Götter, Geister und Geheimbünde
Im Ethnologischen Museum fasziniert »Vodou. Kunst und Kult aus Haiti«
Vodou, in der Fon-Sprache von Benin und Nigeria das Wort für Gott, war nicht nur Kult, sondern gleichsam Fanal für Widerstand und zahllose Sklavenaufstände. Mit rund 350 Objekten bietet eine Ausstellung im Ethnologischen Museum den bislang umfassendsten Einblick in eine geheimnisumwobene Welt. »Vodou. Kunst und Kult aus Haiti« nutzt die über 3000 Exponate zählende Sammlung, die die Schweizerin Marianne Lehmann seit Dezennien aus Vodou-Tempeln vor Ort zusammengetragen hat. Wie ein Labyrinth aus Hartpappe quert man die Ausstellung, dicht folgen die Themen aufeinander, drangvoll wie die Gegenstände in den Altarräumen. Zuvor jedoch dokumentieren Fotos die Zerstörung nach dem großen Erdbeben im Januar 2010. Wieder einmal scheint der Götterglaube ein Ausweg.
Der erste Raum zeigt rituelle Artefakte, in denen Traumbesuche der lwa (Vodou-Geister mit Einfluss auf alle Bereiche des Lebens) umgesetzt wurden: Magische Szenen wie etwa die Erweckung eines Zombies. Über Pfosten betreten die Geister den Tempel und fahren in die Erwählten, die sich dann durch Tanz zu Trommelklang in Medien bestimmter Götter wandeln. Je nach »Nation« der lwa unterscheidet man zwischen den ruhigen rada aus den Yoruba-Kulturen in Benin und den schnellen petwo der Bantu-Kulturen in Kongo und Angola.
Bizarr wirken die figürlichen Darstellungen, ob kostbar paillettenverziert und mit Totenkopf, ob mit Teufelshörnern und Ketten, als Stoffpuppe auf einem Lehnstuhl. Selbst Madonna und Jesusknabe tauchen auf. Der Tod ist allgegenwärtig, auf einem stehenden Sarg, als andere Hälfte eines Mannes, in einer sich windenden Nixe.
Magische Pakte präsentiert eine eigene Abteilung. Das sind sorgsam umwundene, mit Perlen bestickte, düsterbunt drapierte anthropomorphe Flaschen und Krüge, in denen die Priester ihre Naturextrakte für die Trance aufbewahrten. Außer den zu Tempeln gehörenden Gesellschaften gibt es in Haiti bis heute dunkle Geheimgesellschaften von straffer Struktur und militärischer Organisation. Spielten sie eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Franzosen, wurden sie im letzten Jahrhundert von Diktatoren zum Mord an Regimegegnern genutzt. Gespenstischste Abteilung ist eine symbolhafte Armee mit gut 30 Figuren aus Stoff, Holz, Eisen, Licht reflektierenden Spiegelscherben. Einige groteske Gestalten tragen Flügel wie Engel, alle überzogene Köpfe, unter denen mehrfach echte Totenschädel stecken. Furcht flößt soviel geballte Kraft ein. Gegenüber haben Originalobjekte aus einem einzigen Tempel ihr Kabinett, bis in die 1990er wurde er genutzt.
Dass auch Spiegel zur Kontaktnahme mit den Geistern eingesetzt wurden, zeigen sieben gewaltige Exponate. Einige sind Barockobjekte aus Europa. Einer gilt Luzifer, der pferdefüßig mit Totenkopf hoch oben thront oder aus einem Glasauge funkelt, einen anderen bekrönt siebenköpfig eine Schlange. Auch paillettenbestickte Flaggen und jene Mittelpfosten für die Verbindung von Himmel und Erde gibt es zu bestaunen.
Bis 24.10., Ethnologisches Museum, Lansstr. 8, Dahlem, Telefon 830 15 00, Infos unter www.smb.museum/vodou
