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Von Henry-Martin Klemt 29.07.2010 / Feuilleton

Der KRETISCHE Dickschädel

Heute wird der Komponist, Sänger und Dichter Mikis Theodorakis fünfundachtzig Jahre alt

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Dieses Buch konnte nichts anderes als ein Oratorium werden, eine Gesamtkomposition vom Präludium bis zum Finale. Rechtzeitig zum heutigen 85. Geburtstag von Mikis Theodorakis hat Asteris Kutulas einen Band vorgelegt, der das Leben des griechischen Komponisten ins Bild rückt: Von Chios nach Paris und zurück nach Griechenland; von Jahren des Widerstands, der Gefangenschaft, Folter, Verbannung und des Exils über Jahre des politischen Engagements in seiner Heimat, des Kampfes gegen die Junta und des Wirkens in einer konservativen Regierung bis zum Doppelleben zwischen Athen und Paris; von der »Klangwelt« der Bombardements, der Schreie gefolterter Frauen bis in die großen Konzertsäle der Welt; von den Anfängen als begnadeter Schöpfer sinfonischer Werke über zwei Jahrzehnte eines expressiven Liedschaffens, von Filmmusiken und Balletten bis zu den späten Opern, die den Blick auf die Antike richten und dabei auf eigene kompositorische Wurzeln neu zurückgreifen. Eine editorische Meisterleistung.

Kutulas, in Rumänien geborener Sohn griechischer Emigranten, ist seit mehr als drei Jahrzehnten Wegbegleiter, Mitarbeiter und Vertrauter des Künstlers. Der in Berlin lebende Herausgeber, Nachdichter und Übersetzer hat wesentlich dazu beigetragen, die Werke von Theodorakis im deutschen Sprachraum zu verbreiten und das Bild dieses Jahrhundertkomponisten aus Klischees herauszulösen, zu weiten und für ein breites Publikum zu erschließen. Nach mehr als 20 CD-Produktionen, zahlreichen Übersetzungen, Büchern, Filmen und anderen Medienbeiträgen ist der Band »Mikis Theodorakis. Ein Leben in Bildern« auch ein Höhepunkt dieser Zusammenarbeit.

Kutulas wählte aus dem ungeheuren Fundus an Material auch Selbstzeugnisse aus, die episodenhaft den Weg des Mikis Theodorakis aus provinziellen Verhältnissen zu einem weltbekannten Musiker nachzeichnen, Auskunft geben über das künstlerische und zivilisatorischen Handeln eines Europäers, der jenseits aller Illusionen und ideologischen Schimären seine Vorstellung vom Dialog einer hohen Kunst und einer sich aufrichtenden Menschheit zu verwirklichen trachtet. Auch wenn eigene Erfahrung das ins Utopische verweist.

So berichtet Theodorakis, wie er bei der Uraufführung seines ersten großen sinfonischen Werkes in London die Damen in Abendgarderobe sah, die Herren im Frack – und plötzlich erkannte, dass ihn nichts mit diesen Menschen verband, dass seine Kunst nicht für eine kleine Oberschicht bestimmt war. Mit der ihm eigenen »kretischen« Dickschädeligkeit wandte er sich zwei Jahrzehnte lang fast vollkommen dem Lied zu. »Ich glaube, dass das Lied, dass eine gute Melodie vielleicht die beste Musik ist, die es gibt.« Es schließlich aufgehen zu lassen in einem Werk wie dem »Canto General« aus der Feder seines Wahlverwandten Pablo Neruda, war eine der großen künstlerischen Symbiosen, die die Weltkultur Theodorakis verdankt. Zugleich war seine künstlerische Arbeit Ausdruck von Patriotismus in einem Land, das sich kulturell an der Peripherie der westlichen Kultur befand. »Ich wollte als Grieche griechische Musik schaffen.«

Ohne Pathos, aber mit der Klarheit eines Menschen, der sich seines Weges immer wieder vergewissert, erinnert er sich entscheidender Momente in seinem Leben – und in der Entwicklung seines Landes. Aus den Augenblicken blindwütiger Barbarei tritt er, körperlich zerschunden und seelisch nachhaltig verletzt, hervor als jemand, der in seinem Land, seinem Volk dennoch Kräfte entdeckt, die ihn zu sich selber zu führen vermögen und die er zu seiner Kunst führen will. Seine Musik braucht nicht nur Chor und Orchester, sie braucht ein Publikum, das Unbildung und Not hinter sich lassen muss, um in den Dialog mit seiner Kunst zu treten.

