Von Bernd Zeller
07.08.2010
Kolumne

Fleisch

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Verbraucherschützer geben die Warnung aus, dass industriell hergestelltes und in Folie abgepacktes Fleisch mittels Sauerstoffbehandlung künstlich daran gehindert wird, so auszusehen, wie es seinem Zustand entspräche, und dadurch sogar weniger aromatisch und zart wird. Das heißt, es sieht rot und damit frisch aus, obwohl es – zwar noch nicht unter die Gammelfleischverordnung fallend – doch schon längst hätte verzehrt werden müssen. Die Fleischindustrie begründet dieses Verfahren damit, dass Verbraucher es nicht schätzen, wenn Fleisch so alt aussieht, wie es ist.

Die Verbraucherschützer übersehen zwei für die Konsumenten wichtige Umstände. Früher musste Fleisch in Blechdosen eingelötet werden. Der damit verbundene Aufwand beim Tragen und Öffnen sowie beim Entsorgen wäre den heutigen mündigen Kunden nicht mehr zuzumuten. Desweiteren isst bekanntlich das Auge mit, so das es auf das appetitliche Erscheinungsbild weitaus mehr ankommt als auf abstrakte Größen wie Aroma, zumal es dafür Fertigsoßen gibt. Es handelt sich also nicht um Täuschung. Der Käufer möchte rotes Fleisch und bekommt welches. Dass die Röte aufgrund urzeitlicher Prägung für Frische steht, spielt bei der Motivation eine Rolle, genauso wie ein großes Auto attraktiv wirkt, weil man unbewusst immer noch wie vor Millionen Jahren darauf aus ist, notfalls möglichst schnell vor dem Löwen zu fliehen. Die Frische wiederum steht intuitiv weniger für Produktqualität als für das Gefühl, das Fleisch selbst erbeutet zu haben. Ein ähnliches Erfolgserlebnis vermittelt das Öffnen einer Konservendose nicht oder nur, wenn man es ohne passenden Dosenöffner schafft. Aber auch das Öffnen der Folie kommt mitunter einer Jagd gleich, was die Anstrengung angeht, so dass sich ein enttäuschendes Gefühl einstellen würde, wenn das Fleisch die Illusion zunichtemachte.

Sauerstoffbehandlung wird auch in Kurkliniken zur Frischhaltung eingesetzt. Man kann froh sein, dass das Supermarktfleisch nicht auch noch mit Botox geglättet und chirurgisch gestrafft wird.

Text und Vignette: Bernd Zeller