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Von Uwe Stolzmann 30.07.2010 / Feuilleton

»... wie Hunde ohne Herrn«

Alfonsina Storni rebelliert gegen Argentiniens Machowelt

Sie inszenierte ihren Tod so, wie sie ihr Leben empfand ...
Sie inszenierte ihren Tod so, wie sie ihr Leben empfand ...

Alfonsina Storni sitzt in einer Pension des Seebads Mar del Plata, Argentinien, es ist der 22. Oktober 1938. »Ich gehe schlafen«, schreibt sie, ein Gedicht. »Blütenzähne, Haarnetz aus Tau,/ Kräuterhände, du, gütige Amme, / richte mir das erdige Linnen und die Daunendecke aus zerpflücktem Moos.// Ich gehe schlafen, meine Amme, bringe mich zu Bett.« Und zum Schluss: »Ach, eine Bitte noch:/ Falls er wieder anruft, / sage ihm, sein Beharren sei vergebens, ich sei gegangen ...« Sie steckt das Gedicht in ein Kuvert und schickt es an die Zeitung »La Nación«. Drei Tage später schwimmt die 46-Jährige an einem Strand namens La Perla hinaus in den Atlantik; sie inszeniert ihren Tod so, wie sie ihr Leben empfand – als Tragödie.

Alfonsina Storni, geboren 1892 nahe Lugano im Tessin: Als Vierjährige musste sie mit den Eltern fort aus der Heimat, ins südamerikanische Hinterland. Vaters Unternehmungen gehen dort pleite, erst die Brauerei, dann das »Café Suizo«. 1906 stirbt der Alkoholiker. Alfonsina arbeitet in einer Hutfabrik, zieht mit einer Wanderbühne, wird Lehrerin. Die Ausbildung finanziert sie, indem sie am Theater singt. Sängerin? Skandalös!, meinen die Leute, und Alfonsina macht den ersten Selbstmordversuch. Etwas später verliebt sie sich in einen älteren Mann, verheiratet, Politiker, bald ist sie schwanger – der nächste Skandal. Nein, mit Männern soll Alfonsina Storni ihr Lebtag lang kein Glück haben. Sie fühlt sich gedemütigt, geringschätzt, irgendwann wird sie gegen die Machowelt rebellieren, gegen Stereotype, Konventionen, sie wird sich rächen. Mit Versen. »Üble Männer« heißt ein Gedicht. »Geht niemals nachts ins Freie,/ Ihr mit den süßen Lippen.// Geht niemals nachts ins Freie, selbst bei sternklarem Himmel nicht.// Die Männer laufen frei herum,/ wie Hunde ohne Herrn ...«

1911 flieht Storni – aus der Provinzstadt Rosario in die Metropole am Río de la Plata. »Schwarz und ockerfarben« begrüßt sie der Silberfluss. »Flüssiger Schlamm. Es scheint,/ als ob er sich nicht bewegte, als ob er leblos wäre,/ aber er bewegt sich.« Und Buenos Aires? »Vierecke, Vierecke, Vier-ecke«, klagt sie. »Aufgereihte Häuser./ Die Menschen haben schon viereckige Seelen,/ Gedanken in Reih und Glied,/ und Winkel im Rücken./ Ich selbst habe gestern eine Träne vergossen,/ und die, großer Gott, war viereckig.« Die Zuwanderin erschrickt vor dem »dunklen Mund« der Türen, sie sieht Flure wie Fallen, durch die ein »Schreckenshauch« zieht.

Anfangs ist sie Kassiererin, Sekretärin, in einer Apotheke, bei einer Handelsfirma. Später wird sie wieder unterrichten, auch an höheren Schulen. Nach Dienstschluss lebt sie das andere Leben, als Künstlerin. 1913 druckt eine Zeitschrift ein paar Gedichte, und bald wird sie bekannt. Sie bekommt Preise, hört Anerkennung von Kollegen, auch harschen Widerspruch. Borges wettert 1925 gegen »Straßenweiber-Schrillheit«, mit der ihn »die Storni« verletze. Alle paar Jahre erscheint ein neuer Lyrikband. Voller Wehmut sind die Gedichte, auch voller Ironie, Sarkasmus, Gedichte über Lust und Liebe, über den steinigen Weg einer selbstbestimmten Frau.

Die Kunst genügt nicht. Das andere, das Alltagsleben, bleibt grau. Alfonsina Storni leidet unter Verfolgungsängsten, Depressionen, die »Dame Einsamkeit« bedrängt sie. »Auf dem Meeresgrund« erblickt sie sich, in einem blauen Bett in einem Haus aus Glas. Mitte der Dreißiger erkrankt die Dichterin an Brustkrebs, sie wird operiert, die Chemotherapie bricht sie ab. 1938 folgt der Tod im Meer.

