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Die höheren Bildungsweihen erhalten am Ende nur die Wenigsten. Foto. dpa
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Der erste Schritt ist vollbracht. Hanseatisch kühl haben die Hamburger dem großen Reformprojekt des schwarz-grünen Senats einen Riegel vorgeschoben. Respekt. Engagierte Eltern haben es geschafft, dass ein Großteil der Republik nach Hamburg schaute und mitzitterte – für oder gegen den wahrlich waghalsigen Versuch, Kinder nicht mehr im Alter von zehn Jahren in die geordneten Lebensbahnen zu setzen, sondern erst mit zwölf. Und die engagierten Eltern von der Initiative »Wir wollen lernen« handelten nach bestem Wissen und Gewissen im Namen ihrer Kinder. Ihrer eigenen Kinder. Und auch im Namen der anderen. Natürlich.
Doch obwohl sie nun mit dem fulminanten Sieg nicht nur in der Weltstadt Hamburg die künftigen Schul-Verhältnisse und Schüler-Nicht-Verhältnisse bestimmen, sondern auch deutschlandweit Strahlkraft haben werden, so sind sie doch nicht ganz konsequent. Das zentrale Argument, längeres gemeinsames Lernen nütze keinem, ist ja nur das letzte Gedankenglied der langen Selektionslogi(sti)k-Kette. Wenn also die engagierten Hamburger Eltern wirklich »lernen wollen«, dann müssen sie, im Sinne aller Kinder der Republik, mit der nächsten Initiative nachsetzen: es muss darum gehen, die Selektion nicht erst nach der vierten Klasse zu vollziehen, sondern vor der ersten – denn warum sollten wir uns weiter an einen dummen Schul-Kompromiss aus dem Jahr 1919 halten?
Ja, freilich, in gewisser Weise geschieht dies schon heute über die wohnortnahe Grundschule, die von den Erst- bis Viertklässlern besucht werden muss. Aber diese Vorselektion kann und darf uns alle, die das Wohl der eigenen (und der anderen) Kinder vor Augen haben, nicht zufrieden stimmen. Die Trennung muss exakter erfolgen, durch Tests, und zwar vor der Einschulung. Warum müssen die Kinder, die nach der vierten Klasse ohnehin getrennt werden, erst eine vierjährige gemeinsame Leidensschulzeit miteinander verbringen und so Lebens- und Lernzeit verschwenden? Mit der Trennung vor der ersten Klasse würden die Stärkeren nicht erst ab Klasse fünf wirklich durchstarten können, und die Schwächeren würden sich im zarten Grundschulalter keine Illusionen über gemeinsame gymnasiale Gipfel machen, die ohnehin ohne sie erklommen werden. Sollte der Test politisch nicht durchsetzbar sein, schaue man einfach den Bildungshintergrund der Eltern und ihren sozialen Status an – und die Trefferquote für die so selektierte Hauptschüler-Grundschule wie für die Gymnasial-Grundschule würde auch so passen.
Wozu überhaupt eine Grund(volks)schule, das Relikt aus der frühen Weimarer Republik – die ja selbst auch nicht wirklich erfolgreich war? Das Gymnasium, die Real- und Hauptschulen, und, bitte nicht vergessen, das vierte Glied, das fünfte Rad am Wagen, die Sonderschulen – sie alle könnten doch bereits ab Klasse eins beginnen. Sie müssen dies sogar, wenn man allen Sprösslingen gerecht werden will. Oder nicht?
Jein. Eine Selektion vor der Einschulung wäre zwar besser als nichts. Aber es geht noch besser. Denn der eigentliche Schnitt könnte gemacht werden, wenn es noch gar keinen Schnitt, und damit keine unter Umständen schmerzliche Trennung von starken und schwachen Freunden und Freundinnen braucht – also vor dem Kindergarten, und, für diejenigen, die es in Anspruch nehmen, vor der Krippe. Das ginge ganz einfach: Eine staatliche Kommission begutachtet die Ein- bis Dreijährigen, zieht Kinderärzte zu Rate, misst die Dicke des Zahnbelags bei den Ein- und die Sprachgewandtheit bei den Zweijährigen, und schaut, welche Dreijährigen schon bis Vier zählen können. Schon wäre das ganze Gerede, mit dem wir uns jetzt herumplagen müssen, früh und schmerzlos erledigt. Keine Kontakte – keine Konflikte. Und alle haben ihren ordnungsgemäßen Platz. Denn Ordnung muss sein, und Kinder erst mit zehn Jahren zu ordnen, das ist reichlich spät.
Ist das Schul- und Kita-Strukturproblem erst einmal erledigt, können letzte Details nachjustiert werden. Also bitte, wenn möglich, keinen außerschulischen Kontakt zwischen den lernstarken und - schwachen Kindern und Jugendlichen, denn jeder Kontakt bedeutet Einfluss, unter Umständen einen negativen. Daher auch bitte keine längeren Gespräche, außer, wenn es unbedingt sein muss, dann bekommt die schichtspezifische Sprache auch keine Kratzer. Und, wenn es irgendwie geht, auch keine gemeinsamen Sportvereine. Denn es ist nicht gut, wenn sich der gut erzogene Anwaltssohn Stefan beim Kicken ein böses proletarisches Schimpfwort von Max, dem Sohn des Müllmanns, anhören muss, von Mesut, dem Vierte-Generation-Gastarbeiterkind, einen übermotivierten Tritt in die Waden bekommt, oder von Piotr, dem polnischen Spätaussiedler, ein paar aufs Maul für sein anschließendes Gezicke.
Soweit ist es mit der Trennung leider noch nicht. Doch die Engagierten in Hamburg haben uns Weg und Richtung gewiesen, schulisch, und damit gesellschaftlich. Dafür müssen wir ihnen dankbar sein. Doch wir dürfen uns nicht auf dem Erreichten ausruhen, müssen weitermachen. Der Selektion gehörte die Vergangenheit, und der Selektion gehört nun, mehr als viele von uns glaubten, auch die Zukunft. Trennen wir uns und trennen wir unsere Kinder voneinander.
Der Autor ist nach vier Jahren Grundschule in Polen und einer zweijährigen Orientierungsstufe in Niedersachen (die es mittlerweile nicht mehr gibt) erst in der siebten Klasse in die Gymnasial-Anstalt eingetreten.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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