Von Hans-Dieter Schütt
28.07.2010

Lebens heilige Einfalt

Morgen vor hundert Jahren wurde der Grafiker und Zeichner Arno Mohr geboren

Arno Mohr: FAMILIENAUSFLUG – Blatt aus dem Buch »Mein
Arno Mohr: FAMILIENAUSFLUG – Blatt aus dem Buch »Mein Lebenslauf«. Zum 100. Geburtstag des Künstlers erscheint der Band neu im Eulenspiegel Verlag Berlin (96 S., mit einem Nachwort von Lothar Lang, geb., 19,95 Euro). l Malerei und Grafik von Mohr sowie Skulpturen von Sabina Grzimek zeigt die Berliner Galerie Poll (10178 Berlin, Anna-Louisa-Karsch-Str. 9; bis 31. Juli, Di bis Fr 11-18, Sa 11-16 Uhr). l Die Berliner Galerie Leo.Coppi zeigt ab heute, bis 11. September: »Arno Mohr« (10117 Berlin, Auguststraße 83; Di bis Sa 12-18 Uhr). Abb.: aus dem Band,

Schwierig, auf höchste Gipfel zu gelangen. Nicht minder aufreibend: auf den Punkt zu kommen. Arno Mohrs Zeichnungen kommen – genau dahin. Er ist der Punktgenaueste. Unersättlich im Verzicht. Er lässt weg? Nein, er lässt nicht zu. Er lässt dem Unwesentlichen keinen Raum, keinen Spalt, es hat einzudringen keine Chance. Was von ihm erzählt werden soll, geht mit raffiniertester Vergröberung und ebenso raffiniertester Verbindung von Abbild und Abstraktion auf den Strich. So dass der Betrachter ahnt, welch langes Leben vonnöten sein muss, damit mit der Radiernadel eine Kinderzeichnung entstehen kann.

Arno Mohr, den 1910 in Posen Geborenen, habe ich mir immer vorgestellt als Großvater im Film, schon, da er weit jünger war, als es Großväter mithin sind. Als Heinrich Zille oder Otto Nagel seine Großväter hätten sein können. Die großen Väter, die Kumpel im Geist aus den dunklen, schmutzigen Berliner Gegenden. Welt, wo sich heilige Einfalt ausbildet, souveräne Bescheidenheit, wo der Winkel mehr zählt als Weite und die Kleinigkeit des Alltags schon alles ist.

Mohr schwelgt nicht, er schwingt nicht aus, er beschwört nichts, er birst nicht vor Sehnen, er beobachtet das gemächliche, wassertropfen-stete Leben, das Pendeluhren und Bettvorleger, Biergläser auf dem Tisch und Vögel auf den Zweigen hat. Er schaut gern hin, wo Arbeitersinn und Bauernsinnlichkeit sich auftun. Er vergoldet nicht, er humort nicht herum, er beschwert nichts und beschwert sich nicht, er verteilt seine Striche, wie man einen Satz baut und mit Präzisions-Wollust ein Komma setzt. Diese Grafik ist ganz proletarischer Adel der Weihelosigkeit, ein Adel, der weiß, dass das Leben und die Arbeit den Menschen hart anfassen, und dass da kein Grund zum Krakeelen oder Philosophieren ist, sondern nur Grund, hart zurückzufassen und ohne viel Worte das Seine zu tun. Mit Zähnen, die wissen, wann sie zusammengebissen und wann sie lächellocker sein müssen. Mohr: Das ist das Leben eines Schildermalers, Gelegenheitsarbeiters, Soldaten, Professors, Brecht-und-Weigel-und-Cremer-Freundes, Holzschneiders. Die Bücher »Mein Lebenslauf« (1960/61) und die »Tagebuch-Notizen« (1985) geben Auskunft. Seine Meisterschaft lebt in dem, was man unangemessen das kleine Format nennt.

Die Blätter in »Mein Lebenslauf«: Ehrfurcht kann man da besichtigen, vor Werk-Tätigkeit, ob Pflüger oder Bauarbeiter. Mohr zeigt sich auch als Eintretenden in die Akademie, ein liegender nackter Steinhalbgott betrachtet ihn halb staunend, halb misstrauisch vom Sockel, Mohr geht an ihm vorüber, mit Zeichenmappe, man sieht ihn von hinten und stellt sich sein Gesicht vor: vielleicht ein wenig scheu, aber wohl doch auch mit der heiteren Kraft des Lebenden, der noch nicht zum eigenen Mythos gerann und alles tun wird, dies zu verhindern.

