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Von Marina Mai 23.07.2010 / Berlin / Brandenburg

Der Hartz-IV-See

CDU-Stadtrat will den Biesdorfer Baggersee privatisieren, LINKE und Grüne fordern Sozialarbeiter

Badeidylle mit kleinen Schönheitsfehlern ND-
Badeidylle mit kleinen Schönheitsfehlern ND-

Kevin und Jonathan haben die Schwimmflügel übergestreift und unternehmen erste Schwimmversuche. Mutter Bettina Lenk aus Marzahn hilft dabei. »Badehosen und Schwimmflügel habe ich ihnen zum Zeugnis geschenkt«, sagt die Mutter stolz, die von Hartz IV lebt. Und das Versprechen gab's dazu, bei schönem Wetter mit den Kindern baden zu fahren. Statt in den Urlaub, für den das Geld fehlt.

Und das kann sich Bettina Lenk nur hier leisten, am Biesdorfer Baggersee, 150 Meter vom U-Bahnhof Biesdorf-Süd entfernt, wo das Baden nichts kostet. Es kostet nichts, weil der See offiziell kein Badesee ist, sondern ein Wasserrückhaltebecken. Dennoch hat das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf den See als Badesee ausgebaut: Es gibt zwei Strände, Bänke, einen Volleyballplatz und neuerdings auch eine öffentliche Toilette.

Haben sich einst nur einige verwegene Anwohner zwischen den Steinen ins Wasser getraut, so ist der Baggersee inzwischen einer der meistgenutzten Badeseen Berlins. Neben Kindern mit Schwimmflügeln liegen vor allem Jugendliche am Strand. Jugendliche aus der ganzen Stadt. In den Abend- und Nachtstunden belagern sie regelrecht den See, feiern Partys, zünden Feuer an, trinken große Mengen Alkohol und kühlen sich immer wieder im Wasser ab. Leere Bierflaschen schwimmen zwischen den eigentlich idyllischen Seerosenfeldern. Gesprochen wird überwiegend deutsch, vereinzelt auch russisch. Wo sonst in Berlin kann man in U-Bahn-Nähe zum Nulltarif baden?

»Nacht für Nacht sind hier mehrere hundert Jugendliche. Nahezu jeder trinkt Alkohol, ob er 13 oder 18 ist«, beschreibt Ordnungsstadtrat Christian Gräff (CDU), der auch Anwohner ist, die Situation. Die Polizei bestätigt dies. Zweimal pro Woche fänden mehrstündige Jugendschutzkontrollen statt. Allein im Juni wurden 17 Strafanzeigen aufgenommen wegen Diebstahls, Beleidigung und Körperverletzungen. Letzten Sommer gab es ein Tötungsdelikt und einen Mordversuch. In diesem Jahr wäre ein Kind beinahe ertrunken. Rettungsschwimmer gibt es keine, denn offiziell ist der See kein Badesee. Auch Sozialarbeiter wurden bisher nicht aktiv, bestätigt der freie Träger Polis. Polis wird vom Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf in soziale Brennpunkte geschickt.

»Die Situation hat das Bezirksamt der letzten Legislaturperiode verschuldet«, sagt Christian Gräff, der diesem noch nicht angehörte. »Sie haben den Strand angelegt und sich nicht die Konsequenzen überlegt. Seit Jahresbeginn haben wir ein Alkoholverbot verhängt, aber es greift kaum«, sagt er und fordert andere Lösungen. Seine Vorstellung: Den See umzäunen und an einen privaten Betreiber veräußern, der Getränke und Hygieneartikel anbieten kann, aber den Eintritt frei lässt. »Und abends ist dann der Zaun zu, damit die Anwohner dort wieder in Ruhe spazieren können.«

Stefan Ziller, Wahlkreisabgeordneter der Grünen und gebürtiger Biesdorfer, teilt die Analyse von Gräff. »Wenn man einen Strand herrichtet, dann kann das Bezirksamt nicht so tun, als sei das kein Badestrand.« Die CDU-Lösung lehnt er jedoch ab. »Privatisieren ist der falsche Weg. Hier gehört ein Mediationsverfahren her wie an der Kreuzberger Admiralsbrücke.« Außerdem müsse die Wasserqualität gemessen werden. »Das wird sie nicht, weil der See offiziell kein Badesee ist. Er ist aber übernutzt.« Auch der Bezirksverordnete der Linkspartei, Björn Thielebein, lehnt einen Zaun wie das »unwirksame Alkoholverbot« ab und will einen runden Tisch. »Daran müssen nicht nur Polizei und Bezirksamt sitzen, sondern auch Anwohner, die friedlichen Badegäste und Jugendsozialarbeiter.« Der See gehöre der Öffentlichkeit, meint Thielebein. »Die sozialen Probleme, die sich dort abspielen, sind Auswirkungen der Bundespolitik. Wir lösen sie nicht, indem wir sie unsichtbar machen.«

Bettina Lenk und ihre Söhne würden sich auch Ruhe am See wünschen. Dass hier ein privater Betreiber mit Eisverkauf Geld machen kann, glaubt sie nicht. »Wer hier badet, hat doch kein Geld.«

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