolf Bossenz, ND-Redakteur. ND dokumentiert eine redaktionelle Zusammenfassung dieser Gesprächsrunde.
Der letzte Gang: Schweine auf dem Weg in die Tötungshalle
Der letzte Gang: Schweine auf dem Weg in die Tötungshalle

Bossenz: Ist es angesichts des weltweiten menschlichen Elends eigentlich opportun, dass wir hier über das Elend der Tiere reden?

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Diskussion in der Kulturbrauerei: Haferbeck, Rheinz, Bossenz, Witt-Stahl, Süßmair (v. l.)

Witt-Stahl: Es ist ein tragischer Irrtum in der Zivilisationsgeschichte, dass das Elend der Tiere mit dem Elend der Menschen nichts zu tun hätte. Diese scheinbar unterschiedlichen Sphären des Elends sind in Wahrheit eine einzige Sphäre. Man sieht beispielsweise an Umweltkatastrophen, wie eng das Leiden der Tiere und das Leiden der Menschen miteinander verknüpft sind. Zur – übrigens auch von Karl Marx geforderten – notwendigen Versöhnung des Menschen mit der Natur gehört für mich in allererster Linie das Ende des Krieges gegen die Tiere. Wir müssen uns daran erinnern, dass wir eine ganz wesentliche Eigenschaft mit Tieren teilen, nämlich den Besitz eines quälbaren Körpers. Und jeder Mensch, der Schmerzen fühlt, wird ja auf diese Weise daran erinnert, wie sehr er mit den Tieren verbunden ist.

Rheinz: Ich bin überzeugt, das Gewaltverhalten, das Menschen Tieren gegenüber zeigen, ist aufs Engste mit der Gewalt verknüpft, die Menschen untereinander ausüben. Und dies betrifft das Denken, Handeln und auch die Sprache: Kurz bevor ein Mensch einen anderen umbringt, kurz bevor Menschen Kriege gegen andere Völker beginnen, erklären sie einander zum Tier. Und durch diese Erniedrigung geben sie einander zum Töten frei. Das ist der Alltag der Tiere, zu Tieren erklärt zu werden, die man töten darf!

Bossenz: Tierschutz ist ein sehr ambivalenter Begriff. Dahinter steht unter anderem ein Regelwerk, unter welchen Bedingungen Tiere gefangen gehalten, gequält und getötet werden dürfen.

Süßmair: Es gibt die rechtliche Ebene, mit der wir uns in der Politik befassen. Sie regelt den Umgang und – ich sage es jetzt mal zugespitzt – die Handhabung und Benutzung von Tieren. Dann gibt es für mich eine gesellschaftliche Ebene, da geht es um Ethik. Wir als Parlamentarier werden natürlich in erster Linie mit der rechtlichen Ebene konfrontiert. Die LINKE vertritt die Meinung, dass wir in der Gesellschaft einen Diskurs brauchen, wie wir mit der Natur, mit den Tieren umgehen. Eine Verpflichtung für die LINKE ist, sich nicht nur um die soziale Lage und die Rechte der Menschen zu kümmern, sondern auch für Rechte und Wohlbefinden von Tieren zu kämpfen. So sollten Tierversuche grundsätzlich verboten und nur in Ausnahmen genehmigt werden.

Bossenz: Die LINKE fordert in ihrem Programmentwurf nur, dass »Tierschutz konsequent durchgesetzt« wird. Ein wenig dürftig ...

Süßmair: Ja, da stimme ich voll zu. Das haben wir Agrarpolitiker der Partei auch gleich negativ angemerkt, als der Entwurf veröffentlicht wurde, und wir werden da auch ganz bestimmt Abhilfe schaffen. Denn wir sind der Meinung, dass gerade die LINKE verpflichtet ist, Position zu beziehen, wie wir uns Ernährung vorstellen, wie wir uns Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion vorstellen. Und dass wir weniger Fleisch essen sollten, ist nicht nur ein gesundheitlicher Aspekt, es geht auch um die Umwelt und die Art und Weise der Produktion. Tierfabriken mit Zehntausenden Tieren sind für uns linke Agrarpolitiker kein vernünftiges Maß mehr.

Haferbeck: Aber warum wird seitens der Politik nicht endlich die verminderte Mehrwertsteuer für Fleisch- und auch Milchprodukte abgeschafft, mit der letztlich Tierleid subventioniert wird?

Süßmair: Auch darüber muss diskutiert werden. Aber die Menschen müssen diese Lebensmittelpreise dann auch bezahlen können. Und deshalb kämpft die LINKE für Mindestlohn, für Anhebung der Hartz-IV-Regelsätze, für gute Gehälter. Und wenn das erreicht ist, kann man auch über eine Anhebung der Mehrwertsteuer für tierische Produkte nachdenken.