Was Theodorakis unternahm, um diesem Ziel näherzukommen, hat ihm oft Unverständnis und nicht selten Anfeindungen auch früherer Weggenossen eingetragen. An seiner Konsequenz hat das nichts geändert: Mythos, Musik und Dichtung verlangen und schaffen Freiheit. Das Nötige dafür zu tun, ist es, was Theodorakis »egoistisch« nennt. Was in seinen Texten aufleuchtet, gewinnt durch die beiden ausführlichen Interviews, die Kutulas mit dem Komponisten führte, an Kontur und Tiefe. Einfühlsam spürt der 35 Jahre Jüngere den philosophischen und ästhetischen Zusammenhängen nach, dem geschichtlichen Kontext und den konkreten Bedingungen, unter denen sich Theodorakis' Arbeit vollzog. So erschließen sich nicht nur weniger bekannte Kausalitäten der griechischen Geschichte, sondern auch die Stringenz, mit der Theodorakis seinem künstlerischen und moralischen Anspruch folgte, die Plausibilität seiner politischen Entscheidungen. »Ich begriff«, erinnert er sich an die erste Zeit von Flucht und Gefangenschaft, »dass der Mensch gutherzig wird, sobald er ein Verfolgter ist, das war die schrecklichste Erkenntnis meines Lebens«, sie öffnete ihm den Horizont zwischen »Gut« und »Böse«.

Einer vordergründig politischen Intention von Kunst verweigerte sich Theodorakis zeitlebens ebenso wie einer vordergründig technischen. Es war die Militärjunta, die im April 1967 die Macht ergriff und in ihrem Befehl Nr. 13 die Aufführung der Musik von Theodorakis unter Strafe stellte, die seine Musik »zu einem Ausdrucksmittel gesellschaftlichen Freiheitswillens« machte, wie er selbst formuliert. Sie blieb es, als er in den folgenden Jahren des Exils mehr als 500 Konzerte weltweit gab.

Spätestens damit wurde die Geschichte des Kreters auch eine deutsch-griechische. Kinder in der DDR schrieben zu Tausenden Karten und schickten sie ihm ins Gefängnis in Athen. Einer der Wärter gab ihm einmal einen Sack davon, und Theodorakis tapezierte seine Zelle mit den Freiheitsgrüßen. Aber fünfzehn Jahre später, als er im Leipziger Studentenclub Moritzbastei sprechen soll, vertraut er dem damals 22-jährigen Kutulas an: »Wie kannst du nur hier leben?! In diesem Staat wäre ich entweder im Gefängnis oder tot.«

Zwischen beidem spannt sich jener Widerspruch, an dem der Staatssozialismus scheiterte, »weil das zentrale Problem der Freiheit ungelöst blieb«, so Theodorakis. »Es gibt nur den Kampf um Demokratie und Freiheit, nichts weiter. In diesem Sinne fühle ich mich als Überlebender der inzwischen getöteten Linken.« Sein einziges Engagement sei heute jenes »gegen menschliches Leiden«.

Über eigenes Leid zu sprechen, verbietet er sich. Aber auch Illusionen, Enttäuschungen hinterlassen klaffende Lücken. Was viele Menschen brauchten und mit jener Selbstverständlichkeit nahmen, mit der es gegeben wurde, es wird nicht von allen bewahrt, sondern von wenigen – auf die wiederum wenige zurückgreifen werden, in anderen Zeiten. Der Mensch – »wildes Tier«, »Irrtum der Natur«, reparabler Ausrutscher im harmonischen Universum also? Muss man der Bitterkeit den Platz anweisen außerhalb des anhaltenden Schaffens, des Streits, außerhalb des eigenen, sich neigenden Lebens, um es ausschöpfen zu können bis zum Schluss? Theodorakis lässt solche Fragen, ein wenig wenigstens, offen, und Kutulas hält sie aus.

Ehrfurcht vor dem Werk und Respekt vor seinem Schöpfer zeigen sich nicht nur in dieser von der Typografie bis zum Druck, von der Bild- und Textauswahl bis zur Zusammenstellung liebevoll edierten Ausgabe. Das Werkverzeichnis, den einzelnen Lebensetappen zugeordnet, ist selbst das Ergebnis mehrjähriger Arbeit, die Kutulas leistete. Ebenso akribisch wurde die Discographie erfasst. Der Bonus – eine Videoaufnahme der Aufführung des »Canto General« in Chile, eine Sammlung beispielhafter Musikwerke, die die Entwicklung des Komponisten zeigen, und eine Einspielung von Liedern, bei denen Theodorakis sich selbst am Klavier begleitet – unterstreicht die Exklusivität dieser Edition.

»Meine Person ist zerstückelt wie eine Gliederpuppe, und du kannst die Einzelteile überall verstreut finden«, sagt Theodorakis über sich. »Ich hoffe sehr, dass eines Tages irgendjemand diese Glieder zu einem Ganzen zusammensetzt, damit meine Gesamtgestalt tatsächlich sichtbar werden kann: das, was ich als Mensch, als engagierter Bürger und als Komponist wirklich bin.«

Das Buch von Asteris Kutulas ist ein gelungener Versuch, diesen Wunsch zu erfüllen.

Asteris Kutulas: Mikis Theodorakis. Ein Leben in Bildern. Schott Verlag. 160 S., ca. 300 Abb., 1 DVD, 2 CDs, 49,95 €.

Zu bestellen auch über ND-Bücherservice 030 2978 1777

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