Im Zentrum der Dresdener Herrnhut-Ausstellung steht der in der Elbestadt geborene Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700 bis 1760). Zinzendorf wurde vom Prediger Philipp Jacob Spener und später in der Oberlausitz bei seiner pietistischen Großmutter aufgezogen, besuchte das Pädagogium der Franckeschen Stiftungen in Halle. Das Studium der Rechtswissenschaften führte ihn in den sächsischen Staatsdienst unter August dem Starken.
Zum Schicksal wurde ihm schließlich die Ansiedlung einer Schar von böhmischen Exkulanten auf seinem Grundbesitz im sächsischen Berthelsdorf. 1727 wurde dort die Herrnhuter Bruderunität gegründet. Nach dem Tod des Grafen übernahm die Gemeinschaft Schloss und Gut und entwickelte es zu einer selbstständigen Gemeinde, die 1929 sogar das Stadtrecht erhielt. Wie 500 Jahre zuvor Franz von Assisi für den Katholizismus so bewirkte von Zinzendorf eine Erfrischung des dogmatisch erstarrenden Protestantismus. Von den zweitausend Kirchenliedern aus seiner Feder gehören viele noch heute zum lebendigen Schatz evangelischen Liedgutes. Seit 1733 werden die Herrnhuter Losungen ausgegeben – durch Zufall oder Schickung, wie man will, ermittelte Bibelverse für jeden Tag, übertragen in viele Sprachen.
Unter den bibliophilen Schätzen der Dresdener Ausstellung findet sich auch ein bezeichnendes Kuriosum: Einem Druck der »Legenda Aurea« von 1495 wurde die Vita des Jan Hus angehängt. Der böhmische Reformator, der so gegen die »Nebengötter« der Heiligenverehrung schimpfte, ist hier selber einer geworden. Nur drei Exemplare gibt es von dieser Inkunabel. Die »Kralitzer Bibel« von 1579 ist die erste Bibelübersetzung in tschechische Schriftsprache. Für die Missionsarbeit der Herrnhuter waren die Kolonialstaaten von großer Bedeutung. Unter den fremdsprachigen Drucken der der Bewegung findet sich in der Ausstellung etwa ein »Psalm-Boek voor die Negergementen« (1774) in Dänisch-Westindien. Die Missionare leisteten oftmals indirekte Hilfe bei der Emanzipation ihrer Adressaten. So fixierten sie die Bilderschrift der Eskimos, welche sich in der Folge allerdings nicht gegen die von den Dänen schulisch vermittelten lateinischen Buchstaben durchsetzen konnte.
Wilhelm von Humboldt erfragte bei den Brüdern Literatur in indianischen Sprachen. Man konnte ihm dienen mit einem Delaware-Gesangbuch von 1803. In der Mission unter den nordamerikanischen Ureinwohner resignierten die Herrnhuter allerdings schon hundert Jahre darauf. Der Branntweinteufel aus der Flasche hat mehr Rothäute »bekehrt« als das »Opium für das Volk«.
Bizarr erscheint ein Palmblattkodex des Markus-Evangeliums in malabarischer Sprache der Koromandel-Küste Südost-Indiens, oder auch das Manuskript einer arabischen Übersetzung der Augsburger Konfession.
Von der pädagogischen und wissenschaftlichen Betriebsamkeit der Herrnhuter künden schöne Aquarelle nach tropischen Pflanzen und Fischen in der besten Manier der Linnéschen Epoche der Naturkunde. Sehr bemerkenswert sind auch das professionell von Schülerhänden gestaltete Diarium einer »Reise auf den Harz im Jahr 1786«, ein Geometrielehrbuch und Hinweise zur Gesundheitspflege der Heranwachsenden.
»Die Welt in Herrnhut. Schätze aus dem Unitätsarchiv Herrnhut«, bis zum 4. September im Buchmuseum der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden, Zellescher Weg 18, Mo-Sa 8-18 Uhr.
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