Riesig sind die Räume der Galerie im Saalbau Neukölln in der Karl-Marx-Straße 141 nicht. Dennoch ist hier derzeit die Welt zu Hause. Folgt man den bunten Linien schon von der Straße aus, ist man schnell mittendrin, entdeckt Spuren nach China, Vietnam, Amerika, Indien, Afrika, in die Türkei oder die ehemalige Sowjetunion und DDR. In der Ausstellung »Weltbürger. 650 Jahre Neukölln in Lebensgeschichten« kann der Besucher »Weltgeschichten« erfahren, sehen, hören, riechen und sogar schmecken. Nicht 650 Jahre zurückliegende Stadtgeschichte wird betrachtet, sondern Weltgeschichte summiert, so wie sie Menschen, die heute in einem Stadtteil leben, wo jeder zweite Bürger seine Wurzeln im Ausland hat, erfahren haben. Für sie alle stehen 15 Menschen mit ihrem Lebensweg im Mittelpunkt.
Kleine Büchlein über die Porträtierten und viele Fotografien aus ihren privaten Alben bieten Einblicke in bewegende Lebensgeschichten. In Porträtboxen verbergen sich Dinge, die ihnen wichtig sind, die sie begleitet haben, die sie weitergeben möchten. Öffnet man die Box von Frau und Herrn Pham aus Vietnam, erklingt Musik. Sie spielt Zither, er Monochord. Bei Manjula Narayanswamy aus Indien duftet es nach Curry. Sie fand in Neukölln Freunde über das Essen – noch ehe sie deutsch sprechen konnte. Raymond aus den USA brachte nach Berlin ein Foto seiner jüdischen Tante mit, die 1938 als Vierzehnjährige aus Nazideutschland fliehen musste. Heute erforscht er die Geschichte der Juden in Neukölln. Oder Hakki Demir. Er erlebte während seines Wehrdienstes den Militärputsch 1960. In seiner Ahnenbox ist ein von ihm verfasstes Gedicht.
Was sich die Schüler der Albert-Schweizer-Schule von den Erfahrungen der Ahnen mitnehmen möchten, wird sich noch zeigen. Vorerst zeigen sie im grünen Raum unter anderem ihre Lieblingsplätze im Kiez und laden Jugendliche ein, ihre Gedanken auf ausliegenden Zetteln aufzuschreiben. Auch unter dem Motto »Neukölln schreibt Geschichte« sind alle Besucher aufgerufen, mitzuwirken – in der Ausstellung oder auf dem Webblog. Vorgemacht haben es ihnen Frauen, die während ihres Mütterkurses an der Volkshochschule offen und sehr persönlich über ihr Neukölln berichteten.
Wer noch mehr Neukölln erleben möchte, setzt sich auf die »Neukoellnetta«: Mit dem Moped aus Karton und dem Blick nach vorn kommt man zu bekannten Straßen und Plätzen und erfährt, was fünf Filmemacher aus verschiedenen Orten dieser Welt mit ihnen verbindet.
Die Ausstellung wurde von einer internationalen Projektgruppe erarbeit, veranstaltet vom Neuköllner Kulturverein in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt, gefördert vom Fonds Soziokultur und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft. »Dabei sind wir neue Wege in der kooperativen Ausstellungserarbeitung gegangen, aber auch neue Wege, um ein Stadtjubiläum zu begehen«, meint Kulturamtsleiterin Dorothea Kolland. Dass diese Wege gut und richtig waren, zeigen auch die ersten Einträge ins Gästebuch. Die Besucher fühlen sich durch die persönlichen Lebensgeschichten ihrer Neuköllner Nachbarn angeregt, sich an der Stadtbezirksgeschichte auch mit ihren eigenen Erinnerungen zu beteiligen. Ein Lehrer bekam nicht nur viele Hinweise für seinen Unterricht, er meint auch: »Genauso – als Weltbürger fühlen wir uns hier.«
Bis 30.10. in Galerie im Saalbau, Karl-Marx-Straße 141, Neukölln
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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