Der zweite Wettkampftag dieser Europameisterschaften war ein Tag der Überraschungen. So wurde der 100-Meter-Lauf der Männer kein Duell zwischen dem Franzosen Christophe Lemaitre und Dwain Chambers (Großbritannien), sondern eine klare Sache für den 20-jährigen Lemaitre, der nach einem eher verhaltenen Start unaufhaltsam davon zog und in 10,11 Sekunden gewann. »Ich kann es kaum fassen, ich bin sehr, sehr glücklich«, strahlte er später und kicherte verstohlen unter einem weißen Hut, den ihm ein Fan geschenkt hatte: »Jetzt wird es wohl noch verrückter mit dem ganzen Rummel.« Der Mann, der erst mit 15 für die Leichtathletik entdeckt wurde, der Mann, der als erster Weißer unter 10 Sekunden lief, ist nun Europameister. Stoff für viele Geschichten.
Doch die Sensation spielte sich dahinter ab: Gleich vier Läufer kamen zeitgleich ins Ziel, in 10,18 Sekunden. Die Auswertung des Zielfotos dauerte fast zehn Minuten. So drehte der junge Franzose schon seine Ehrenrunde mit Hut, während Dwain Chambers noch rätselte, welche Medaille es denn nun sein würde. Am Ende reichte es nur zu Platz fünf, denn die Konkurrenten Mark Lewis-Francis (Großbritannien), Martial Mbanjock (Frankreich) und der Olympiazweite von 2004, Francis Obikwelu aus Portugal hatten die Köpfe beim Passieren der Ziellinie allesamt ein paar Millimeter weiter vorgereckt als Chambers.
Chambers Landsmann Lewis-Francis konnte kaum glauben, dass es für Silber gereicht hat: »Ich stehe unter Schock, ich bin jenseits von hier und jetzt«, sagte er. In Richtung Lemaitre gab er gleich eine Kampfansage. »Aber Staffelgold holen wir uns«, meinte er zum neuen Europameister. Lemaitre jedoch kündigte an, er habe noch nicht genug. Er werde schnell zu Bett gehen. Schließlich habe er noch die 200 Meter und die Staffel vor sich. »Gefeiert wird zum Schluss.«
Auch der Deutsche Leichtathletik-Verband erlebte am Mittwoch seine Überraschung, allerdings eine unliebsame: Nadine Müller, die Weltjahresbeste im Diskuswurf lieferte eine unerwartet schlechte Vorstellung ab. Statt der erhofften Medaille landete die 1,90-Meter-Athletin aus Halle an der Saale nur auf Rang acht. Mit ihren 57,78 Metern blieb sie exakt zehn Meter unter ihrer Weltjahresbestleistung.
Stattdessen siegte die erst 20-jährige Kroatin Sandra Perkovic, die mit dem böigen Wind im Olympiastadion von Barcelona am besten zurecht kam. Sie warf die Scheibe im letzten Versuch auf 64,67 Meter und übertrumpfte damit Altmeisterin Nicoleta Grasu aus Rumänien (38), die bis dahin mit 63,48 Meter geführt hatte. Bronze ging mit 62,37 Meter an die Polin Joanna Wisniewska.
Nadine Müller konnte sich keinen Reim auf ihren miserablen Wettkampf machen: »Ich hatte einfach einen beschissenen Tag«, so lautete ihr drastisches Urteil. Böiger Wind von rechts, das sei für eine Linkshänderin schwer zu händeln. Sabine Rumpf aus Selters, die mit 58,89 Meter als Siebte beste Deutsche war, haderte auch mit dem Wind. »Man musste heute flache Würfe versuchen«, erklärte sie. »Sonst stellt sich der Diskus so auf wie bei Nadine Müller zu beobachten.« Beim Siegwurf der Kroatin habe der Wind für einen Moment gepasst, plötzlich und überraschend.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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