Georg Kolbe: Tanzstudie nach Gret Palucca
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Das Georg-Kolbe-Museum in Berlin-Charlottenburg feiert sein 60-jähriges Bestehen mit einer einfallsreichen Sonderausstellung figurativer Plastik. Das Atelierhaus des 1947 mit siebzig Jahren verstorbenen, hoch angesehenen Bildhauers bewahrte anfangs nur dessen als Stiftung hinterlassene Werke und Kunstsammlung. Seit 1978 begann, gefördert vom Land Berlin, unter der Leitung von Ursel Berger, eine immer umfänglichere Ausstellungstätigkeit zur Plastik des 20. Jahrhunderts. Vor zwei Jahren kam auch Marc Wellmann mit seinen speziellen Kenntnissen zur neuesten Bildhauerkunst in die Leitung. Beide konzipierten nun einen »Jahrhundertsprung«, um der Situation um 1910, als Kolbes Aufstieg begann, die Lage von 2010 gegenüberzustellen.
Je eine mindestens lebensgroße Arbeit von sieben deutschen Bildhauern im frühen 20. Jahrhundert und von elf gegenwärtig in Deutschland Tätigen, darunter vier Frauen, sind miteinander zu vergleichen. Eine vollständige Lagebeschreibung war nicht das Ziel. Für 1910 stehen damals durchschnittlich 35 Jahre alte Bildhauer, die wie Kolbe mit Aktfiguren eine neue Art von Plastik anstrebten, die sich von den bis dahin üblichen Denkmal- oder Genrefiguren unterschied. Während Kleidung eine Figur einem bestimmten Ort und einer Zeit zuweist, sollte Nacktheit überzeitliche Gültigkeit menschlicher Werte hervorheben. Unberücksichtigt bleiben Barlach mit seinen Gewandfiguren und die kühneren Neuerungen von Expressionisten wie Kirchner. Die individuellen Unterschiede zwischen Fritz Klimsch, Bernhard Hoetger, Ernesto de Fiori und anderen sind geringer als der sie verbindende Wunsch, verschiedene Verhaltensweisen und Empfindungen mittels schöner und kraftvoller Körper vorzuführen, was auch Anklänge an antike Klassik einbezog und wohl von der Hoffnung getragen wurde, dass damit ideale Vorbilder gesetzt würden, nach denen sich auch reales Verhalten zum Besseren verändern werde.
Was in der Folgezeit, seit Erstem Weltkrieg und Revolutionen, real und künstlerisch geschah, bleibt ausgeblendet. So erhalten wir keine Ansätze zur Erklärung, weshalb die durchschnittlich gut vierzigjährigen Bildhauerinnen und Bildhauer, die für die Situation kurz vor 2010 ausgewählt wurden, untereinander sehr verschieden arbeiten und außerdem figurative Plastik teilweise auf eine Art verstehen, die 1910 völlig undenkbar gewesen wäre.
Georg Kolbe ist in der Ausstellung mit einer angespannt stehenden »Malaiin« von 1916 vertreten, was ihn mit der Tendenz verbindet, an nicht-europäischen Menschentypen einen Ansatz zur Loslösung von Konventionen zu finden. Später geriet er, wie andere, gelegentlich in bedenkliche Nähe zu einem Kult athletischer deutscher Kämpfer, den die Nazis für ihre Absichten vereinnahmen konnten. Von solcher Kunst wollten sich die Meinungsführer im westlichen Nachkriegsdeutschland entschieden abkehren. Dennoch bestand eine Unterströmung figürlicher, auch realistischer Plastik ständig weiter.
Die Arbeiten der zwischen 1954 und 1978 Geborenen gehören mit einer Ausnahme zu einem neuerlichen Auftreten von Figuration auf der dominierenden Kunstszene, wie es auch in der Malerei der Fall ist. Sie sind von der relativen Einheitlichkeit der »1910er« weit entfernt, ohne dass eine führende Tendenz auszumachen ist. Jetzt wird viel ausschließlicher als in früheren Zeiten mittels verblüffender Einfälle, die manchmal nur vorübergehend Effekt machen. Ein Vorbild-Setzen, mit dem man hofft, Menschen zu verändern, ist weitgehend aus der Mode gekommen.
