Die Geschichte hat, knapp 100 Jahre nach ihrer Niederschrift durch Franz Kafka, nichts von ihrer rätselvollen Faszination verloren. Was der Prager Schriftsteller per Verfügung einer Veröffentlichung entziehen wollte, wurde ein Welterfolg. Sein Romanfragment, eines von drei hinterlassenen, beschäftigt noch heute die Sinndeuter. Es erlebte 1970 eine erste Theaterfassung, war bereits 1953 zur Oper umgeformt, 1999 gar zu einem Comic geworden, errang Popularität im Film besonders durch Orson Welles. Risikofreudig haben nun Stefan Neugebauer und sein clubtheater berlin für das Stadtbad Steglitz eine Eigenversion erarbeitet.
Auf 90 Minuten wird die surreale Handlung verdichtet. Auch die Personnage wird auf die unentbehrlichen Figuren reduziert. Zügig schreiten so die Dinge voran, konzentrieren sich ganz auf den Irrweg des Protagonisten Josef K. durch die Instanzen eines unfasslichen Gerichts. Durch Gangschluchten der Bad-Unterwelt erreicht man in der Näherei K.’s Mietzimmer. Dort teilt man ihm mit, ein Prozess erwarte ihn.
Noch wähnt sich der Prokurist im Recht, flirtet mit der Zimmernachbarin, findet fast Hilfe bei ihr, tritt sie doch nächstens eine Stelle als Kanzleikraft in einem Anwaltsbüro an. Dann der Abtransport: K. im Maschinenraum vor einem achtlosen Untersuchungsrichter, dem sich willfährig eine Frau anschmiegt. Der Prokurist verteidigt sich flammend, lässt den Richter nicht zu Wort kommen, verschlimmert seine »Sache«.
Zum Sitzungssaal wird das Bassin mit reichlich Hall und den Kabinen, die als Eingänge in geheime Gerichtsräume fungieren. Auf eigenem Podest wartet K., sieht seine Akte herumgetragen. Zeit haben für ihn wieder nur Frauen, so jenes Richter-Kätzchen. Sie weiht ihn in die Organisation der Behörde ein: Mächtigen muss sie zu Diensten sein, mit Duldung ihres Wärtergatten, an Ausbruch denkt sie allenfalls theoretisch. Auch K. ist da, im Gegensatz zum Roman, der Ausweg bereits versperrt. Weder darf er das Gesetzbuch, das ihn verurteilen wird, einsehen noch kann er die Auspeitschung von Wärtern, über die er sich angeblich beklagt hat, verhindern. Unrecht darf geschehen, nicht aber ruchbar werden. Das verstärkt K.’s Schuldgefühle, und überdies, so erfährt er, werden hier aussichtslose Prozesse nicht geführt. Manche warten seit einem Jahr auf Bewilligung.
Übel wird K. da von einer Atmosphäre, die ihn zunehmend lähmt. Prügler, ein offenbar gefragter Job, können die Wärter nicht mehr werden, feixt der amtierende Prügler, als das Richter-Kätzchen mit der Peitsche auf rotem Teppich einherkommt. Schuld an der Misere, weiß sie, sind die hohen Beamten, die jedoch bleiben ungesehen.
In der Sauna trifft K. auf den Gefängniskaplan, der ihn im spitzfindigen Gleichnis vom Landmann, dem lebend der Eingang zum Gesetz verweigert wird, über den Mechanismus der Behörde und die eigene Lage aufklärt: in Michael Hechts beherrschter Darstellung Höhepunkt des Stücks. Die Lüge wird zur Weltordnung, K. abgeführt. Seine Exekution zeigt ein Video.
Fehlt es Fancellu bisweilen an Zwischentönen, weiß insgesamt Neugebauers verknappte Inszenierung nachdenklich zu stimmen. Das ist viel.
Wieder 22.-25., 29.-31.7., 5.-7.8., 20.30 Uhr, Stadtbad Steglitz, Bergstr. 90, Telefon 54 77 31 18
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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