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Von Harald Kretzschmar 14.08.2010 / Feuilleton

Kopf und Hand mit Charakter

Satirische Porträts von Frank Hoppmann in Potsdam

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Die jüngere Szene der medial zugänglichen Karikatur, dünn besetzt und alles andere als temperamentvoll vorpreschend, weist dennoch einige wenige klangvolle Namen auf. Der 35-jährige, in Münster ansässige Frank Hoppmann gehört schon allein deshalb dazu, weil er einer der wenigen »Studierten« auf diesem Gebiet ist. Was professionelles Zeichnen anbelangt, ist er so sattelfest, dass er frei damit variieren kann. Immerhin ging der aus dem Emsland Stammende nach dem Abitur fünf Jahre bei Grafik-Agenturen in die Lehre. Wiederum sechs Jahre brachte er mit einem Grafikdesign-Studium – Schwerpunkt Illustration und Druckgrafik – an der Fachhochschule Münster zu. Das schloss er mit dem Diplom für einen Illustrationszyklus über die Gesichter des Suffs als »Spirituosenliebhaberei« ab.

Ja, und nun ziert schon seit Jahren jeden Monat jeweils eine solch psychologisch ausgelotete, grotesk überhöhte Porträtkarikatur eine ganze Seite unseres »Eulenspiegel«. Aber auch »Welt am Sonntag«, »Rolling Stone Magazin« und andere angesehene Publikationsorgane pflegen die farbig dezenten, grafisch raffiniert inszenierten Blätter gerne zu präsentieren. Ein Glück, dass in der Presse die Profession eines »art director«, der so etwas in Auftrag gibt, noch nicht völlig wegrationalisiert ist. In der auswechselbaren, fotografierten Bilderflut gibt es somit grafisch akzentuierte originelle Fixpunkte.

Das fiel offenbar der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung in Potsdam auf. Jedenfalls schritt die dort seit Jahren fürs Ausstellungswesen tätige Martina Schellhorn zur Tat, und wählte Frank Hoppmann für die traditionell der politischen Satire gewidmete Sommerausstellung dieses Jahres aus. Von ausschließlich künstlerischen Maßgaben verpflichteten Museen und Galerien unterscheidet sich dieses Haus dadurch, dass alle ausgesuchten Originalzeichnungen geringfügig verkleinert als Kopie an die Wände kommen. Hoppmanns furios fegenden Feder- und Pinselstriche auf riesiger eingefärbter Fläche werden so eben – zumal in ordentlicher Reihung auf langer Wand – diszipliniert. Und mutieren so, dem Anspruch der Institution gemäß, zum politischen Bildungsgut. Der Generalstaatsanwalt des Landes Brandenburg, Ermanno Rautenberg, wusste das in seiner launigen Eröffnungsrede zu rühmen. Er pries solcherart ironisierende Politikerdarstellung als probates Mittel gegen einen für die Demokratie tödlichen Cäsarenwahn.

Die Gliederung der Ausstellung ist insofern perfekt, als im Entree die für das offizielle Repräsentieren der Republik gewählten Gesichter in schön drastischer Form sichtbar werden, und im Saal die Kulturprominenz ihr wahres Gesicht zeigen darf. Die Bundeskanzler und Bundespräsidenten der Vergangenheit sind als Pflichtprogramm mit dabei. Das blitzartig erhellende Erkennen psycho-originaler Wahrheiten entzündet sich dann erst wirklich an den aktuellen Visage-Panoramen. Was sich da rund um Münder, Nasen, Augen alles abspielt – sagenhaft. Der Porträtist analysiert ein auffallendes Dominieren der von Zähnen hinterlegten Lippenpartien. Ausdrucksvolle Blicke sind eben nicht das allein Beherrschende von Physiognomien. Zähne zeigen oder zusammenbeißen. Oder beides. Das allein zeitigt öffentliche Wirkung.

»Charakterköpfe« ist das Ganze überschrieben. Jemand, der sich anmaßt, Charaktere anderer zeichnerisch sozusagen zu klassifizieren, sollte das auf charaktervolle Art tun. Das ist bei Hoppmann der eigentliche Glücksfall. Des Zeichners Kopf und Hand wirken nicht nur charakteristisch. Sie sind geradezu charaktervoll. Gesichtsmassen, die wie Hefeteig aufgehen, werden meist von straffen Strichen und Linien gehalten. Expansives Geltungsbedürfnis wird hier strichweise gezähmt. Zahm ist das in keinem Fall. Es wird immer bis an die Schmerzgrenze gegangen. Leere Komplimente sind so wenig zu erwarten wie coole Gleichgültigkeit. Eine Mimik, die nach zeichnerischer Fixierung geradezu schreit, muss den Porträtisten ja geradezu faszinieren. Die Rage der schöpferischen Erregung springt dann auf den Zeichenkarton. Zuckt und vibriert. Und wird mitten in der Bewegung festgemacht. Ein für allemal. Basta.

CHARAKTERKÖPFE. Satirische Porträts von Frank Hoppmann. Bis 21. Oktober, Mo-Mi 9-18 Do/Fr 9-15, Landeszentrale für politische Bildung, Potsdam, Heinrich-Mann-Allee 107, Zugang Friedhofsgasse

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