Statt dessen treffen wir auf verstörende bis abstoßende Wirkungen, besonders bei dem Wiener Markus Leitsch, dem jüngsten Teilnehmer, der eine Abformung seines nackten liegenden Körpers auf eine glitschig glänzende, in Epoxidharz getränkte Kuhhaut gelegt hat, und bei dem überlebensgroßen, naturalistisch gestalteten, brutalen »Boxer« des Friesen Ubbo Enninga. Die »Stehende im kurzen Rock« von Robert Metzkes, der in Dresden studierte, ist eigentlich die einzige Figur, die uns mit ihrer selbstbewussten Nachdenklichkeit für sich einnimmt. Von dem in Berlin lebenden Engländer John Isaacs stammt die erwähnte Ausnahme. Hier muss sich der Betrachter die Figur aus der Erinnerung hinzudenken, weil nur der Felsblock nachgebildet ist, auf dem Rodins berühmter »Denker« sitzt.
Bezugnahmen auf ältere Kunst sind heutzutage häufig. Klaus Winichner zitiert eine Kolbe-Plastik, ändert aber den Ausdruck völlig. Sein Akt, über den Gipsschlamm ausgegossen scheint, um die Oberfläche zu beschädigen, flieht vor Gewalt; über den verletzten Kopf fließt Blut. Professorin Pia Stadtbäumer lässt ein betont ordinär geschminktes Modell die laszive Haltung einer Gestalt des Rokokomalers Fragonard nachahmen und hängt die Plastik wie eine Jagdtrophäe an die Wand. Dalís surrealistische Venus mit Schubladen kehrt in einer »Lebenden Skulptur« von Professor Christian Jankowski wieder, der dazu eine Lebendabformung von einer Frau nahm, die sich in Barcelona auf der Straße als Statue fotografieren ließ, um etwas Geld zu verdienen.
Auffällig oft wird reale Kleidung auf verschiedene Weise verwendet. Die Niederländerin Mathilde ter Heijne kostümiert sich als Angehörige eines südchinesischen, matriarchalisch strukturierten Volksstammes, dessen wehmütiges Lied aus einem eingebauten Lautsprecher erklingt, und verehrt ihre fiktive Ahnin. Die Gesichter von Iris Kettners modisch gekleideter junger Großstädterin und ihres Kindes sind aus zusammengeknüllten Stofffetzen geformt und so zu Abfall verfremdet. Vier sich prügelnde Knaben hat Veronika Veit ganz naturalistisch und mit echten Haaren geformt, aber ihre Größe um die Hälfte geschrumpft und ihren Gesichtsausdruck betont emotionslos gelassen. Solcher Surrealismus wirkt besonders schockierend bei den adrett gekleideten kleinen »Zwillingen« von Simon Schubert. In Abwandlung einer Bildidee des Malers René Magritte ergeben die lang herabfallenden Haare der Mädchen von beiden Seiten her nur die gleiche Rückenansicht; das unsichtbar bleibende Antlitz erlaubt kein Erkennen der Dargestellten.
Alles zusammen ist durchaus auch kritische Reaktionen auf Missstände und Bedrohliches in heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen. Die Beispiele für verschiedene aktuelle Vorschläge zu figürlicher Plastik an Stelle von Ungegenständlichem, Installationen, Videos und Performances entlassen aber die Betrachter mit der Frage, wann wieder Bildhauern volle Aufmerksamkeit zuteil wird, deren Menschendarstellungen versuchen, ein Vertrauen in die Kraft menschlichen Handelns zu stärken.
1910/Figur/2010; Georg-Kolbe-Museum, Berlin, Sensburger Allee 25, bis 5. 9., Di-So 10-18Uhr
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