Von 1940 stammt eine Theaterszene: »Zeit der Helden«. Mundaufgerissene Ritter-Type, unten im Zuschauerraum ein Sessel, ein Menschlein, das ist Ohnmacht und Ironie gleichermaßen: Den Helden geht immer irgendwann das Publikum aus. Es sackt in sich zusammen, müde oder angstvoll oder übersättigt. Oder wird in den Krieg geschickt. So heißt das nächste Blatt. Auch 1940. Der im Theatersessel saß, verhuckt, eingeschüchtert, er sitzt jetzt im Schützenloch, unterm Helm vielleicht nur noch zwei Ruf-Worte: Mutter!, Gott!

Mohr zeichnet dann den Frieden, der aus einem Spaziergänger-Paar besteht; er zeichnet eine Bootsfahrt unter der Sonne; sogar das Erlebnis einer ersten Bockwurst am HO-Imbiss lässt sich so unprätentiös wie lieblich hinstricheln. In diesen Blättern wird auf Parkbänken gesessen, am Fluss gestanden, im Liegestuhl gelegen; ein Frauenhintern reckt sich, beim Blick in einen Kinderwagen; Dampfer tuckern; ein Junge sitzt ernsten Gesichts beim Klavierüben, während vorm Fenster ein Drachen lufttanzt – schwer ist die Kunst, heiter das Leben. Ein Hund pinkelt, Brecht raucht Zigarre. Auch eine Glühlampe wird in die Fassung gedreht, und wenn das Blättchen dann noch »Mit Cremer auf Usedom« betitelt ist, so kann ein Widerspruch nicht größer sein – jener zwischen Bedeutung, die dich anspringen will (zwei Künstler, zwei erhebliche Geister beisammen in der Geistesarbeit!), und dieser Lampen-Banalität, die ihr Existenzfest feiert. Ohne Erleuchtung keine Kunst, ohne Beleuchtung gar nichts! Da hat man gleichsam, auf einen Blick, die trocken-witzige Widersetzlichkeit, unter der alles Hochfahrende, Heiligenscheinheilige zerbröselt.

Wer Arno Mohr anschaut, wird von Witterungen berührt, es liegt etwas Klagloses in den von ihm gezeichneten Lüften. Die Welt hat ihren Harm und ist zugleich tröstend harmlos. Sie wirkt glaubhaft, weil ihre Fassbarkeit so groß ist wie ihre Zufälligkeit. Noch einmal sehe ich mir die liegende Statue an, daran Mohr vorübergeht, hinein in die Akademie. Jetzt scheint der Liegende diesem Zeichner da hinterherzuschauen und sich zu wünschen, wieder jenes Fleisch zu werden, das dieser Mohr so durchlebt, so schwerelos verschwiegen, so beredt lastentragend aufs Papier zaubern kann. Der feste Stein und sein Sehnlichstes: flüchtig zu sein. Wie Da-Sein auf den Blättern.

Die Zeichnung »Mein Arbeitsplatz« zeigt den Künstler von hinten. Blumentopf auf dem Fensterbrett, Gitarre neben dem Schreibtisch. Tabakspfeife und Likörgläschen. An der Wand die Uhr zeigt fünf nach zwölf. Das ist Lebenszeit immer, es gibt ja nur noch eine einzige andere Zeit von Belang: fünf vor zwölf. Arno Mohr hat in den zehn Minuten dazwischen sein langes Leben gezeichnet, und wir sind beglückt, auf kein bisschen Zierat zu treffen.

Im Jahre 2001 ist Arno Mohr gestorben. Er liegt auf dem Friedhof der Französisch-Reformierten Gemeinde in der Mitte Berlins. Von Peter Hacks stammt der Vers: »Siehe dein Haus, das für lange erbaute,/ Sieh deinen Acker, in Ehren gepflügt./ Stiller das Leben, das vordem so laute,/ Seit dir von ferne sein Anblick genügt.« Und Theodor Fontane schrieb: »So banne dein Ich in dich zurück/ Und ergib dich und sei heiter./ Was liegt an dir und deinem Glück?/ Es kribbelt und wibbelt weiter.«

Es kribbelt, wibbelt weiter. Das ist es, jenes Leben zwischen dem erwähnten Fünf vor Zwölf und dem Fünf nach Zwölf. Bei Mohr zehn Minuten schönster, wortkarger, unbefangen nervöser, friedfertiger, auch friedensgefährdeter Ewigkeit ganz aus Vorläufigem.

Arno Mohr liegt auf dem Friedhof begraben, gebettet zwischen Hacks und Fontane.

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