Bossenz: Es geht in unserer Debatte auch um Tierrechte. Was steckt in bzw. hinter diesem Begriff?

Rheinz: Im Judentum gilt seit je der Grundsatz: Tier und Mensch stehen auf einer Ebene der Schöpfung und haben entsprechende Rechte. Beider Leben gilt als heilig, es ist schützenswert. Diese Tierrechtsidee findet sich auch in einigen anderen Religionen. Daher sollten die Menschen ihre eigenen kulturellen Traditionen hinterfragen und nach jenen Werten suchen, die wegführen von der totalen Ausbeutung der Tiere.

Haferbeck: Es geht ausdrücklich nicht darum, Tiere zu vermenschlichen oder ihnen zivilisatorische Rechte zu gewähren. Tiere brauchen weder Wahlrecht noch Religionsfreiheit. Tiere brauchen zwei wesentliche Rechte: Das Recht auf körperliche Unversehrtheit und die Wahrung ihrer Würde. Ethik ist nicht teilbar. Und deshalb können wir keinen Unterschied machen zwischen Tierversuchen, Massentierhaltung, Jagd usw.

Bossenz: Tierschutz bedarf also der Ergänzung durch Tierrechte?

Witt-Stahl: Tierschutz heißt: Weniger Tiere in einer Massenhaltungsanlage, reduzierte Tiertransportzeiten etc. Für mich ist das zu kurz gegriffen. Wir brauchen eine fundamentale Kritik am Mensch-Tier-Verhältnis. Wir brauchen eine Kritik an der unerträglichen Tatsache, dass Tiere Ware sind. Schließlich stehen gigantische Profitinteressen hinter dem milliardenfachen industrialisierten Tiermord, der tagtäglich in der westlichen Welt stattfindet. Ich will damit sagen, dass Tierschutz, wie er hier realpolitisch diskutiert wird, natürlich einzelnen Tieren hilft, dass er Leiden verringert. Aber damit wird auch, und das ist die Dialektik dieses Tierschutzes, das Gewissen der Gesellschaft beruhigt. Wenn Tierschutz konsequent betrieben wird, müsste er diese Politik der kleinen Schritte nicht als Erfolge feiern, sondern kommunizieren als etwas, mit dem man sich nie und nimmer zufrieden geben kann. Das Ziel muss sein, dass Tiere keine Ware mehr sind. Und das Ziel muss sein, dass es keinen Kapitalismus mehr gibt. Denn so lange Kapitalismus herrscht, sind Tiere Ware.

Rheinz: Die Menschen sind aufgefordert, sich ihrer Konsumsucht bewusst zu werden. Sie ist ja nicht nur ein Problem der Profitgier in der Wirtschaft. Sie zeigt sich darin, dass Menschen immer mehr haben, immer mehr essen wollen. Fleischesser sehen nur das Äußere: wie Fleisch zubereitet wird, wie es riecht. Doch was liegt da eigentlich auf dem Teller? Jeder normal empfindende Mensch muss doch erkennen: Das ist nicht unsere Nahrung. Das können, das wollen wir nicht essen. Wir essen keine toten Körper. Wenn wir uns vor Augen halten, dass Leichenteile auf dem Teller liegen, können wir die Gier nach immer mehr Fleisch in den Griff bekommen. Was zählt, sind nicht alte Traditionen und Rezepte, sondern es geht um Lebewesen. Tiere sind Geschöpfe mit dem Recht zu leben – und nicht in Fleischfabriken zu vegetieren.

Bossenz: Ohne massenhafte Nachfrage würden diese Fleischfabriken wohl nicht produzieren.

Haferbeck: Womit der sogenannte Verbraucher auch die Macht hat, das gesamte System, über was wir hier reden, auslaufen zu lassen. Man isst dann eben keine Fleischprodukte und möglichst auch keine Milchprodukte. Es gibt dafür so viele pflanzliche Alternativen mittlerweile. Und wenn es um Kapitalismuskritik geht, sollte nicht vergessen werden, dass die Fließbandproduktion nicht von der Autoindustrie erfunden, sondern dort nur jene Technologie übernommen wurde, die in den riesigen Schlachthöfen wie in Chicago längst etabliert war. Es geht um Ausbeutung im ganz großen Stil, bei der Tiere ebenso wie Menschen auf der Strecke bleiben.

Bossenz: In Deutschland und vor allem weltweit werden immer mehr Tiere für den Verzehr geschlachtet. Die Verbraucher verweigern sich nicht.

