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Von Heidi Diehl 24.07.2010 / Reise

Jenseits von Ahlbeck und Heringsdorf

Auf Safari im Usedomer Hinterland: wilde Tiere, geheimnisvolle Wälder, stille Seen und Ruhe satt

So weit das Auge reicht – Felder, Wiesen und Seen, an dene
So weit das Auge reicht – Felder, Wiesen und Seen, an denen man ganz für sich allein sein kann. ND-Fotos: Heidi Diehl

Der beste Platz ist auf dem Dach. Vorausgesetzt, man hält sich gut fest und ist seetauglich. Denn bei einer Safari über Stock und Stein gerät der Landrover schon mal in Schieflage und ins Schaukeln. Dafür aber weht einem da oben selbst bei größter Hitze immer ein frischer Wind um die Nase, und die wilden Tiere entdeckt man vom Hochsitz aus natürlich zuerst. Seeadler zum Beispiel. Gemächlich zieht einer seine Kreise über unseren Köpfen, tief genug, um die abgespreizten Federn an den Schwingen gut erkennen zu können. Durchs Fernglas sieht man deutlich den großen gebogenen Schnabel und die kräftigen Fänge. Gunnar, immer einen lockeren Spruch auf den Lippen, fragt mit breitem Grinsen: »Soll ich ihn mal locken? Dann hol mir doch mal einer 'nen Dackel.«

Der allerdings steht nicht unbedingt ganz oben auf der Speisekarte des Königs der Lüfte, eher sind es Wasservögel und vor allem Fische. Und die findet er auf Usedom reichlich. Möglicherweise ist das ja einer der Gründe, warum sich die Seeadler hier so wohlfühlen. Denn die Insel gehört zu den deutschlandweit wichtigsten Brut- und Überwinterungsgebieten der beeindruckenden Greifvögel, deren Flügelspannweite bis zu 2,70 Meter messen kann. 15 bis 18 Brutpaare ziehen hier alljährlich ihre Jungen groß. Während Gunnar erzählt, dass im strengen Winter 1996 an einer zugefrorenen Fahrrinne einmal 64 Adler gleichzeitig gesichtet wurden, tauchen – wie zum Beweis für ihre Präsenz – drei weitere Tiere am Himmel auf. Mit lautem, »klück, klück, klück« verständigen sie sich. Keiner von uns hat schon einmal Adler sprechen gehört. »Anders kann das Gefühl auch nicht sein, wenn du im afrikanischen Busch zum ersten Mal einen Löwen in freier Natur brüllen hörst«, sagt einer beeindruckt. Und meint wohl: Eine Safari im Hinterland von Ahlbeck und Heringsdorf ist nicht weniger aufregend als irgendwo in Afrika oder anderswo.

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Das meinte vor elf Jahren auch Uwe Fiedler, als er eine Safari auf Zypern machte. »Was dort funktioniert, muss auch zu Hause möglich sein«, sagte sich der heute 58-Jährige. Zurück an der Ostsee begann er, Naturinteressierten das unbekannte Hinterland Usedoms zu zeigen. Viele, die ihn anfangs belächelten, ziehen heute respektvoll den Hut vor ihm, denn die »Insel-Safari« ist längst ein Highlight. Uwes Söhne Gunnar (34) und Hagen (31) sind inzwischen ins Unternehmen eingestiegen. Alle drei zeigen den Gästen auf ganz unterschiedlichen Routen die Natur- und Kulturlandschaft. Rund zehn bis zwölf Stunden sind sie dabei unterwegs, am Ende des Tages fühlen sich alle wie Weltentdecker.

Ein bisschen ist es ja auch so, denn die wenigsten ahnten zuvor auch nur, was es hinter dem 42 Kilometer langen feinsten Sandstrand an der Küste zu entdecken gibt. Wer bis dahin glaubte, man könne einzig in der Ostsee baden, der sieht sich bald eines besseren belehrt. 14 Seen sind quer über die mit 445 Quadratkilometer zweitgrößte Insel Deutschlands verteilt. Mit fünf Kilometer Länge und etwas mehr als einem Kilometer Breite ist der Gothensee der größte von ihnen. Wie alle anderen liegt auch er im Naturpark Usedom, denn die ganze Insel mit ihren 14 Naturschutzgebieten wurde 1999 dazu erklärt.

Neben dem Seeadler sind viele andere wilde Tiere hier beheimatet: Milan, Kranich, Reiher, Biber, Otter, Dam- und Rotwild, Fuchs, Hase, Sumpfschildkröte oder die überaus scheue Kreuzotter. Und Mücken natürlich. Auch das Rote Waldvögelein ist auf Usedom zu Hause, das allerdings ist kein Tier, sondern eine von hier noch zahlreich vorkommenden seltenen Orchideenarten.

