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Von Anna Maldini, Rom 03.08.2010 / Ausland

Italien wartet auf Aufklärung

Drei Jahrzehnte nach dem Bologna-Attentat bleiben Hintergründe unklar

Vor 30 Jahren, am 2. August 1980, explodierte im Hauptbahnhof von Bologna eine Bombe. Sie riss 85 Menschen in den Tod, über 200 wurden zum Teil schwer verletzt. Vier Neofaschisten wurden zu langen Haftstrafen verurteilt, weil sie den Sprengstoff platziert hatten. Einige Mitglieder der umstürzlerischen Freimaurerloge P2 wurden als Hintermänner verurteilt. Aber die volle Wahrheit steht noch aus.

Es dauert dem Gefühl nach unendlich lang, wenn die Namen der Menschen verlesen werden, die der faschistischen Gewalt – so steht es auf einer Gedenktafel im Bahnhof von Bologna – zum Opfer fielen. Diesmal hatten zwei junge Leute, die in jenem Schicksalsjahr 1980 zur Welt kamen, diese Aufgabe übernommen. Denn seit damals findet in der norditalienischen Stadt jedes Jahr eine Gedenkfeier statt, auf der die Hinterbliebenen der Opfer und viele Italiener immer wieder das gleiche fordern: Die Wahrheit über das schlimmste Attentat, das Italien jemals erschüttert hat. Und die, so ist man überzeugt , kann nur dann ans Licht kommen, wenn die Staatsarchive geöffnet und alle Geheimakten endlich einsehbar werden. Tatsächlich müsste das heute geschehen, da ein Gesetz den Schutz von »Staatsgeheimnissen« auf 30 Jahre beschränkt. Aber in der Regierung denkt man laut darüber nach, wie man das zumindest teilweise umgehen kann.

Die Angehörigen der Opfer, die sich zu einem Verein zusammengeschlossen haben, wollten auf der Gedenkfeier Regierungsvertreter eigentlich fragen, wie es denn mit der Aufklärung aussieht. Das aber war nicht möglich, da sich zum ersten Mal in 30 Jahren kein Minister nach Bologna »getraut« hat. »In den letzten Jahren wurden Minister immer ausgepfiffen. Die Atmosphäre ist hassgeladen und einer Trauerfeier nicht angemessen«, ließ Vereidigungsminister Ignazio La Russa aus Rom verlauten.

Von Anfang an waren die Ermittlungen extrem schwierig. Zuerst hieß es, möglicherweise sei es gar keine Bombe gewesen, die in Bologna explodiert ist. Dann, als die Untersuchungsbehörden die neofaschistische Spur verfolgten, wurde ein Teil des Prozesses abgespalten und verlief im Sande. Außerdem tauchten plötzlich wie aus dem Nichts dubiose Zeugenaussagen und sogar vermeintliche »Beweise« auf, die die Untersuchungen in eine andere Richtung lenken sollten: Einmal sollte der – linke – internationale Terrorismus Schuld sein, einmal Libyen, einmal die Palästinenser oder israelische Mossad-Agenten.

Gleichzeitig wurde aber immer deutlicher, dass tatsächlich die italienischen Geheimdienste – oder zumindest Teile davon – als Hintermänner agierten und die unzähligen falschen Fährten legten. Unter den Verurteilten war auch Licio Gelli, Großmeister der Freimaurerloge P2, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, in Italien die verfassungsmäßige Ordnung umzustürzen. Dieser Loge gehörten unter anderem hohe Gemeindienstfunktionäre, aber auch ein gewisser Silvio Berlusconi an.

Bis heute weiß man nicht, wer die Neofaschisten von Bologna finanzierte und wer sonst noch hinter der sogenannten Spannungsstrategie steckte, mit der man in Italien von 1969 bis Mitte der 80er Jahre durch zahlreiche Attentate ein Klima der Gewalt schaffen und dann den »Ruf nach dem starken Mann« anstimmen wollte. Vielleicht könnten die Geheimakten, die weiterhin unter Verschluss sind, darüber Auskunft geben. Vielleicht steht darin auch, wer die »ausländischen Spuren« in den letzten Jahren immer wieder in den Vordergrund brachte und sogar den von vielen Medien groß ausgeschlachteten Verdacht nahelegte, dass die verurteilten Neofaschisten Francesca Mambro und Giusva Fioravanti nur »Sündenböcke« seien.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang zudem, dass gerade Fioravanti vor einiger Zeit in einem Interview erklärte, dass es doch nicht angehe, dass er im Gefängnis sitze, während einige seiner Weggefährten von einst Ministerposten hätten. Unter den ehemaligen Weggefährten nannte er auch den heutigen Verteidigungsminister Ignazio La Russa.

In diesem Jahr wurde erneut offensichtlich: Bologna hat nicht vergessen und 30 Jahre haben nicht ausgereicht, um die Erinnerung an das faschistische Massaker abzuschwächen. Am Bahnhof der Stadt hängt nach wie vor die Uhr, die damals durch die Explosion beschädigt wurde. Sie soll für immer die Zeit anzeigen, als 85 Menschen starben: 10.25 Uhr.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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