Witt-Stahl: Der Kapitalismus hat auch ein industriell produziertes Bewusstsein geschaffen. Die Frankfurter Schule nannte das Kulturindustrie, Bewusstseinsindustrie, Vehikel des Massenbetrugs. Und dieses Phänomen wird weiter perfektioniert. Wir werden 24 Stunden am Tag zugeschüttet mit Kochsendungen, wo ohne Ende Tiere gebraten werden, mit Werbung für Fleischprodukte aller Art, mit allen möglichen Tiersendungen, in denen aber Tiere meist nur als vernutzbare Objekte präsentiert werden.

Haferbeck: Es wird in den Medien auch sehr widersprüchlich argumentiert, wenn zum Beispiel Tierversuche zwar abgelehnt werden, gleichzeitig aber der Kauf und Verzehr von sogenanntem Biofleisch als gute Tat beworben wird.

Bossenz: Bevor ich heute zu dieser Veranstaltung fuhr, habe ich das Fernsehprogramm durchgeschaltet. Auf einem Sender lief gerade der US-Film »Flipper« und genau ein Sender weiter brachte einen Beitrag über das Grillen. Also einmal menschliche Fürsorge um ein intelligentes Säugetier und einmal das Zerstückeln, Braten und Verzehren intelligenter Säugetiere, die Schweine ja durchaus sind.

Rheinz: Die Menschen haben die Begabung, Dinge auszublenden, die sie nicht wissen wollen. Es gibt allerdings auch eine kollektive Amnesie. In indischen Restaurants werden heute jede Menge Fleischgerichte angeboten. Es gerät zunehmend in Vergessenheit, dass Indien eine vegetarische Kultur ist. Und mit wachsendem Wohlstand und der Übernahme westlicher Gepflogenheiten wird immer mehr Fleisch gegessen. In China ist es ähnlich. Im Judentum liegt der Schlüssel für diese kollektive Amnesie: Neben dem vegetarischen Schöpfungsbericht gibt es einen, der Fleisch erlaubt. Der vegetarische wurde vergessen. Dabei gibt es viele Hinweise darauf, dass das Verbot, Blut zu verzehren, zurückgeht auf das Verbot, Fleisch zu verzehren. Heute ist von dieser Erinnerung nur übrig, dass es reicht, wenn das Tier gut ausblutet.

Bossenz: Seit 2002 steht der Tierschutz im Grundgesetz. Nimmt man das, was bisher in der Diskussion gesagt wurde, hat sich aber nichts Wesentliches geändert.

Haferbeck: An der Struktur der Tierausbeutung und an der Struktur der Profitorientiertheit dieser Branche hat sich dadurch natürlich nichts geändert. Aber zumindest in einigen Randbereichen hat dieser Artikel 20a Verbesserungen gebracht. So gibt es mittlerweile höchstrichterlich verfügte Einschränkungen bei der Berufsfreiheit der Pelztierzüchter. Und in Magdeburg wurde gerade ein Zoodirektor verurteilt, der junge Tiger einfach deshalb umbringen ließ, weil sie nicht reinrassig waren. Das Gericht begründete das ausdrücklich mit dem Grundgesetz.

Süßmair: Auch im Bundestag hilft uns das. Wir können anderen Parteien sagen, das mag ja sein, dass das ein finanzielles Problem für die Unternehmen ist und ihre Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen würde, aber die Verfassung ist höherwertig. Dabei geht es unter anderem um solche Praktiken wie die betäubungslose Ferkelkastration.

Bossenz: Aber bleibt Tierschutz ohne radikale Änderung der Ernährungsgewohnheiten nicht eine illusionäre Angelegenheit?

Süßmair: Gewiss können Politiker nicht darüber entscheiden, ob und wie viel Fleisch gegessen wird. Das muss jeder für sich selbst tun. Wie ich mich übrigens auch bemühe, weniger Fleisch zu essen. Aber an der Debatte darüber, was die gesundheitlichen, ökologischen und nicht zuletzt ethischen Konsequenzen betrifft, muss sich die LINKE beteiligen. Wir müssen uns dieser Frage stellen, sie diskutieren und nicht einfach vom Tisch wischen als Spinnerei mit der Begründung, Fleischessen gehöre eben zu unserer Kultur. In diesen Massen, wie es jetzt geschieht, gehörte es jedenfalls noch nie zu unserer Kultur.

Haferbeck: Es wäre übrigens ein großartiger Fortschritt, wenn im nächsten Jahr beim Fest der Linken hier in der tollen Kulturbrauerei die Bratwürste verschwunden wären und dafür die Sojawürstchen auf die Grills gelegt würden.

Redaktionelle Bearbeitung: Ingolf Bossenz

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