Wenig später beginnt die zweite Existenz der Alfonsina Storni, als Mythos. An der Playa la Perla in Mar del Plata, dort, wo sie in die Wellen ging, steht ein Denkmal, ein kastenförmiger Felsblock mit einem Relief. Die Frau auf dem Relief trägt ein dünnes Gewand, im Seewind wehen die Haare. Ein Poet der Hafenstadt Buenos Aires, ein Porteño, schreibt das Lied »Alfonsina y el mar«, das in der Fassung von Mercedes Sosa populär wird. Die Lyrikerin Alejandra Pizarnik (1936-72), ebenfalls eine Porteña, vermerkt in den Fünfzigern: »Alle Jahre feiert das Meer ein Freudenfest. Der Grund: die Besitznahme seiner Geliebten Alfonsina Storni.« Und Gabriela Mistral notiert: »Alfonsina ist die Biene, die sich selbst im Flug verfolgt, bevor sie ins Myrthengestrüpp stürzt; die Bienen-Wespe, die seelenzerrissen um ihr eigenes Fleisch tanzt und in einer Feuer-Pirouette verblutet.«

Heute wird Storni gern als Teil eines Trios beschrieben. Drei Poetinnen, drei Aufrührerinnen, alle lebten sie am Río de la Plata, alle starben jung und tragisch – Alfonsina Storni, Alejandra Pizarnik und ein Vorbild der beiden, Delmira Agustini (1886-1914).

Es gibt erst wenige Publikationen mit Storni-Versen in Deutsch. Dieses zweisprachige Büchlein in feiner englischer Broschur erschien bei Teamart in Zürich. Verleger François Bochud druckte bereits ein Bändchen Pizarnik, eine Sammlung mit Agustinis Gedichten soll folgen. Nur mit dem Übersetzer hatte Bochud diesmal kein Glück. Das Nachwort – stilistisch ein Trauerspiel. Und manche Verse holpern, stolpern. Wer mag und kann, halte sich an die unverwüstlichen Originale gleich neben der Übertragung.

Alfonsina Storni: Blaue Fledermaus der Trauer. Gedichte, Spanisch/Deutsch. Aus dem Spanischen von Reinhard Streit. Teamart Verlag. 168 S., brosch., 19 €.

2 Kommentare zu diesem Artikel

  • OBJZ, 30. Jul 2010 20:06

    "Alfonsina" in vielen Frauenstimmen...

    Die Dichterin Alfonsina Storni, hatte einmal einen argentinischen Lehrer - Zenon Ramirez. Er erzaehlte seinen Sohn ueber die Geschichte der Dichterin. Der Sohn, Ariel Ramirez komponierte dann die argentinische Zamba "Alfonsina y el mar" (Alfosina und das Meer), und Felix Luna schrieb die Lyrik: "Du gehst dahin in deiner Einsamkeit - welche Gedichte zu suchen ?" (Zamba ist eine argentinische Volksmusikform und hat keine Verwandtschaft zum brasilianischen Samba). Seit 1969, und bis heute, haben viele diese Melodie gesungen - auch Placido Domingo. Aber besonders Frauen singen weltweit die Melodie "Alfonsina y el Mar". Folgend sind Hinweise auf verschiedene Darbietung welche im Internet als youtube Videos erscheinen, unter diesen Suchtiteln: > Mercedes Sosa Alfonsina y el mar Alfonsina y el Mar Cristina Branco< (Portugiesin), >Simone Alfonsina y el mar< (Brasilianerin), >Alfonsina y el mar Nana Mouskouri< (Griechin), >Shakira Alfonsina y el mar< (Kolumbianerin), >Lara Fabian Alfonsina y el mar live Moscow 2009< (Belgierin), > Cristina del Valle Alfonsina y el mar< (Spanierin), Joana Rios Alfonsina y el mar< (Portugiesin), >Chabuca Granda canta Alfonsina y el mar< (Peruanerin), >Alfonsina y el mar Tania Libertad< (Peruanerin), - und eine Japanerin (von Asahikawa-Hokkaido) : >Anna Saeki Alfonsina y el mar< in Japanisch, >Anna Saeki en Lima Alfonsina y el mar< in Spanisch.

    • Permalink

    • OBJZ, 30. Jul 2010 20:13

      Re: "Alfonsina" in vielen Frauenstimmen...

      Berichtigung: Suchtitel sollte sein: >Mercedes Sosa Alfonsina y el Mar< (Argentinierin) - und separat: >Alfonsina y el mar Cristina Branco< (Portugiesin)

      • Permalink

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