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Von unserem Logenplatz auf dem Dach entdecken wir auch Tiere, die zwar nur mit extremer Kurzsichtigkeit und viel Fantasie als wild zu bezeichnen sind, dafür aber einen glücklichen Anblick bieten. Hausschweine beispielsweise, die frei über große Wiesen stromern dürfen. Ein prächtiger Eber genießt sichtlich und hörbar seine Manneskraft, und auch seiner Auserwählten scheint's zu gefallen. Wegschauen? Von wegen! Wann kann man schon mal Schweine sehen, denen es so säuisch gut geht!

Drei Wiesenstücke weiter taucht dann doch noch ein Stück richtiges Afrika auf – Strauße, Nandus und Emus in großen Gehegen.

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Weiter führt die Tour durch einen geheimnisvollen Wald, dicht stehen uralte Bäume, deren tief hängenden Zweigen die Dachhocker immer wieder ausweichen müssen. Hier hört man nichts von Usedoms Wappentier, der Lachmöwe, die morgens um fünf schon so gut drauf ist, dass in den Strandhotels jeder Wecker überflüssig wird. Eher meint man – zumindest, wenn der Jeepmotor aus ist – den Flügelschlag vorbeifliegender Schmetterlinge hören zu können, so still ist es.

Diese Stille zog auch zahlreiche Künstler an, die auf Usedoms schöner Rückseite die Ruhe fanden, die sie für ihre Arbeit brauchten. Der deutsch-amerikanische Maler Lyonel Feininger (1871-1956) zum Beispiel, der zwischen 1908 und 1921 die Sommer mit seiner Familie auf Usedom verbrachte. Viele seiner Bilder entstanden im Hinterland, eines seiner Lieblingsmotive war die Holländerwindmühle von Benz. Später kaufte sie Otto-Niemeyer-Holstein, der 1984 verstorbene Altmeister der norddeutschen Landschaftsmalerei, und ließ sie sanieren. Auf dem Friedhof von Benz hat er seine letzte Ruhestätte gefunden.

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Am Achterwasser machen wir Rast. Uwe baut einen Grill auf, in dessen Pfanne schon bald der Zander verführerisch duftet. Gunnar und Hagen holen aus den Kisten, die den Dachhockern bislang gute Dienste als Rückenstützen taten, Geschirr und Salate, Getränke, Butter, Brot und Marmelade, Wurst und Schinken, Grünzeug und eingelegte Heringe hervor. Wieso das Zeug trotz der Hitze gut gekühlt ist, bleibt ihr Geheimnis. Wem danach ist, der springt schnell mal ins Wasser, das man sich – anders als die Ostsee – nicht mit Tausenden teilen muss.

Erfrischt und gut gestärkt führt die Safari weiter nach Mellenthin, einen Ort für Romantiker. Nicht nur die von mächtigen uralten Eichen eingerahmte Kirche aus dem 14. Jahrhundert ist sehenswert, sondern auch prächtige Alleen und das Wasserschloss aus dem 16. Jahrhundert. Es braucht nicht viel Fantasie, sich vorzustellen, wie einst Schlossherr Rüdiger von Neuenkirchen über dessen steinerne Brücke ritt, die noch immer den Wassergraben überspannt. Heute sind im Schloss ein Restaurant und ein Hotel untergebracht.

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Die Sonne steht inzwischen schon tief, Zeit zum Heimkehren. Doch noch einmal sollen wir richtiges Safarigefühl bekommen. Das letzte Stück geht's über eine Sandpiste. Die auf dem »Hochsitz« verschwinden in einer Staubwolke. Egal: Jenseits vom Hinterland wartet die Ostsee, die alles wieder abwäscht.

Insel-Safari Usedom, Am Hünengrab 26, 17438 Wolgast, Tel.: (03836) 20 32-90, Fax.: -99, Handy: (0172) 31 666 34, E-Mail: info@insel-safari.de, www.insel-safari-de. Die Touren dauern 10 bis 12 Stunden, Preis pro Person inkl. Verpflegung und Getränke 114 € , Kinder bis 10 Jahre 10 €, bis 14 Jahre 25 €

Infos zu Usedom: Usedom Tourismus GmbH, Waldstr. 1, 17429 Seebad Bansin, Tel.: (038378) 4771-10, Fax: -29, E-Mail: info@usedom.de, www.usedom.de

Literatur: Usedom. Mit Insel Wollin, via reise verlag, ISBN: 978-3-935029-38-4, 10,90 €; Usedom, DuMont Reiseverlag, ISBN:978-3-7701-6498-1, 7,95 €

Mehr Fotos zur Inselsafari finden Sie hier

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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